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Heike Drechsler:

Neues Leben, alte Weiten

Nahezu groteske familiäre Situation soll die Leistung stabilisieren

Neuss (sid) Nahezu zwei Jahre nach ihrem bislang letzten Sieben-Meter-Sprung 1995 in Linz hat sich die jetzt für den LAC Erfurt startende Weitspringerin Heike Drechsler an der unmittelbaren Weltspitze zurückgemeldet. Beim Olympischen Tag in Jena sprang die 32jährige mit Windunterstützung 7,02 m sowie regulär Jahresweltbestweite mit 6,83 m. Nach den weitgehend überstandenen Querelen um ihr Privatleben genoß Heike Drechsler die Sympathie der 5.000 Zuschauer, die ihr nach dem Abschied aus ihrer sportlichen und privaten Heimat Jena durchaus nicht sicher schien.

"Mein Ziel sind die Weltmeisterschaften in Athen. Ich weiß, was ich kann, das Wichtigste ist, daß ich gesund bleibe", sagt Heike Drechsler. So hat sie die zuletzt diskutierten Seitensprünge wie Dreisprung oder Siebenkampf vorerst zu den Akten gelegt. Auch im Training achtet ihr Coach und Noch-Schwiegervater Erich Drechsler auf gemäßigte Belastung: "Wir machen wenig Sprünge, denn springen kann Heike ja, setzen dafür mehr auf den Anlauf. Messungen beim Jenaer Sportfest haben ergeben, daß sie noch Reserven hat."

"Heike fühle ich mich vor allem moralisch verpflichtet"

So hat Heike Drechsler neben dem Rasen auch die gute alte Aschenbahn wiederentdeckt. "Die ist elastischer als Tartan", begründet Erich Drechsler, der oft mehrere Tage in der Woche samt seiner "internationalen Trainingsgruppe" (Chioma Ajunwa, Glory Dolphin, Ezinwa-Brüder) in Heikes Wahl-Heimat Karlsruhe trainiert. Dorthin gezogen ist sie wegen ihres neuen Lebensgefährten, dem dort studierenden, derzeit noch verletzten französischen Zehnkampf-Europameister Alain Blondel. Auch er brachte aus gescheiterter Ehe seinen Sohn mit in das neue Häuschen, sieben Jahre alt wie Heikes Sproß Tony. Beide besuchen die Europa-Schule.

Um das Sorgerecht für Tony hatte es lange Streit mit Ehemann Andreas gegeben, ehe es das Familiengericht Jena vor vier Wochen der Mutter zusprach. Die kümmert sich, so oft es geht, um ihren Sohn. Bei Wettkampfreisen ist Heikes Schwiegermutter Irene, eine pensionierte Lehrerin, für den Jungen da. "Sie hat sich ja schon in den zurückliegenden Jahren viel um Tony gekümmert, jetzt ist sie fast öfter in Karlsruhe als in Jena", sagt Erich Drechsler. Funkstille herrscht dagegen zu seinem Sohn. "Wir verstehen Andreas einfach nicht, daß wir zu Heike halten, hat nichts mit finanziellem Interesse zu tun." Drechsler weiter: "Ich bin Rentner, und Trainer ist praktisch mein Hobby. Heike fühle ich mich vor allem moralisch verpflichtet."

"Susens Weiten sind Motivation für mich."

Schlagzeilen will Heike Drechsler in diesem Jahr nur noch in der Weitsprunggrube machen. "Erstmal freue ich mich riesig auf das Duell mit meiner alten Rivalin und Freundin Jackie Joyner-Kersee am Sonntag in Toronto", schaut die Thüringerin voraus. Gleich nach der Rückkehr von dort gibt es binnen vier Tagen drei Meetings in Europa - Rom (5. Juni), Mainz (6. Juni) und die Dortmunder DLV-Gala (8. Juni), wo zwischen ihr und Susen Tiedtke der deutsche Startplatz beim Europacup in München (21./22. Juni) vergeben wird. "Susen ist gut in Form", sagt Heike, "ihre Weiten sind Motivation für mich."

Nach Dortmund und der DM Ende Juli in Frankfurt/Main hat Erich Drechsler jeweils zwei Wochen Wettkampfpause eingeplant: "Gesundheit geht vor, gerade in Heikes Alter ist Regeneration sehr wichtig." Vor Athen gibt es im Juli Starts in Stuttgart (13.), Sestriere (19.) und Gladbeck (23.). Dann heißt das Ziel WM-Titel. "Was anderes kann es für Heike nicht geben. Auch in Athen wird man 6,90 m bis 7,10 m springen müssen. Heike hat angedeutet, daß sie das kann." Weiter denkt der Coach aber noch nicht. "Sicher hat man irgendwie auch Sydney 2000 im Hinterkopf, aber daran verschwenden wir momentan keinen Gedanken. Wir planen von Jahr zu Jahr." Matthias Opatz; Foto: AP



Letzte Änderung: 28.05.1997 00:02 von jp