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Literatur: Marco Hecht und Gerald Praschl - "Ich habe Nein gesagt"

Über Menschen, die sich nicht verbiegen ließen

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Sie war 40 Jahre lang allgegenwärtig und für viele Menschen in der DDR ein Albtraum: Die Stasi. Wie weit aber der Geheimdienst Ostdeutschlands in die Privatsphäre der Menschen eindrang, wie sehr Freunde, Kollegen, Nachbarn, ja sogar Verwandte in die Spitzelei verstrickt waren, wurde vielen erst nach der Wende und der Offenlegung der Stasi-Praktiken bewusst.

Die fatale Folge: Viele, sehr viele Menschen aus der DDR wurden von ihren westdeutschen Mitbürgern argwöhnisch beäugt. "Ihr wart doch alle irgendwie mit der Stasi verstrickt", war ein nicht gerade seltenes Vorurteil.

"Richtiges Leben" im falschen System

Mit ihrem Buch über Zivilcourage in der DDR wollen die Autoren Marco Hecht und Gerald Praschl nun anhand von Analysen, Stasiprotokollen und Augenzeugenberichten aufklären: über stilles Heldentum, über Menschen, die sich nicht verbiegen ließen. Die Notwendigkeit eines solchen Buches unterstreicht Bundestagspräsident Wolfgang Thierse in seinem Geleitwort: "Im Zuge der skandalbetonten Berichterstattung geriet mehr und mehr in Vergessenheit, dass es in dieser DDR zumeist ganz andere Leben gegeben hat - 'richtige Leben' im falschen System."

Acht Nein-Sager kommen jetzt zu Wort

 Info zum Buch: 

Marco Hecht, Gerald Praschl - "Ich habe Nein gesagt",
Kai Homilius Verlag,
199 Seiten, 9,90 €

Angst, Erpressung, die Hoffnung auf eine bessere Finanzlage oder gewisse Vorteile, aber auch Überzeugung von einer guten Idee - das alles waren Gründe für Hunderttausende in der DDR, sich der Staatssicherheit als Inoffizielle Mitarbeiter (IM) zu verpflichten. Zivilcourage, oft sogar sehr viel Mut und Gewissen setzten andere dagegen, verweigerten sich und nahmen Nachteile, privat und beruflich, in Kauf. Manch einer gefährdete seine Existenz, mancher sogar sein Leben. Es waren nicht wenige, die "Nein" sagten, und acht von ihnen kommen in diesem Buch zu Wort.

Kellner landete nach Ablehnung im Gefängnis

Da ist die Postbotin Dolores Schwarz aus Markgrafenheide in Mecklenburg-Vorpommern. "Ihr ganzer Geheim-Krimskrams interessiert mich nicht. Nein, ich unterschreibe nicht!", wies sie mutig einen Stasi-Offizier ab, der sie als IM verpflichten wollte. "Ich sollte die Post meiner Nachbarn ausschnüffeln." Unter Repressalien musste Schwarz anschließend nicht leiden. Weniger Glück hatte der Leipziger Kellner Dieter Veit. Er landete nach Ablehnung eines Anwerbungsversuchs im Gefängnis.

Fingiertes Gerichtsverfahren fein säuberlich dokumentiert

Ihm sei völlig klar gewesen: "Wenn ich jetzt Nein sage, kann es mit mir beruflich und privat nur noch bergab gehen. Doch ich sagte Nein, erst einmal etwas zögerlich und dann ein weiteres Mal deutlich und bestimmt.(...) Am 15. August 1973, morgens 6 Uhr, kamen sie und haben mich verhaftet." Eine Falle, ein Erpressungsversuch, eine fingierte Anklage, ein falscher Schuldspruch - das alles ist in den Stasi-Akten von Dieter Veit nachzulesen - säuberlich protokolliert.

Insgesamt 600.000 Ja-Sager

Interessant sind neben diesen Tatsachenberichten mit Protokollablichtungen auch Analysen am Ende des Buches. Der Berliner Politologe Helmut Müller-Enbergs, wissenschaftlicher Referent in der Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen, untersucht unter anderem die Motivation von Ja- und Nein-Sagern, die Arbeitsweise der Stasi mit ihren IM und das Netz der Informanten. "174 000 Inoffizielle verzeichnet die Statistik der Geheimpolizei im letzten bilanzierten Geschäftsjahr", schreibt Müller-Enbergs. In einer Hochrechnung, in der Zu- und Abgänge, territoriale und demoskopische Besonderheiten berücksichtigt wurden, kommt der Wissenschaftler zu dem Schluss: Rund 600 000 Personen seien zu irgendeinem Zeitpunkt einmal für das Ministerium für Staatssicherheit inoffiziell aktiv gewesen.

Thierse: Buch verdient viele Leser

Kurzbiografien von Menschen, die von der Stasi observiert wurden, vervollständigen das Buch, von dem Wolfgang Thierse sagt, es sei ein Plädoyer für die Zivilcourage. "Die Entscheidungssituationen sind heute anderer Art, aber an Aktualität hat dieses Plädoyer auch im zweiten Jahrzehnt der deutschen Einheit nicht verloren. Das Buch verdient viele Leser", schreibt der Bundestagspräsident.

Frauke Kaberka, dpa


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Zuletzt geändert am 9. September 2002 15:53 von volon

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