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Do 30.10.2003
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Halloween - ein PhänomenZeitgeister umtanzen die ModerneWer in Amerika den "trick or treat"-Spaß - entweder du spendierst oder wir spielen dir einen Streich - nicht ernst nimmt, muss mindestens damit rechnen, dass ihm das Türschloss verklebt oder die Klinke mit Schuhcreme geschwärzt wird. Bei uns ist's noch nicht ganz so schaurig, doch im übrigen scheint der am 31. Oktober begangene Festimport immer mehr US-Dimensionen anzunehmen - mit Umzügen, Gespensterverkleidungen, Gruselpartys, Geisterkostümbällen - und besonders auch beim Geschäftsumsatz. Alles das ist in den vergangenen Jahren ebenso farbig beschrieben wie launig oder auch bissig kommentiert worden. Hinzu kommen zunehmend wissenschaftliche, vor allem soziologische Deutungen des Phänomens. Unter den Stichworten sind Globalisierung, vor allem die mediale, Traditionsbruch, Individualisierung, Suche nach Neuem. "Wo Menschen früher wie selbstverständlich Traditionen folgten, gibt es heute eine Vielzahl von Optionen. Das Buffett im Restaurant, bei dem sich jeder nach Belieben selbst bedienen kann, ist die Metapher der Moderne", heißt es bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW, Berlin).
Wenn alte Bräuche langweilig werden, sollen's halt neue bringen Das Buffett habe das so genannte Stammessen abgelöst, wo gegessen wurde, was auf den Tisch kam. "Wo Vorgegebenes war - zum Beispiel vorgegebene Feste -, ist Aufgegebenes geworden - auch das Finden und Erfinden von eigenen Festen und Bräuchen." Die Macht des Individualisierungsprozesses löse nicht nur alte Orientierungen auf, sie produziere selbst auch neue. "An die Stelle der Bindung, die gelockert oder aufgegeben wurde, tritt eine neue. Wo zum Beispiel alte Feste und Bräuche brüchig, langweilig oder nichts sagend erlebt werden, schaut man sich nach neuen Festen und Bräuchen um." Kiddies-Fest oder Singles-Treff: Halloween passt immer Als bedeutsam gilt auch, dass Halloween sich durch Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche soziale Bedingungen und Gruppen auszeichnet. Man kann es auf ganz verschiedene Weise feiern - beispielsweise anders mit Kindern als ohne Kinder, unter Paaren anders als unter Singles. Es passt sich auch dem Kindergarten an. Der EZW-"Materialdienst" nennt ferner den unverbindlichen Charakter von Halloween. Es ist "viel Spaß und wenig Pflicht". Man zieht sich gruselig an oder auch nicht. Keine Geschenke müssen in letzter Minute gekauft werden. Es müssen keine Verwandten der Art erduldet werden, die man lieber nicht sehen würde. "Nicht zuletzt kommerzielle Interessen, die Trends verstärken" Der Soziologe Rolf von Lüde von der Universität Hamburg sieht in Halloween, wie es bei uns gefeiert wird, vor allem eines der Phänomene "globalisierter Massenkultur, die durch mediale Präsenz aus den USA herüberschwappen." Das habe dieses Fest mit vielen Sportarten und auch modischen Trends gemeinsam, bis hin zu den auch mit dem Schirm nach hinten getragenen Baseballmützen. "Nicht zuletzt sind es kommerzielle Interessen, die solche Trends nutzen und verstärken", sagte der Professor im Gespräch. Als Vorbedingung für die Ausbreitung des auf 2000 Jahre alte keltische Bräuche zurückgehenden Fests am Vortag von Allerheiligen nannte er, dass es sich von seinen ursprünglichen Wurzeln löste und passend auch für eine weitgehend religionslose Gesellschaft wurde. Eine wesentliche Vorbedingung sieht von Lüde auch im "bestehenden Trend zur Enttraditionalisierung". "Internationalisierung von Brauchtum": China feiert jetzt Christmas Unter den besonders bemerkenswerten Beispielen für die durch globalen Informationsfluss beförderte Internationalisierung von Brauchtum ist China. Dort hat neuerdings in gewissen städtischen Kreisen Weihnachten eine vergleichbare Bedeutung mit dem hiesigen Halloween-Termin. Die EZW verweist ebenfalls darauf. So wie bei uns die Halloween-Produkte Schaufenster zieren, zeigen Pekinger Geschäfte zu der Jahreszeit eine Dekoration mit Tannengrün, Lichtern und Nikoläusen. Man kauft Geschenke füreinander und lädt zur Christmas- Party ein - so wie bei uns zum Kostümfest mit Kürbis und Knochenhand. Auch dort ist, wie der Hamburger Soziologe bemerkt, Enttraditionalisierung die Vorbedingung. So etwas lasse aber auch einen Umkehrschluss zu: "Es ist anzunehmen, dass es Ländern mit weiterhin relativ gefestigtem religiösen Brauchtum, wie etwa Polen und Italien, sehr viel schwerer fällt, sich einem verballhornten Fest religiösen Ursprungs wie Halloween zu öffnen.". Rudolf Grimm, dpa [?] |
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Zuletzt geändert am 30. Oktober 2003 16:40 von to |
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