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Montag, 10. Juni 13
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"Hei­mat 3": Auf der Suche nach dem kleinen Glück

"Hei­mat 3 - Chronik einer Zei­ten­wen­de" ist in erster Linie ein Fami­lien­drama mit stark roman­tischem Anstrich - Betörende Land­schafts­auf­nah­men und gran­diose Farb­gestal­tung.

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Der gebo­rene Huns­rücker Reitz in seiner Landschaft

Er legt jetzt nach langen Kämpfen um die Finan­zie­rung des Pro­jekts mit "Heimat 3" den Abschluss seiner Jahr­hun­dert­chro­nik vor: Regis­seur Edgar Reitz. Mit 54 Stunden Film in 30 abend­fül­len­den Spiel­fil­men muss man bereits vor der logis­tischen Leis­tung der gesam­ten Tri­logie den Hut ziehen. Um es bereits vor­weg­zuneh­men: "Heimat 3" blieb bei der Prä­sen­tation hinter den zuge­gebe­ner­maßen hoch gesteck­ten Erwar­tun­gen zurück. Zu sehen gab es den Strei­fen im Mainzer Staats­thea­ter und im Pro-Winz­kino von Sim­mern.

Es gibt ein Wort, das so deutsch ist, dass sich in kaum einer europäi­schen Sprache eine befrie­digende Ent­spre­chung finden lässt. Es evo­ziert Gebor­gen­heit, Wärme und Nähe, lässt aus dem Nebel der Erin­nerung ver­schüt­tete Bilder, Klänge und Gerüche empor­stei­gen. "Hei­mat" ist defi­nitiv ein Begriff mit hohem "Wal­lungs­wer­t", wie Gott­fried Benn es einmal for­muliert hat. Gleich­zei­tig ist kaum einem anderen Wort vom 20. Jahr­hun­dert derart erbar­mungs­los der Prozess gemacht worden: Es war das Jahr­hun­dert der Ver­trei­bun­gen, der Depor­tatio­nen, der Men­schen, denen die Wurzeln und damit die eigene Iden­tität gewalt­sam ent­ris­sen wurden. Der poli­tische Miss­brauch, der gerade in Deutsch­land mit "Hei­mat" betrie­ben wurde, ver­anlasste zu Beginn der 80er einen deut­schen Fil­mema­cher zu einer umfas­sen­den Son­die­rung und Reha­bili­tie­rung des Begriffs. In der elf­tei­ligen Fern­seh­serie mit dem schlich­ten Titel "Hei­mat" the­mati­sierte Edgar Reitz das Schick­sal des fik­tiven Huns­rück-Dörf­chens Schab­bach und seiner Bewoh­ner.

Zurück im Huns­rück

1992 setzte der gebo­rene Huns­rücker Reitz seine Chronik nach diesem über­wäl­tigen­den Erfolg mit dem 13-Tei­ler "Die Zweite Heimat" fort: Die Serie folgt dem unehe­lichen Sohn der Maria Simon aus dem ersten Teil, dem "Her­männ­sche", zu seiner Stu­dien­zeit ins München der 60er. Man hatte am Ende der "Zwei­ten Heimat" irgend­wie das Gefühl, dass diese Geschichte noch nicht zu Ende erzählt sei. Zu Recht, denn - jetzt folgt "Heimat 3", der Film ist von Don­ners­tag an in unseren Kinos zu sehen. Nach der Uraufführung bei den Film­fest­spie­len in Venedig feierte "Heimat 3" in Mün­chen, der "Zwei­ten Heimat" der Fern­seh­serie, seine Deutsch­land­pre­miere. Mit der Rhein­land-Pfalz-Pre­miere in Mainz/Sim­mern nähert sich Reitz' Opus nun wieder seiner Wiege im Huns­rück. Diese Such­bewe­gung des Films in Rich­tung Heimat kenn­zeich­net die inhalt­liche Ent­wick­lung der letzten Staf­fel. Hermann Simon, inzwi­schen gefei­erter Diri­gent und Kom­ponist, trifft in Berlin am 9. Novem­ber 1989 inmit­ten der Wirren des Mau­erfalls zufäl­lig auf seine Geliebte aus der "Zwei­ten Hei­mat", Cla­rissa Licht­blau. Sie finden wieder zusam­men, und Cla­rissa über­redet Her­mann, gemein­sam den Rest ihres Lebens am Ort ihrer Träume zu ver­brin­gen. Mit Unbe­hagen stellt der "Weg­geher" Hermann fest, dass es sich dabei um ein altes Fach­werk­haus nahe der Loreley handelt - unweit seines Geburts­orts Schab­bach. Behilf­lich bei der Restau­rie­rung sind vier junge Ost­deut­sche, dar­unter Gunnar, dem von Her­manns Assis­ten­ten prompt die Frau aus­gespannt wird.

