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Freitag, 27. Mai 05

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MRZ-Inter­view mit Trainer Jürgen Klopp:

Ein Tan­nen­baum­sys­tem als Weih­nachts­geschenk

Mainz - Die Bun­des­liga als Her­aus­for­derung: Jürgen Klopp will in der zweiten Saison mit seinen Fuß­ball-Pro­fis des FSV Mainz 05 bewei­sen, dass der Erfolg wie­der­hol­bar, gemein­sam alles möglich ist. Im MRZ-Inter­view spricht der Trainer über die abge­lau­fene Spiel­zeit, über den Ler­nef­fekt in der Eli­teklasse und über künf­tige Auf­gaben.

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Auch der Erfolgs­trai­ner blieb nicht ver­schont: Die obli­gato­rische Bier­dusche nach gesi­cher­tem Klas­sen­ver­bleib und einer großen Saison ereilte Jürgen Klopp nach dem Fuß­ball­fest am Bruch­weg gegen den FC Bayern Mün­chen.

Jürgen Klopp wirkt ent­spannt. Kein Ver­gleich mehr zu dem hek­tischen, gest­ress­ten und leicht reiz­baren Trainer des FSV Mainz 05, der noch im absch­ließen­den Bun­des­liga­spiel in Nürn­berg vor Anspan­nung kör­per­lich völlig aus­gepo­wert wirkte. Der Coach sitzt locker im Café mit den MRZ-Redak­teu­ren und plau­dert. "Für mich ist schon Urlaub, wenn ich am Samstag kein Spiel habe", sagt der 37- Jährige im Inter­view. Das Trai­ning, sagt Klopp, sei für ihn keine Arbeits­belas­tung. Doch vor, während und nach eines Bun­des­liga­auf­trit­tes bean­sprucht der Erfolgs­trai­ner sich selbst bis ans Limit.

Herr Klopp, gerade in der Rück­runde hatte man oft den Ein­druck, dass Sie an der Sei­ten­linie mit Ihrer Mann­schaft mit­gear­bei­tet haben und oft der zwölfte Mann waren, der viel helfen muss­te.

Ist das so? Keine Ahnung. Das pas­siert nicht bewusst. Wir stehen ja draußen alle unter Strom. Zeljko Buvac ist fast noch schlim­mer als ich. Stephan Kuhnert ist noch der Ruhigste. Wir haben natür­lich in dieser Saison ganz inten­sive Phasen durch­lebt, auch wenn wir keinen Druck von außen hatten. Aber wenn du selbst unbe­dingt willst, ist es genauso wie unter Druck, es macht keinen Unter­schied. Mir ist es bei­spiels­weise pein­lich, wie ich in Glad­bach nicht mehr ein­zufan­gen war, über den Platz laufen wollte, dann abge­dreht und hinter dem Tor abge­schmiert bin. Ich habe das nicht im Griff. Viel­leicht später einmal, wenn die Mann­schaft diese Hil­festel­lung nicht mehr braucht. Im End­effekt ist es so: Die Stim­mung, die Emo­tio­nen und die Ergeb­nisse, alles zusam­men macht die Sache per­fekt. Ein Spiel nur mit Qua­lität zu gewin­nen ist nicht mein Ding.

Die Saison war geprägt von großen Emo­tio­nen. Wie haben Sie das erleb­t?

Wir können ein­deu­tig fest­hal­ten: Diese ganze Serie wäre nicht im Ansatz so emo­tio­nal lohnend gewesen ohne unsere Vor­geschichte. Union Berlin, Braun­schweig, der Auf­stieg, das alles war so prä­gend, dass wir gesagt haben, was soll uns pas­sie­ren? Abstieg? Ach, wie schreck­lich. Da muss schon mehr kommen. Wir sind dagegen gewapp­net. Wir wollten den Beweis antre­ten, dass du es schaf­fen kannst, wenn dein Weg der rich­tige ist. Diese sieben Nie­der­lagen, diese Nega­tivse­rie kannst du nur durch­ste­hen, wenn du vorher Dinge erlebt hast, die defi­nitiv schlim­mer waren.

Was ist in dieser Zeit pas­siert, in den neun Spielen ohne Sieg?

Nach einem Sieg kommt dieses spe­zielle Gefühl der Leich­tig­keit, das dir sagt, du kannst das nächste Mal auch gewin­nen. Nach ein paar Nie­der­lagen fängst du an nach­zuden­ken. Du stellst eine Mann­schaft auf, nicht nach dem Kri­terium, wer alles richtig macht, sondern wer die wenigs­ten Fehler macht. Das ist der Unter­schied und hat diese ganze Sache richtig unan­genehm werden lassen. Nach den Nie­der­lagen im alten Jahr, den Nie­der­lagen gegen den VfB Stutt­gart und in Hamburg haben wir einen Neu­start ver­sucht, weg von den Ergeb­nis­sen. Wir haben ver­sucht zu ergrün­den, warum wir nicht gewon­nen haben. Weil es aber etliche Spiele gab, in denen wirk­lich nicht viel gefehlt hat, wollte ich das Posi­tive her­aus­keh­ren. Dafür hätten wir ein Ergeb­nis gebraucht. Dann wurden wir von der Hertha abge­schos­sen, und in Lever­kusen kam alles zusam­men. Das war zuviel. Nichts war mehr wie vorher. Da habe ich gesagt, jetzt ist es genug.

