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Forscher: Nahtod-Erfahrungen ein biologisches Phänomen

Hirn verarbeitet "Ende der eigenen Existenz"

Unzählige Menschen haben in plötzlicher Todesnähe Gefühle des Friedens und des Glücks gehabt. Manche sahen einen Tunnel mit einem verheißungsvollen Licht am Ende - oft empfunden als Blick ins Jenseits. Auch die eigene Vergangenheit stand manchmal zeitgerafft vor Augen. Da war auch der Eindruck, vom eigenen Körper losgelöst zu sein.

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Tausende solcher Erlebnisse von Ertrinkenden oder nach einem Herzstillstand wiederbelebten Patienten sind wissenschaftlich untersucht. Und es gibt viele Belege dafür, dass ihre Berichte keine Fantastereien sind. Nach einer soziologischen Studie haben etwa vier Prozent der Deutschen sie gehabt. Vor allem die medizinische und neurowissenschaftliche Forschung hat neuerdings zu ihrer Erklärung beigetragen. Sie ist das Titelthema der neuesten Ausgabe des Magazins "Gehirn & Geist" (Heidelberg, 3/2003). Ihre Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass ausschließlich biologische Prozesse im Gehirn für diese so genannten Nahtod- oder Todesnähe-Erfahrungen verantwortlich sein dürften.

Wie eine Vorhersagemaschine

"Offenbar scheitert unser Gehirn in diesen Momenten daran, urplötzlich das Ende der eigenen Existenz zu verarbeiten", schreibt der Neurophysiologe Detlef B. Linke von der Universität Bonn. "Und in seiner Not, aber auch als letzte Abwehrstrategie, gewinnen dort besondere Prozesse die Oberhand, die uns diese außergewöhnlichen Erfahrungen bescheren."

Das Gehirn funktioniere wie eine Vorhersagemaschine. Es nehme andauernd die Zukunft vorweg und gestalte die Gegenwart auf der Grundlage von Hypothesen über kommende Ereignisse. Dieser Apparat werde nun urplötzlich mit einer Unmöglichkeit konfrontiert - mit dem Gedanken "Ich sterbe jetzt", schreibt Linke. "Die gesamte Zukunft schrumpft blitzschnell auf einen einzigen Augenblick zusammen und es gibt plötzlich keine weiterführende Sequenz von Ereignissen mehr. Der Fortlauf der Zeit bricht zusammen und die normalen Mechanismen, die unser Zeitgefühl erschaffen, können an dieser Stelle nicht mehr weiterarbeiten."

Sauerstoffmangel im Spiel

Bei den besonderen Prozessen, die nun im Gehirn die Oberhand gewinnen, spielen offenbar die so genannten NMDA (N-Methyl-D- Aspartat)-Rezeptoren als neuronale Signalübermittler eine besondere Rolle. Der Psychiater Karl L. R. Jansen vom Maudsley-Hospital in London zieht diesen Schluss aus Experimenten. Sie zeigen die Wirkung von Sauerstoffmangel und die von Narkosen durch die Substanz Ketamin auf die NMDA-Rezeptoren.

Bei einer Todesnähe-Erfahrung ist oft Sauerstoffmangel im Spiel. Eine Ketamin-Narkose ist häufig von Todesnähe-Erfahrungen begleitet. Das Phänomen der Überflutung des Gedächtnisses mit Erinnerungen ist möglicherweise mit der Aktivität sensibilisierter NMDA-Rezeptoren erklärbar. Hinzu kommt, dass diese Rezeptoren mit dem Opioid-System in Verbindung stehen, mit dessen Hilfe der Körper Schmerzen unterdrückt. Hier dürften sie auch eine Funktion beim Entstehen von Glücksgefühlen in Nahtod-Situationen haben.

Glaube vorprogrammiert?

Bei der Auflösung der Unterschiede zwischen dem Selbst und der Umwelt spielt möglicherweise auch die Amygdala als ein für Angst und Aggression zuständiges Gehirnzentrum eine Rolle: Wenn der Mensch nicht mehr handeln kann, kommt diese Region mit ihren Handlungsimpulsen nicht mehr zum Zuge - und die eigenen Grenzen scheinen sich aufzulösen.

Deuten die Todesnähe-Erfahrungen auf die Existenz eines Lebens nach dem Tod hin - zumal sie, wenn auch relativ selten, schrecklich sein können, wie ein Blick in die Hölle? Dem Psychiater Michael Schröter-Kunhardt (Heidelberg) zeigen die neuen Erkenntnisse, dass der Glaube an ein Leben nach dem Tod letztlich biologisch vorprogrammiert ist. "Der Mensch ist durch die Beschaffenheit seines Gehirns darauf ausgerichtet, mystische Erfahrungen zu machen. Er ist von vornherein ein religiöses Wesen."

Vorbereitung wie im Flugsimulator?

Er vergleicht das Ganze mit einem Flugsimulator, der den Piloten auf das wahre Fliegen vorbereitet. "Der Sinn dieses biologisch initiierten Programms ist es, den Leuten zu zeigen, dass der Tod nicht das Ende ist. Die Erfahrung ist so perfekt, dass man sich wohl kaum eine bessere Methode vorstellen könnte, jemanden auf ein Leben nach dem Tode vorzubereiten."

Der einzige Universitätstheologe, der sich mit dem Phänomen auseinander gesetzt hat, ist Hans Küng (Tübingen). Jedenfalls beweise es für ein mögliches Leben nach dem Tode "nichts", schreibt er in seinem Buch "Ewiges Leben?" unter dem Hinweis, dass diese Menschen die Schwelle des Todes ja noch nicht überschritten hatten.

Von Rudolf Grimm (dpa); Fotomontage: RZO

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Zuletzt geändert am 3. Juli 2003 10:35 von aj

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