Auch ansons­ten wird die Idylle nicht unge­trübt blei­ben: Zahl­rei­che Krisen schüt­teln die Bezie­hung, und Cla­rissa erkrankt an Krebs. Lulu, Her­manns Tochter aus seiner geschie­denen Ehe, wird mit ihrem kleinen Sohn, der auf­grund eines Unfalls vater­los auf­wach­sen muss, später in das Haus nach­zie­hen. Während­des­sen fährt in Schab­bach der pro­fit­gie­rige Hartmut Simon die tra­diti­ons­rei­chen Optik-Be­triebe seines ver­stor­benen Vaters Anton an die Wand. Die Dorf­gemein­schaft ent­zweit sich nicht nur über die Feu­erbe­stat­tung des Fir­men­patri­archen, womit eine jahr­hun­der­tealte Tra­dition gebro­chen wird, sondern auch über das Erbe von Ernst Simon, einer kost­baren Gemäl­des­amm­lung. Für zusätz­lichen Wirbel sorgen ein dubio­ser "Er­bener­mitt­ler", ein raff­gie­riger "Fir­men­ver­nich­ter" und einige aus Kasachs­tan zuge­zogene Spätaus­sied­ler.

"Heimat 3" hat im Gegen­satz zu den ersten beiden Teilen kein geo­gra­fisches Zentrum mehr, die Serie spielt glei­cher­maßen in Berlin, Leip­zig, Mün­chen, Mainz, Schab­bach und im Fach­werk­haus am Rhein. So handelt der Abschluss der Tri­logie auch von Men­schen, denen es nicht mehr gelin­gen will, sich an einem festen Ort zu instal­lie­ren. Nur Hermann und Cla­rissa leisten dem Prozess der Glo­bali­sie­rung beharr­lich Wider­stan­d.

Hier beginnt auch die Pro­ble­matik des Films: Sein for­cier­ter Ver­such, sich einen "locus amoe­nus" (lieb­licher Ort) fernab der großen Politik zu schaf­fen, wirkt roman­tisch ver­quast, sie hängen einem Künst­ler und Lie­bes­ideal nach, das ins aus­gehende 20. Jahr­hun­dert nicht mehr passen will. Und Henry Arnold vermag seinem Hermann Simon, einem Träumer irgendwo zwi­schen Tau­genichts, Wilhelm Meister und Felix Krull, nicht die Brüchig­keit und Melan­cho­lie zu ver­lei­hen, die die Figur eigent­lich bräuch­te.

Die poli­tischen Rea­litäten bringen eher die Neben­figu­ren ins Spiel. Gunnar Brehmes Rück­kehr in einen ver­fal­lenen und von uner­träg­licher Tris­tesse gepräg­ten deut­schen Osten (Co-Au­tor war übri­gens Thomas Brus­sig) zeigt Reitz nochmal auf der Höhe seines Kön­nens: Präzise Beo­bach­tungs­gabe und die Fähig­keit zur sati­rischen Zuspit­zung waren das Mar­ken­zei­chen der ersten beiden "Hei­mat"-Teile gewe­sen. Doch ansons­ten scheint es Reitz wie seinem "Her­männ­sche" zu gehen: Nach der Wende zu Beginn der Serie fällt ihm außer der Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft 1990 und der Son­nen­fins­ter­nis 1999 nicht mehr viel zur deut­schen Geschichte ein. "Heimat 3" ist vor allem ein Fami­lien­drama gewor­den, das die jewei­ligen Aktua­litäten eher lustlos und manch­mal auch dra­matur­gisch reich­lich unge­schickt zu inte­grie­ren ver­sucht.

> Vor Weih­nach­ten im TV

Dies soll nicht darüber hin­weg­täu­schen, dass Edgar Reitz immer noch zu den besten visu­ellen Erzäh­lern in Deutsch­land gehört. Die Kame­raar­beit von Thomas Mauch (Folge 1-4) und von Reitz' Sohn Chris­tian (Folge 5-6) ist über jeden Zweifel erha­ben. Die gran­diose Farb­gestal­tung und ein­falls­rei­chen Bild­meta­phern (etwa ein Tra­bi-Mo­bil, das das Symbol der DDR-Dik­tatur auf den Schrott­platz der Geschichte ver­weist) lassen auch den Abschluss der Tri­logie zu einem ästhe­tischen Augen­schmaus wer­den.

Und auch im Jahr 2004 gibt es einfach nie­man­den, der betören­dere Land­schafts­auf­nah­men bewerk­stel­ligen kann als Edgar Reitz. Wenn "Heimat 3" dann in der Vor­weih­nachts­zeit über die Bild­schirme geht, wird die Serie immer noch vieles in den Schat­ten stel­len, was ansons­ten an öffent­lich-recht­licher Fern­sehun­ter­hal­tung geboten wird.

Oliver Mayer


http://rhein-zeitung.de/a/magazin/r/heimat.html
Donnerstag, 30. September 2004, 12:17 © RZ-Online (to)
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