Haben Sie über einen Metho­den­wech­sel nach­gedacht?

Ab­solut. Es gibt Phasen, da bist du als Trainer alleine. Du kannst keinen anderen Trainer fragen, was macht man nach sieben Nie­der­lagen? Das kann dir keiner sagen, weil andere Trainer dann längst ent­las­sen sind. Spieler rauschmeißen? Diese bran­chenüb­lichen Mecha­nis­men? Kommt auch nicht in Frage. Wir haben den Druck erhöht. Auch auf die Fans, die Sache mit dem Schun­kel­ver­bot. Und haben gesagt, wir ziehen unser Ding brutal durch­.

Trotz­dem mussten Sie ja etwas ver­ändern.

Die Frage war, warum kriegen wir es aus­wärts nicht hin, dass sich die Abwehr­spie­ler den Ball schnap­pen und nach vorne mar­schie­ren. Oder dass wir selbst so kon­ter­anfäl­lig sind. Die Basis war okay, aber es musste etwas pas­sie­ren. Das so genannte Tan­nen­bau­sys­tem 4-3-2-1...

Vorher standen wir vorne zu breit, die Lauf­wege waren zu lang. Es gibt nicht wenige, die unser System als 4-5-1 bezeich­nen. Doch die beiden vor­deren Leute sind ten­den­ziell Halbstür­mer. Wir schließen Lücken im Mit­tel­feld und haben dann dort fünf Leute, die alle Fußball spielen können. Du machst eine Ver­lage­rung und hast freie Fahrt. Wie das funk­tio­niert, haben wir in Bochum gese­hen. Im Grunde genom­men war diese Sys­temän­derung eine Reak­tion darauf, dass die meisten anderen Vereine eine Art 4-4-2 mit Raute gespielt haben und die Hal­bräume offen hatten. Dieser Plan hat sen­satio­nell funk­tio­niert. Zuerst als Idee für Bremen, dann hat man gese­hen, dass es einfach passt für uns. Der ent­schei­dende Faktor dabei ist diese tiefe Staf­felung. Du gibst kei­ner­lei Räume frei. Die Kon­ter­anfäl­lig­keit ist weg, wir haben die Außen­ver­tei­diger dahin gebracht, ganz früh da zu sein. Dadurch hat der zen­trale Mit­tel­feld­spie­ler des Gegners nie Zeit, groß irgen­det­was zu machen.

Wie ist der Plan ent­stan­den? Haben Sie sich die Sache abge­schaut?

Ei­gent­lich nicht. Die Sache ist in vielen inten­siven Gesprächen mit Buvac und Kuhnert ent­stan­den. Das Gran­diose an einem solchen Fuß­ball­jahr ist, dass du ständig dazu lernst. Tak­tisch ist eine Bun­des­ligasai­son ein rich­tiger Ent­wick­lungs­pro­zess, der uns fuß­bal­lerisch sehr weit gebracht hat.

Die Kon­zen­tra­tion spielt in Ihrem Team eine ganz große Rolle. Die Mann­schaft muss bis ans Limit gehen, um Erfolg zu haben. Nach etli­chen Partien wirkten ihre Profis oft weniger kör­per­lich aus­gelaugt, als psy­chisch enorm erschöpft. Wie kam das?

In der Zweiten Liga ver­liert einer unserer Spieler einen Zwei­kampf und sagt: "Ich Idiot!" In der Bun­des­liga ver­liert einer unserer Spieler einen Zwei­kampf und sagt: "Men­sch, ist der Gegner stark!" Die große Leis­tung der Mann­schaft war: Sie war sich der Sache sicher. Sie hat stets gesagt, dass sie es trotz­dem kann. Die Spieler haben sich nie gegen­sei­tig in Frage gestellt. Weder öffent­lich, noch intern. Man kann nicht sagen, dass man die nötige Qua­lität wirk­lich dau­erhaft hat, aber man hat sie erlebt. Für unsere Situa­tion gilt: Wir haben uns einen Plan zurecht­gelegt und ihn durch­gezo­gen. Viele unserer Gegner lassen es zu, dass sich ihre Offen­siv­leute defen­siv aus­klin­ken und trotz­dem pro­fitie­ren wir nicht davon, weil die Leute einfach zu stark sind. Andere treten mit einer Selbst­ver­ständ­lich­keit auf, die kannst du drei Mal hin­ter­ein­ander atta­ckie­ren, pres­sen, ihnen den Ball abneh­men, und sie kommen erneut. Die Mann­schaf­ten unserer Güte­klasse haben mit uns Pro­bleme gehabt. Die konnten wir mit unserer Art beein­dru­cken. Gegen andere mussten wir fuß­bal­lerisch wesent­lich mehr leis­ten, ohne Domi­nanz zu haben. Wir haben es durch­gezo­gen und diesen nächs­ten Schritt gemacht. Das ist nicht hoch genug zu bewer­ten.

