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Just-In-Time-Produktion macht Autoindustrie verwundbar

"Die Pipeline muß laufen"

Rüsselsheim, 18. Februar (AFP) - Wegen des Streiks der spanischen Fernfahrer fehlen in den Autoschmieden von Opel und VW wichtige Bauteile der Zulieferer, die Montagestraßen stehen still. Eine eigene Lagerhaltung haben Autohersteller weltweit aus Gründen der Kostenersparnis schon vor Jahrzehnten aufgegeben und auf ein Produktionssystem umgestellt, bei dem LKWs die Bauteile zur Montage "just in time" (gerade rechtzeitig) anliefern.

"Die Just-In-Time-Produktion hat die Autoindustrie verwundbar und abhängig von den Lieferanten gemacht", räumt ein Sprecher der Adam Opel AG in Rüsselsheim ein. Nach Schätzungen von Speditionsverbänden sind täglich Tausende LKWs als rollende Lager auf bundesdeutschen Straßen unterwegs. Derzeit werden in Deutschland jährlich rund 600 Millionen Tonnen an Gütern "just-in-time" zu den Abnehmern transportiert - mit steigender Tendenz.

Hunderte LKWs liefern täglich Ersatzteile an

Trotz der Streiks und Produktionsausfälle in Millionenhöhe wollen die Autofirmen an dem Produktionssystem festhalten: "Die Pipeline muß laufen", heißt es bei VW in Wolfsburg. Damit ist das verzweigte Versorgungsnetz gemeint, daß die Bandstraßen ununterbrochen mit Bauteilen versorgt. Je nach Automodell werden weit über 1000 Teile benötigt, die oft nur wenige Stunden vor ihrer Montage angeliefert werden und in die Pipeline kommen. In Wolfsburg sind es je nach Modell bis zu 1000 Lieferanten. Dabei kommen zumeist 50 Prozent der Teile von deutschen Zulieferern, 40 Prozent aus Westeuropa und der Rest aus aller Welt. Die von VW selbst produzierten Getriebe, Achsen, Motoren und Blechteile werden mit der Bahn transportiert, der Rest kommt über die Straße. Im VW-Stammwerk Wolfsburg sind es bis zu 350 LKW, die mit Tausenden Tonnen an Zulieferteilen täglich die Pipeline füttern.

Abhängigkeit bei "Single Sourcing"

Die deutsche Autoindustrie kann schon aus Wettbewerbsgründen auf die "Just-In-Time-Produktion" nicht mehr verzichten. Die Lagerkosten wären bedeutend höher als es das Risiko des Produktionsausfalls durch Lieferengpässe rechtfertigen würde. Größere Produktionsrisiken sehen die Autoschmieden weniger bei der Anlieferung der nötigen Bauteile, sondern vielmehr im sogenannten "Single Sourcing", der Anhängigkeit von nur einem einzigen Zulieferer. Die Teileproduktion in der Hand nur eines Zulieferers führt einerseits zu höchster Wirtschaftlichkeit und Rendite. Die negativen Folgen des "Single Sourcing" bekam der japanische Autobauer Toyota Anfang Februar drastisch zu spüren. Weil ein Feuer das Werk des Bremsenzulieferers Aisin Seiki zerstört hatte, mußten die fünf Toyota-Werke in Japan die Automontage tagelang einstellen und waren noch in der zweiten Woche nach dem Brand nur zu 60 Prozent ausgelastet.

Lieferanten verstärkt im Umfeld ansiedeln

In den VW- und Opel-Werken ist noch nicht abzusehen, wann die Produktion wieder auf vollen Touren laufen wird. Der Schaden wird gleichwohl gering eingeschätzt. Mit den geltenden flexiblen Arbeitszeitregelungen und Zeitkorridoren für Mehrarbeit kann der Produktionsrückstand schnellstmöglichst aufgeholt werden, sagt Opel-Sprecherin Gudrun Langer. Bei VW wird das bestätigt, der Schaden besteht letzlich nur in zuzätzlichen Lohnkosten für etwaige Sonderschichten. Der Geschäftsführer des Gesamtbetriebsrats von VW, Hans-Jürgen Uhl, präsentierte indes einen Vorschlag, um die Anfälligkeit des Systems zumindest gegen Streiks in anderen Staaten zu verringern. Die Zulieferer sollten sich verstärkt im Umfeld der Fabriken ansiedeln, "damit man von solchen Störungen frei ist", sagte Uhl am Dienstag im Saarländischen Rundfunk.

Letzte Änderung: 08.04.1997 18:11 von jo