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Nach 46 Jahren neuer Prozess:

War "Dr. Kimble" wirklich unschuldig?

Washington - In der Fernsehserie "Auf der Flucht" wurde Dr. Richard Kimble viele Episoden lang als mutmaßlicher Mörder seiner Frau Marilyn von der Polizei gehetzt. Er selbst wiederum jagte den "Einarmigen", der sich tatsächlich dann als der wahre Täter heraus stellte. Aber war Dr. Kimble wirklich unschuldig? Diese Frage soll jetzt endgültig geklärt werden - in einem Prozess fast ein halbes Jahrhundert nach dem Verbrechen.

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Das Archivbild von 1969 zeigt Sam Sheppard, der für seinen ersten öffentlichen Ringkampf wirbt (Der Name auf dem Plakat wurde falsch geschreiben).

Den Mordfall gab es nämlich wirklich, aber nicht die Flucht und auch nicht den "Einarmigen". Der beschuldigte Arzt hieß Sam Sheppard. Er lebte in Cleveland im US-Staat Ohio und wurde wegen der Tat schuldig gesprochen. Nach zehn Jahren Haft hob das Oberste US-Gericht das Urteil auf. Es folgte der Argumentation von Sheppards Star-Anwalt F. Lee Bailey, der zufolge das Recht des Angeklagten auf einen fairen Prozess durch den riesigen Medienrummel im Vorfeld verletzt wurde. Ein neues Verfahren endete 1966 mit einem Freispruch. Aber Sheppard war ein gebrochener Mann. Auch finanziell ruiniert, starb er 1970 nach Jahren exzessiven Alkoholkonsums an einem Leberleiden.

Schadenersatz möglich

In einem Zivilprozess in Cleveland will Sam Reese Sheppard Jr., der Sohn des Arztes, jetzt endgültig beweisen, dass sein Vater unschuldig zehn Jahre hinter Gittern saß. Er hat den Staat Ohio wegen "ungerechtfertigter Inhaftierung" verklagt und verlangt von ihm eine "offizielle Erklärung der Unschuld". Damit könnte er zugleich Schadensersatz in Höhe von bis zu zwei Millionen Dollar erreichen. Aber darauf kommt es dem jetzt 52-jährigen Zahntechniker nach eigenen Worten absolut nicht an. In seinen Augen ist die Reputation seines Vaters nur dann wieder hergestellt, wenn das "nicht schuldig" aus dem Prozess durch ein klares "unschuldig" ersetzt wird.

Sam Jr. war sieben Jahre alt und schlief in seinem Bett, als seine Mutter Marilyn in ihrem Schlafzimmer tot geschlagen wurde. Der Senior sagte später aus, er habe auf dem Sofa im Wohnzimmer genächtigt und seine Frau schreien gehört. Als er ihr habe helfen wollen, sei er von dem Eindringling "mit buschigem Haar" selbst nieder geschlagen worden. Die Staatsanwaltschaft hatte eine andere Erklärung. Danach war der gut aussehende Sheppard ein Schürzenjäger, hatte Affären und ermordete seine Frau aus Wut über seine "Unfreiheit".

Gab es einen Eindringling?

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US- Schauspieler David Janssen wurde vor allem durch seine Hauptrolle als Dr. Richard Kimble im TV- Dauerbrenner "Auf der Flucht" bekannt.

Auch im dritten Prozess, in dem zurzeit die ersten Zeugen vernommen werden, geht der Staat von diesem Szenario aus. Sheppards leitender Anwalt Terry Gilbert dagegen will die acht Geschworenen davon überzeugen, dass es den Eindringling gab und es sich wahrscheinlich um einen Fensterputzer der Sheppards handelte. Dieser Mann, später wegen eines anderes Mordes im Gefängnis, hatte angeblich einem Mithäftling anvertraut, dass er Marilyn vergewaltigt und getötet habe. Befragt werden kann er dazu nicht mehr: Er ist inzwischen gestorben.

Dasselbe gilt für ein Ehepaar, das in der Nachbarschaft lebte und nach Überzeugung Baileys den Mord an der schwangeren Arztfrau beging. Der Anwalt glaubt, dass Marilyn ein Verhältnis mit dem Nachbarn hatte und die beiden beim Schäferstündchen überraschte. Danach sei die Situation explodiert. Bailey zufolge hat Sheppard Senior im ersten Mordprozess seinen Verteidigern nicht erlaubt, Nachforschungen in dieser Richtung anzustellen. Er habe das Ansehen seiner ermordeten Frau schützen wollen.

Genetische Tests

Die Anwälte des Sohnes haben angekündigt, dass die Ergebnisse genetischer Tests, die zur Mord- und Prozesszeit noch nicht zur Verfügung standen, die Unschuld des Arztes zweifelsfrei beweisen werden. Für diese Tests war die Leiche von Sheppard Senior 1997 exhumiert worden. Die Gegenseite wiederum ließ im Oktober vergangenen Jahres die sterblichen Überreste von Marilyn neu untersuchen.

Richter Ronald Suster hat alles Mögliche getan, um eine Wiederholung des Medienwirbels von damals zu vermeiden, als lokale Zeitungen sogar die Namen und Anschriften aller Geschworenen- Kandidaten veröffentlichten. Die Auswahl der Juroren erfolgte teilweise hinter verschlossenen Türen. Sie wurden unter anderem gefragt, ob sie die TV-Serie gesehen haben, die in den USA unter dem Titel "The Fugitive" lief. Die meisten sagten ehrlich "ja".

Von Gabriele Chwallek - Archivfotos: dpa

Geändert am 17. Februar 2000 13:47 von aj
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