Was ist der Ler­nef­fekt aus dieser Sai­son?

Wir sind in dieser Liga ange­kom­men. Diese gran­diose Ent­wick­lung unserer Jungs. Dass unser neues System so funk­tio­niert. Ich freue mich so, als hätte mir das jemand zu Weih­nach­ten geschenkt. Und sehe es gleich­zei­tig als große Her­aus­for­derung. Wahn­sin­nig inter­essant. Ich erwi­sche mich häufig dabei, dass ich die Situa­tion betrachte und mir sage: Bin mal gespannt, wie du das lösen willst. Das geht aber nur in diesem Umfeld. Es gibt kein bes­seres Umfeld dafür als Mainz. Die Leute mögen oft unzu­frie­den sein, aber sie ver­muten bei aller Kritik, dass wir uns etwas ein­fal­len lassen. Wir dürfen erst einmal machen. Die Leute sagen, irgend­wie kriegen die das schon hin. Das gibt's nir­gendwo. Nie.

Sagen Sie noch etwas zur Ent­wick­lung ein­zel­ner Spie­ler. Beson­ders auf­fäl­lig war ja der Wer­degang von Ben­jamin Weigelt und Nikolce Nove­ski.

Mir war immer klar, dass beide diese Rolle spielen können. Wir wussten nur nicht, wann. Weigelt war tak­tisch absolut unbe­leckt, als er kam. Doch er hat schnell davon pro­fitiert, dass du bei uns nie mehr alleine auf dem Platz bist, weil dir jeder hilft. Noveski haben wir zum ersten Mal im Pokal­spiel damals in Aue gese­hen. Seitdem ist er Kuh­nerts abso­luter Lieb­lings­ver­tei­diger. Kuhni hat uns immer wieder auf den Jungen auf­merk­sam gemacht, bis der Zeit­punkt kam, ihn zu holen. Wir haben ihn als Ver­tei­diger geholt, aber dass er im Aufbau eine solche Fackel ist, wussten wir nicht. Das zeigt wieder, dass auch Profis wirk­lich ständig Anwei­sun­gen brau­chen. Fuß­bal­lerisch war das vorher bei Noveski gar nicht zu erken­nen.

Ich möchte aber noch etwas zu Chris­tian Wetklo sagen: Das hat mich wirk­lich gefreut und mir Spaß gemacht. Dimo Wache ist und bleibt die Nummer eins, aber ich freue mich darü­ber, dass jeder sehen konnte, was Wetklo für ein Klas­setor­hüter ist. Und jetzt ver­schenkt er von seinem kurzen Jah­res­urlaub noch zwei Wochen, um den Ama­teu­ren im Abstiegs­kampf zu helfen. Ganz großer Sport.

Jetzt kommt das zweite Jahr, und jeder sagt, jetzt wird es schwe­rer.

Eine Flos­kel. Nicht mehr. Für mich ändert sich nichts, es geht um die Erwar­tungs­hal­tung. Wir brau­chen Qua­lität auf breiter Ebene, um die Form­schwan­kun­gen zu mini­mie­ren. Wir müssen die Ent­wick­lung fort­set­zen, deshalb haben wir Ziele, die nicht tabel­larisch sind. Wenn wir es schaf­fen, die Erwar­tun­gen gesund zu halten, wenn wir uns wei­ter­hin über ein Remis in Glad­bach so freuen, dann ist alles im Lack.

Wie heißt also die Devise für die neue Run­de?

Ge­mein­sam ist alles zu stem­men. Wir werden dieses Jahr nicht wieder ein Über­lebens­trai­ning in Schwe­den abhal­ten. Die Mann­schaft soll diese Liga mit einer gewis­sen Art von Selbst­ver­ständ­lich­keit anneh­men. Mir geht es darum, alles, was bei uns möglich ist, bis zum letzten Pro­mille abzu­rufen und dabei stets zu denken: Hier gehöre ich hin. Dieser Aufgabe stellen wir uns.

Das Gespräch führten Jörg Schnei­der und Rein­hard Reh­berg


http://rhein-zeitung.de/on/05/05/27/sport/r/mainz.html
Freitag, 27. Mai 2005, 10:39 © RZ-Online GmbH (aj)
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