[an error occurred while processing this directive]
IVWPixel Zählpixel

  Ticker    Wetter    Foto des Tages    Archiv    Übersicht 

Home     Kontakt     Site Map  

[?] [?] RZ-Online: Unschuldig in der Todeszelle

zurückblättern  ... Danach geht der Albtraum oft weiter

"Es hört einfach nie auf"

Immer wieder war da das Geflüster, das Misstrauen. "Menschen schrieben hässliche Worte neben das Auto, in dem ich schlief, in den Staub. Sie hinterließen Zettel hinter meinem Scheibenwischer - Kindesmörder, Mörder...Immer ruhen misstrauische Augen auf dir. Ich ging in einen Supermarkt, und ein kleines Mädchen sagte: Mama, das ist der Mann, der im Fernsehen war. Die Mutter eilte herbei, riss ihr Kind fort und sagte: Geh nicht in seine Nähe. Es hört einfach nie auf, nie, nie. Es hört nie auf."

Ein Teil des Problems war nach Bloodsworth Worten, dass die Staatsanwaltschaft auch nach dem DNA-Test von 1993 nicht so weit ging, ihn offiziell für unschuldig zu erklären. "Es hieß immer nur: Wenn auch die Samenspuren nicht von Dir waren, so heißt das nicht zweifelsfrei, dass Du nicht der Täter warst." So blieb der Ex- Todeskandidat auch in der Freiheit eine Art Verfolgter, blieb das Damoklesschwert einer Wiederverhaftung über ihm hängen.

"Geld wie verrückt ausgegeben"

Dabei ist sich Bloodsworth darüber im Klaren, dass er es nach der Freilassung noch besser hatte als viele andere der unschuldig Verurteilten. Maryland, wo ihm der Prozess gemacht wurde, gehört zu den wenigen US-Staaten, in denen Gesetze eine finanzielle Entschädigung für die Betroffenen vorschreiben oder individuelle Gesetze über die Zahlung von Schadensersatz je nach Haftdauer verabschiedet werden können. Bloodsworth verließ das Gefängnis mit 300.000 Dollar, die dann allerdings rasch auf 100.000 zusammenschrumpften, nachdem Anwälte und alte Schulden beglichen waren. Auch der Rest war schnell dahin: "Ich wollte gemocht, akzeptiert werden und habe daher das Geld wie verrückt ausgegeben."

Aus dem Gefängnis nur mit einer Busfahrkarte in der Tasche

Die meisten anderen der Freigelassenen - 26 allein seit dem Jahr 2000 - kehrten dem Gefängnis nur mit einer Busfahrkarte in der Tasche den Rücken. Ray Krone etwa, der wegen eines - nicht von ihm begangenen - Mordes an einer Bardame zwei Jahre in der Todeszelle und insgesamt zehn hinter Gittern verbrachte, erhielt nur jene 50 Dollar, die der Staat Arizona auch rechtmäßig Verurteilten nach Abbüßen ihrer Strafe als Taschengeld gibt. Bis jetzt hat Krone, der als 100. Häftling freigelassen wurde, vergeblich um Schadensersatz für das verlorene Jahrzehnt gekämpft - so weit das finanziell überhaupt möglich ist. "Aber es würde doch etwas helfen", sagt der Ex- Gefangene, der sein Haus, ein Boot, seine Ersparnisse für das Alter und einen gut bezahlten Job bei der US-Post verlor.

Clarence Brandley, der 1990 nach neun Jahren entlassen wurde, versuchte wie Krone ebenfalls vergeblich, sich vor Gericht eine Entschädigung zu erstreiten. Was er erhielt, war eine behördliche Aufforderung zur Nachzahlung von 50.000 Dollar an Alimenten, die er während der Gefängniszeit schuldig geblieben war.

