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"All or Nothing": Leigh porträtiert die Sorgen der "kleine Leute"
Unter der Staubschicht der Routine
 Phil hat nie um Pennys Hand angehalten. Es ist ihm einfach nicht in den Sinn gekommen. Mittlerweile haben sie zwei erwachsene Kinder, leben in einer heruntergekommenen Hochhaussiedlung am Rande Londons und reden kaum noch miteinander.
Dabei hätten sie sich so viel zu sagen. Nach einem Abstecher in das Genre des Kostümfilms kehrt Regisseur Mike Leigh mit "All or Nothing" zu seinem Steckenpferd, dem sozialkritischen Kino, zurück.
Das Leben eines Menschen kann durch vielerlei Dinge zerstört werden: ein Verkehrsunfall, eine plötzliche Erkrankung, der unerwartete Tod eines Angehörigen. Der Akt der Zerstörung vermag aber auch schleichend von statten zu gehen, und das ist fast noch schlimmer als ein überraschender Schicksalsschlag.
Endstation Sprachlosigkeit
Dieser Vorgang wird im Allgemeinen "Alltag" genannt. In ihm sind Phil (Timothy Spall) und Penny (Lesley Manville) schon viel zu lange gefangen. Einst waren sie verliebt, aber nach all' den Jahren sind ihre Gefühle unter einer erstickenden Staubschicht aus Routine und enttäuschten Träumen verschüttet.
Unglück birgt Chance auf einen Neubeginn
Sie arbeitet als Kassiererin im Supermarkt, er fährt Taxi, aber weil er morgens nicht aus dem Bett kommt, ist das Geld am Ende des Monats meist knapp. Meist muss die schüchterne Rachel (Alison Garland) ihrem Vater finanziell unter die Arme greifen, während ihr verzogener Bruder Rory (James Corden) den Haustyrannen spielt. Es scheint, als könne es kaum noch schlimmer kommen. Doch dann geschieht ein Unglück, und seltsamerweise bietet sich gerade dadurch der Familie die Chance auf einen Neubeginn.
Feines Gespür für Alltagsdramen
Wie schon bei "Hohe Erwartungen" und "Lügen und Geheimnisse", so beweist Mike Leigh auch mit seinem neuesten Werk ein ungeheuer feines Gespür für die Alltagsdramen der so genannten kleinen Leute. Zwischenmenschliche Entfremdung und soziale Verarmung sind Leighs große Themen, aber so unerbittlich-authentisch er sie auch porträtieren mag - einen Hoffnungsschimmer, und ist er auch noch so schwach, verwehrt er den Zuschauern am Schluss doch nicht. Dafür wurde der Regisseur 2002 beim Filmfestival von Cannes für die Goldene Palme nominiert.
Leigh-Filme sind immer auch Schauspielerfilme
Mike Leigh-Filme sind immer auch Schauspielerfilme, und so hat der Regisseur bei "All or Nothing" ausnahmslos herausragende Darsteller vor der Kamera versammelt, von denen viele früher schon mit ihm zusammengearbeitet haben. Timothy Spall und Lesley Manville als tragisches Liebespaar lassen streckenweise die Sprachlosigkeit ihrer Figuren derart unerträglich werden, dass man als Zuschauer am liebsten aufspringen und "Macht endlich den Mund auf!" brüllen möchte, dabei tief im Innersten aber genau weiß: Ein Stück von Phil und Penny steckt in uns allen.
Nina Jerzy, dpp
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