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Fr 05.04.2002
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Buch-Tipp: Hanna Johansen - "Lena"Eine alte Frau sucht Sprache
Ein Familiengeheimnis, das die 79-jährige Lena ihrer Nichte Sophia, Phia genannt, endlich mitteilen möchte, ist die Ausgangslage des neuen Romans von Hanna Johansen. Der Leser erfährt das Geheimnis bald, die Nichte ist gar nicht die Nichte, sondern die Tochter von Lena. Und Lena ist die letzte der ganzen Familie, die um das Geheimnis weiß, sie möchte es nicht mit ins Grab nehmen. Das ist für die alte Frau aber leichter gesagt als getan: Während sie einen Nachmittag lang auf ihre Tochter wartet, die zu Besuch kommen soll, lässt sie ihr Leben, ihre Familiengeschichte Revue passieren. Eigenes Kind der Schwester anvertraut Im Selbstgespräch kommt dann vieles zu Tage: Ihre schwierige Kindheit, als sie nach dem frühen Tod der Mutter für die zwei Schwestern und für den kleinen Bruder die Verantwortung übernehmen musste. Der Krieg und seine Wirren. Die Heirat mit einem ungeliebten Mann, weil sie von einem anderen schwanger war, und die Ehe, die nur aus Fernsehabenden bestand. Und schließlich der Geliebte, von dem sie die Tochter Phia hat. Die Tochter, die sie in Philadelphia zur Welt bringt und die sie schließlich ihrer Schwester gibt, weil es für alle nicht zumutbar scheint, dass sie das Kind selber aufzieht. Eine alte Frau, die nie mit jemandem wirklich reden konnte "Es war bei uns nicht üblich, über schwierige Dinge zu reden", sagt Lena zu sich selbst und wird sich während ihres Selbstgesprächs ihrer Sprachlosigkeit bewusst. Eigentlich hat sie nie mit jemandem wirklich reden können, immer nur Ansätze eines Gesprächs sind zu Stande gekommen, auch mit ihrer Tochter. Nun will sie am Ende ihres Lebens sozusagen einen finalen Anlauf nehmen und reden. Ob es ihr gelingt, bleibt offen. Nicht fröhlich, aber auch nicht weinerlich Hanna Johansen legt einmal mehr ein sehr feines, kleines Buch vor. Kein fröhliches Buch zwar, aber auch kein weinerliches. Die alte Frau ist zwar gezeichnet von ihrer lebenslangen Sprachlosigkeit, aber sie ist nicht etwa verbittert oder verschlossen, sie ist in manchem sehr offen und tolerant, und es bleibt die Hoffnung, dass sie die Sprache noch findet. Das macht das Lesen zum Vergnügen. Dazu tragen auch schöne Beschreibungen über Begebenheiten und Gegenstände bei. Verständlicherweise fehlen die Dialoge fast gänzlich, trotzdem ist das Buch spannend. Zudem schreibt Johansen eine gepflegte Sprache - mit einer Ausnahme: Nach wegen" benutzt sie nicht mehr den schönen alten Genitiv, sondern den neumodischen Dativ. Und der mag gar nicht zum Rest passen. Sonja Kolb, AP |
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Zuletzt geändert am 5. April 2002 12:12 von tea |
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