Ankläger handelten anscheinend in gutem Glauben

Nach einer Statistik von Adele Bernhard, Rechtsprofessorin an der Pace University in White Plains (New York), gab es 2002 insgesamt 15 US-Staaten mit Entschädigungsregelungen. In den meisten dieser Staaten muss aber einwandfrei die Unschuld nachgewiesen oder per Gericht offiziell erklärt worden sein, bevor Geld ausgezahlt wird. Oft dauert das Jahre. Gerichtliche Klagen etwa gegen Staatsanwälte und Polizei sind ebenfalls sehr schwierig, wie das Justice Project schildert, eine internationale Organisation, die gegen Ungerechtigkeit und für humane Behandlung von Strafgefangenen kämpft. In der Regel genießen die Ankläger nämlich Immunität, und Zivilklagen gegen Polizisten versprechen nur dann Erfolg, wenn es klare Beweise für grobe Verstöße wie Beweisfälschung oder Erpresssung von falschen Geständnissen gibt. Bei Krone war das nicht der Fall: Polizei, Ankläger und Geschworene handelten anscheinend in gutem Glauben, als sie ihn in die Todeszelle schickten.

Senatoren starteten Gesetzesinitiative

Immerhin hat die Serie von Freilassungen wegen Todesfehlurteilen - seit 1973 allein 23 in Florida und 17 in Illinois - doch einige Politiker sensibilisiert. Weil sich in den meisten Fällen die Unschuld im Zuge von DNA-Vergleichen herausstellte, haben US- Senatoren mit dem Demokraten Patrick Leahy an der Spitze eine Gesetzesinitiative gestartet, die Angeklagten auch nach der Verurteilung das Recht auf derartige Tests sichert. Die Gesetzesvorlage - Teil eines bereits vom Abgeordnetenhaus gebilligten Reformpakets, das auch Entschädigungen für die Unschuldigungen vorsieht - ist nach Kirk Bloodsworth benannt: als Anerkennung für seinen unermüdlichen Einsatz zur Verhinderung neuer verheerender Justizirrtümer.

Justice Projec: Keinerlei psychologische Betreuung

Aber Geld ist gerade im Fall dieser Freigelassenen längst nicht alles. So beklagt das Justice Project, dass es auch keinerlei psychologische Betreuung für die Exhäftlinge gebe, von denen viele unter Schlaflosigkeit, Nervösität oder Depressionen leiden. Ein Symptom für den anhaltenden inneren Druck: Häufig laufen die einstigen Gefängnisinsassen rastlos zu Hause in ihren Zimmern hin und her - genau, wie sie es einst in der Todeszelle taten. So James Richardson, der fälschlicherweise wegen Vergiftung seiner sieben kleinen Kinder verurteilt wurde, über 21 Jahre hinter Gittern in Furcht vor dem elektrischen Stuhl lebte und sich nach seiner Freilassung nur eines wünschte: "Ein Heim und eine Kirche."

Nie ohne Alibi aus dem Haus

Bloodsworth hat ein Heim gefunden: Er traf Ende der neunziger Jahre Brenda, seine jetzige Ehefrau, die ihm "alles bedeutet". Und dann war da jener Tag im vergangenen September, an dem das Telefon klingelte. Die Staatsanwältin, die seinerzeit die Todesstrafe für ihn beantragte, bat um ein Treffen und informierte dabei Bloodsworth darüber, dass - wiederum dank DNA-Vergleichen - der Mörder und Vergewaltiger der kleinen Dawn gefunden sei. "Wir haben einen Fehler begangen. Sie sind wirklich unschuldig", sagte sie. "Ich habe vor Freude den ganzen Tag geweint", erzählt Bloodsworth. "Jetzt kann ich mich vielleicht wirklich frei fühlen." Nicht ganz. Immer noch geht Bloodsworth nie aus dem Haus, ohne Brenda genau wissen zu lassen, wo er sich aufhält. Er hat gelernt, wie wichtig ein Alibi ist.

dpa - Foto: dpa

[?]
Zum SeitenanfangZum Seitenanfang

 Suche in RZ-Online

 RZ

Web


[?]

Zuletzt geändert am 20. November 2003 12:06 von aj

» Artikel druckenDruckversion
» Artikel empfehlen
» Schriftgröße einstellen
» Impressum