Massenpanik durch "Marsianer"Glaube an Außerirdische Invasion löste einst Todesangst ausHamburg (dpa) - Am Sonntag, den 30. Oktober 1938, herrscht Panik in der Bronx. Hunderte von New Yorkern laufen in Todesangst durcheinander. Denn am Abend sind die Marsbewohner im benachbarten New Jersey gelandet und haben mit der Zerstörung der Erde begonnen. Hitzestrahlen und tödliches Gas sollen der Menschheit den Garaus machen. Davor warnt jedenfalls eine landesweite "Sondersendung" des Columbia Broadcasting Systems - und rund 1,2 Millionen Amerikaner glauben den erfundenen Angriff der Außerirdischen.
Schreckliche MonsterSchreckliche Marsmonster aus dem Roman "Krieg der Welten" des Briten Herbert G. Wells waren dagegen für die Massenpanik vor fast 60 Jahren in den USA verantwortlich. Die beiden Amerikaner Howard Koch und Orson Welles hatten den Roman für das Radio bearbeitet und als Hörspiel produziert. Damals steckte das Land in einer tiefen wirtschaftlichen Krise, und Angst vor einem Krieg machte sich breit. Viele Zuhörer hielten den "Angriff" für real. Dabei bestanden schon damals starke Zweifel an der Existenz der "Marsianer".Vierzig Jahre zuvor war das anders. Als der "Krieg der Welten" kurz vor der Jahrhundertwende erschien, war man fest davon überzeugt, daß es auf dem Roten Planeten Leben gebe. Bereits Immanuel Kant hatte an hochentwickelte Wesen auf dem Mars geglaubt. Der deutsche Philosoph ging sogar davon aus, daß auch alle übrigen Planeten unseres Sonnensystems bewohnt seien. Die Intelligenz der Planetenvölker sollte dabei mit dem Abstand von der Sonne zunehmen. Kant hielt die "Marsianer" also für schlauer als die Erdenbürger, aber für weniger intelligent als die Bewohner des Jupiters.
Vermeintliche Kanäle waren optische Täuschungen1877 entdeckte der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli einige schnurgerade Linien auf dem Mars. Die "canali", wie er sie nannte, schienen die Spekulationen über Leben auf dem Planeten zu bestätigen. Viele Wissenschaftler hielten sie für Bauwerke einer fremden Zivilisation. Der Erforschung der vermeintlichen Kanäle widmete sich fortan ein Observatorium, das der Mars-begeisterte amerikanische Kaufmann Percival Lowell erbauen ließ. Bis zu seinem Tode 1916 hatte Lowell über 700 solcher "Kanäle" entdeckt, die er für ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem hielt.Bessere Teleskope entlarvten die "canali" später allesamt als optische Täuschungen, doch die Spekulationen über Außerirdische waren nicht beendet. Als die amerikanischen "Viking"-Sonden 1976 auf dem Mars landeten, war die Suche nach Leben eine ihrer Haupaufgaben. Zwar fahndete man nicht mehr nach kleinen grünen Männchen, doch vermuteten die Experten Mikroorganismen im Boden. Als die ersten Daten von den "Viking"-Proben die Erde erreichten, hielt die Welt den Atem an: Im untersuchten Boden gab es drastische Veränderungen, die auf Atmung oder Photosynthese hindeuteten.
"Exotische Chemie"Die genaue Untersuchung des Marsbodens zeigte aber bald, daß sich alle Beobachtungen mit der exotischen Chemie des Roten Planeten erklären ließen. Spuren von "Marsianern" wurden nicht entdeckt. Auch die jüngste Entdeckung der amerikanischen Wissenschaftler zeugt nicht von einer vergangenen Zivilisation. Nach Angaben von NASA-Direktor Daniel S. Goldin handelt es sich um sehr kleine, einzellige Strukturen, die an irdische Bakterien erinnern.Von Till Mundzeck, Foto: Kinofilm "Independenceday" 1996 |