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Unschuldig in der Todeszelle - Von Albträumen verfolgt:

"Es hört einfach nie auf, nie..."

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Der zu Unrecht zum Tode verurteilte Kirk Bloodsworth hat wieder ein Zuhause gefunden: Er traf Ende der neunziger Jahre Brenda, seine jetzige Ehefrau, die ihm "alles bedeutet".

Washington - Die Albträume kommen immer noch, und es sind immer die gleichen: Die Zellentür wird aufgeschlossen, Hände greifen nach Kirk Bloodsworth und schleifen ihn zur Gaskammer. Bloodsworth will nicht sterben, er wehrt sich, er schreit und schreit. Schweißgebadet wacht er auf.

"Es ist schrecklich", sagt Ehefrau Brenda. "Gott sei Dank wird es seltener." Bloodsworths grausiger Traum hätte sehr leicht Wirklichkeit werden können. Acht Jahre, 11 Monate und 19 Tage saß er unschuldig wegen Vergewaltigung und Mordes an der neunjährigen Dawn im US-Staat Maryland im Gefängnis, zwei Jahre davon in der Todeszelle, direkt unter der Gaskammer.

Samenspuren stammten nicht vom Verurteilten

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Weil sich in den meisten Fällen die Unschuld im Zuge von DNA-Vergleichen herausstellte, haben US- Senatoren mit dem Demokraten Patrick Leahy (l) an der Spitze eine Gesetzesinitiative gestartet, die Angeklagten auch nach der Verurteilung das Recht auf derartige Tests sichert.

Weil die Staatsanwaltschaft im Prozess Vorschriften zur Offenlegung ihrer Beweise gegenüber der Verteidigung verletzt hatte, wurde das Verfahren 24 Monate nach der Verhängung des Todesurteils wiederholt, und diesmal erhielt Bloodsworth zwei Mal Lebenslänglich - für ihn "fast genauso schrecklich".

Seit zehn Jahren ist der einstige Marineinfanterist wieder frei. 1993 durchgeführte DNA-Tests zeigten, dass Samenspuren auf der Kleidung des Opfers nicht von ihm stammten. Gerade 22 und jung verheiratet war Bloodsworth, als er von fünf Zeugen - darunter zwei Kinder - fälschlicherweise als Täter identifiziert und verhaftet wurde. Die Zeit in der Todeszelle und danach in einem Hochsicherheitsgefängnistrakt überstand er nach eigenen Angaben nur mit "gesundem Geist", weil er fest an Gott glaubte und: "Ich wusste, dass ich unschuldig war, und das war mein Halt, meine Stütze."

"Neun Jahre lang habe ich keinen Himmel gesehen"

3517 Menschen saßen Anfang November in amerikanischen Todeszellen. 111 wurden seit 1973 frei gelassen, weil sich ihre Unschuld herausstellte - meistens durch DNA-Tests. Bloodsworth, der als Krabbenfischer an der Küste Marylands arbeitet ("Neun Jahre lang habe ich keinen Himmel gesehen"), ist einer von ihnen. Im Durchschnitt verbrachten die Freigelassenen acht Jahre mit der Furcht vor der Hinrichtung, und in einigen Fällen entgingen sie nur haarscharf dem Henker. So gab es drei unschuldige Häftlinge, die nur 16 Stunden von der Exekution entfernt waren, als sich ihr Schicksal plötzlich wendete. Bloodsworth war der erste, der mit Hilfe der damals neuen DNA-Technik seine Freiheit wieder gewann.

Wie viele wurden unschuldig hingerichtet?

Inzwischen ist der Mann mit den durch Wind und Sonne geröteten Wangen für viele in den USA ein bekanntes Gesicht. Er hält Vorträge an juristischen Fakultäten von Universitäten, in High Schools, vor Politikern und Bürgerrechtsorganisationen. Er ist in Talkshows zu Gast, und es gibt wohl kaum eine größere US-Zeitung, in der er nicht zu Wort gekommen ist. Bloodsworth hat es sich zum Ziel gesetzt, dabei zu helfen, dass sich das von ihm und den anderen erlittene Unrecht nicht wiederholt. Oder noch Schlimmeres. "Wenn man diese zahlreichen erwiesenen Fälle von Fehlurteilen berücksichtigt, dann lässt sich leicht hochrechnen, wie viele unschuldige Menschen in den USA hingerichtet wurden", so der 43-Jährige.

Mittlerweile ist der eloquente Bloodsworth so etwas wie ein "Aushängeschild der unschuldigen Todeskandidaten" geworden, wie es Rob Warden vom Center on Wrongful Convictions (Zentrum für Falle von Fehlurteilen) formuliert. "Er ist außerdem weiß und gebildet, und er hatte vor seiner Verurteilung keinerlei Vorstrafen." Das alles zusammen komme in der Gruppe der Freigelassenen selten vor und mache ihn im Umgang mit Skeptikern glaubwürdiger.

"Als ich herauskam, konnte ich nichts finden"

Nicht, dass diese Qualitäten ihm in den beiden Prozessen geholfen hätten oder in den ersten Jahren nach seiner Freilassung. Es war eine schwere Zeit, und das nicht etwa deshalb, weil er nach neun Jahren wieder lernen musste, wie man Messer und Gabel richtig hält oder wie ein Scheck ausgefüllt wird. Der Ex-Gefangene war auf sich allein gestellt. Seine Frau hatte sich schon kurz nach seiner Verurteilung einem anderen Mann zugewandt, und nach der Freilassung wurde die Ehe geschieden. Die Arbeitssuche war eine Qual. "Als ich herauskam, konnte ich nichts finden", schildert Bloodsworth. "Ich ging von Job zu Job, suchte verzweifelt nach einem festen Platz...Zuerst habe ich bei einem Bestattungsunternehmen gearbeitet. Ich dachte, dass ich ein besonderes Gespür habe für das, was die Hinterbliebenen durchmachen. Aber dann sagte man mir, dass ich gehen soll, weil meinetwegen die Geschäfte nachließen. Nicht einmal in der Nähe von Toten wollte man mich haben."

"Es hört einfach nie auf"
Aus dem Gefängnis nur mit einer Busfahrkarte in der Tasche
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Zuletzt geändert am 20. November 2003 12:03 von aj

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