|
|
||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
||||||||||||||||||||||||||||||
Mi 27.06.2001
|
Buch-Tipp: David Sedaris' 27 eigenwillige ErzählungenWieder einmal so recht sonderbar sein
Einmal nur schwul, leicht pervers, großstadtneurotisch und dabei mittelmäßig intelligent, aber witzig sein: Was wäre das Leben für ein Spaß! Solches Außenseitertum ist nichts, das man aus eigenen Antrieb erreichen kann. Dafür benötigt es Naturtalent. Deshalb können wir Anpassungsfähigen froh sein, dass es David Sedaris gibt. Und seinen Erzählband "Ich ein Tag sprechen hübsch". Dass David Sedaris Bestsellerautor ist (1999 wurde er mit "Nackt" zur Entdeckung des deutschen Buchmarktes, voriges Jahr folgte "Fuselfieber") schreckt in diesem Zusammenhang erst mal ab: Hat da ein Verlag noch schnell ein Buch nachgeschoben, um Kasse zu machen? Und wirklich, auf dem Cover prangt unter anderem die Werbung "Deutsch von Harry Rowohlt". Deutschlands Lieblingspenner durfte also die Titelstory übersetzen, ein Georg Deggerich die restlichen 26. Das macht er genauso gut wie der vielgerühmte Verlegersprößling Rowohlt. Sedaris kokettiert mit dem Stilmittel der Autobiografie
Dessen Gütesiegel hätte das Buch nicht gebraucht. Wieder einmal kokettiert Sedaris mit dem Stilmittel der Autobiografie. In 27 Geschichten will er glauben machen, er sei die Figur hinter den Figuren. Etwa hinter dem lispelnden Zehnjährigen, der hilflos seiner überambitionierten Sprachtherapeutin ausgeliefert ist. Oder hinter dem zugekoksten Perfomancekünstler, der abgeschnittene Zehennägel sammelt und auf einer Biennale als Kunst vorstellt. Oder jenem Typ, der sich mit Gelegenheitsjobs durch New York schlägt und als Mitarbeiter einer Reinigungsfirma eine Techno-Phobie entwickelt: "Ich hasse Computer, weil es durch sie E-Mails gibt, was in Wirklichkeit gar keine richtige Post ist, sondern bloß eine Neuauflage der idiotischen Zettelchen, die früher in der Klasse rumgingen." Mit 41 nochmal in die Schule Dann wechselt dieser "Mr. Sedaris" wegen eines Mannes namens Hugh den Kontinent. Mit 41 muss er nochmal auf die Schulbank, um in der Titelstory bei einer sadistischen Lehrerin in Paris Französisch zu lernen. Über den Ausländerhass der Dozentin tröstet er sich gemeinsam mit anderen Sprachkurs-Inhaftierten hinweg, der Übung halber auf Französisch: "Manchmal ich weine allein bei die Nacht", bekennt einer. Und ein anderer antwortet: "Das ist für mich gewöhnlich auch, aber sein mehr stark, du. Viel Arbeit, und ein Tag man hübsch spricht. Leute bald stoppen einen hassen. Vielleicht morgen, okay?"
Man lässt die Gedanken schweifen: War da nicht ein Urlaub in der Ferne, bei dem wir stoisch unser Essen auf Fremdländisch bestellen wollten, obwohl uns kein Kellner verstand? Gab es da nicht einen mysteriösen Hautausschlag, mit dem wir Freunde tyrannisierten? Wer derlei kennt, wird Sedaris (erneut) lieben - endlich gibt es wieder einen Grund, absonderlich zu sein. Andrea Mertes |
|
||||||||||||||||||||||||||||
|
Zuletzt geändert am 27. Juni 2001 13:43 von tea |
||||||||||||||||||||||||||||||