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Leserbrief

Frank Busemann:

Professionell 9.000 Punkten entgegen

Selbstkritik im Bronze-Glück: "Waren blauäugig"

Athen (sid) Durch die Arena dröhnte "Chariots of Fire" aus dem preisgekrönten Film "Stunde der Sieger". Tomas Dvorak, Tschechiens neuer Weltmeister im Zehnkampf, genoß den neuen Ruhm als medienumschwärmter König der Athleten. Im Gegensatz zu ihm ließ Frank Busemann, der nach dem Atlanta-Silber nun WM-Bronze gewann, Kameras und Mikrofone warten. Vor aller Augen bot Deutschlands Sportler des Jahres mit Freundin Kathrin minutenlang eine filmreife Liebesszene dar.

Als er zuvor fast apathisch auf der Bahn gelegen hatte, war nicht an sein Ohr gedrungen, daß die 60 mitgereisten Fans aus der Heimat lauthals gesungen hatten: "Steh auf, wenn Du aus Dortmund kommst." Busemann, der zwar Dortmunder, aber vor allem Schalke-Fan ist, kam nur mit fremder Hilfe auf die Beine. Als er wieder reden konnte, sagte der 22jährige dies: "Nun will ich professionell die Basis dafür legen, daß ich in neue Bereiche vorstoßen kann, ohne über 400 und 1.500 m zusammenzubrechen." Bei allem Jubel über Bronze, das nach dem gewaltigen Trubel und der scheinbar nicht endenden Serie von Verletzungen Gold wert war, übte Busemann nach dem zweitbesten Resultat der Karriere (8.652 - in Atlanta 8.706) Selbstkritik: "So geht es nicht weiter. Im Wurfbereich brauche ich angesichts der technischen Probleme Hilfe von außen. Auf die EM 1998 in Budapest muß ich mich nach der Banklehre im Februar ganz anders und professionell vorbereiten."

Beruf und Hochleistungssport sind unvereinbar

Auch Vater Franz-Josef, von Anbeginn sein Trainer, räumt ein: "Wir waren blauäugig, als wir glaubten, wir könnten Beruf und Hochleistungssport unter einen Hut kriegen." Die Doppelbelastung ging auf die Knochen. Nach Rücken-, Knie- und Hüftproblemen non-stop hatte Busemann senior vor drei Wochen gar gefürchtet, daß der Sohn die WM nicht als Teilnehmer erleben werde. Auch er hat die Grenzen der Belastbarkeit erreicht und zog seine Konsequenzen. Hauptschullehrer Busemann: "Seit 1. August habe ich halbe Stundenzahl, halbes Geld und halbe Ferien." Immer wieder sagen es die Busemänner: "Atlanta war ein Selbstläufer, Athen knochenharte Arbeit." Über Winter wurde zwar die Substanz verbessert, doch durch die fehlenden Erholungspausen ging Frank Busemann ohne die in Atlanta entscheidende Frische an den Start: "In den Würfen stimmte die technische Koordination nicht. Zum ersten Mal in meiner Laufbahn mußte ich erkennen, daß man auch Durchhänger hat. Da verzweifelt man ein bißchen, wenn die Kugel bei 12,20 m runterplumpst."

Als alles vorbei war, lüftete Frank Busemann den Hut und somit ein Geheimnis. "Ich hatte mir 8.688 Punkte als Ziel in die Mütze geschrieben. Ganz habe ich es nicht erreicht." Er hatte dies schon in Atlanta getan und sein Vorhaben auch damals um exakt 36 Punkte verfehlt. Für die Zukunft nimmt er sich noch mehr vor: "Es muß und darf mein Ziel sein, 9.000 Punkte zu machen. Irgendwann will ich Dvorak und Eduard Hämäläinen schlagen, die diesmal vor mir waren." Rein sportlich, so Busemann, sei das Atlanta-Silber wertvoller gewesen. Doch auch Bronze zahlt sich aus: 20.000 Dollar bekommt er vom Weltverband IAAF, Prämien und Zulagen von einigen Sponsoren. Sein Sportartikelausrüster (adidas) bessert den Vertrag nach Bronze und Platz drei der Weltrangliste um rund 20 Prozent auf jährlich ca. 250.000 Mark auf. Ähnlich viel bringt der "Sparkassen-Vertrag", und fünf weitere Kontrakte bescheren ihm bis zum Jahr 2000 insgesamt rund 700.000 Mark per anno.
Gerd Holzbach; Foto: Reuters

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Letzte Änderung: 08.08.1997 00:02 von jp