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Freitag, 10. Feb. 12
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Wenn Senioren für das Leben lernen

Hamburg/Bonn - In der Aktentasche liegen Brille, Stenoblöckchen und Pausenbrot - Studenten im Seniorenalter legen oft Wert auf Ordnung und gute Vorbereitung. Immer mehr „ältere Semester” zieht es zurück in die Wiege der Alma Mater.

Spätes Studium

Viele Senioren genießen es, ihre Interessen zu vertiefen. (Bild: Schie./dpa/gms)

Der 78-jährige Ralph Brauer gehört seit zehn Jahren zur Studentenschaft der Universität Hamburg. „Wenn ich morgens aufstehe und mir sage, du musst jetzt zur Uni, dann ist das immer wieder ein kleines Lusterlebnis”, erzählt der ehemalige Verkaufsleiter. Sein Stundenplan deckt vom Informatikkurs über naturwissenschaftliche Veranstaltungen bis zu den Kulturwissenschaften nahezu alles ab.

Sein Lieblingsfach aber ist Geschichte: „Den Investiturstreit habe ich schon zum zweiten Mal belegt, denn in der Wiederholung wird alles noch deutlicher.” Eine ganze Reihe von Ordnern mit Stundenprotokollen hat Brauer bereits angesammelt, damit er immer mal wieder nachschlagen kann.

Ralph Brauer ist einer von bis zu 2000 Senioren, die das so genannte „Kontaktstudium für ältere Erwachsene” an der Hamburger Uni verfolgen. Das Kontaktstudium bietet gegen eine Semestergebühr von 80 Euro ein spezielles Angebot für alle älteren Menschen, die sich wissenschaftlich weiterbilden möchten. „Kontaktstudierende können alle Veranstaltungen gemeinsam mit den übrigen Studenten besuchen”, so Karin Pauls von der Arbeitsstelle für wissenschaftliche Weiterbildung der Uni Hamburg.

Außerdem gebe es spezielle Zusatzveranstaltungen, die auf die Interessen der Senioren abgestimmt sind, wie Studienreisen oder PC-Kurse. Das Abitur braucht der Kontaktstudent nicht, da für ihn kein universitärer Abschluss möglich ist.

Menschen jeden Alters können in Hamburg auch regulär studieren und einen Abschluss machen oder ganz unverbindlich als Gasthörer Vorlesungen besuchen. Während in diesen Fällen die Anmeldung über das Studentensekretariat der Universität erfolgt, läuft die Einschreibung für das Kontaktstudium über die Arbeitsstelle für wissenschaftliche Weiterbildung.

Die angebotenen Modelle für ein Seniorenstudium variieren zwischen den deutschen Hochschulen. Fast überall aber belegen Seniorenstudenten am liebsten Fächer wie Philosophie, Geschichte oder Kunstgeschichte. Naturwissenschaften seien seltener gefragt, so Karin Pauls.

Die Zahl der meist zwischen 60 und 70 Jahre alten Seniorenstudenten ist bundesweit in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden waren im Wintersemester 2004/2005 rund 39 000 Gasthörer an deutschen Hochschulen gemeldet, das sind 22 Prozent mehr als vor zehn Jahren. Fast die Hälfte dieser Gaststudierenden war älter als 60 Jahre.

Die steigenden Zahlen bestätigt auch Miriam Haller, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Koordinierungsstelle Wissenschaft und Öffentlichkeit an der Uni Köln: „Im Wintersemester 2004/2005 waren in Köln 1771 Senioren immatrikuliert” - mehr als doppelt so viele wie bei Einführung des Seniorenstudiums im Wintersemester 1991/1992.

Einen kurzen Einbruch von Anfragen brachte laut Haller lediglich die neue Studienkostenregelung, welche für regulär Studierende über 60 eine Semestergebühr von 650 Euro festlegte. Viele der Seniorenstudenten die einen Abschluss erstreben, wechselten daher zu den Gasthörern. Und deren Anzahl wird immer größer. Ein Gasthörerstudium kostet in Köln 75 Euro pro Semester. „Ein Grund für die bundesweit steigenden Zahlen ist bestimmt auch die zunehmende Alterung unserer Gesellschaft”, erklärt Miriam Haller.

Nicht nur das Bildungsangebot sei früher für Senioren nicht so umfangreich gewesen, sondern man könne es sich heute auch eher leisten, sagt der mehrfache Großvater und Student Ralph Brauer. Sein Ziel ist vor allem die geistige Beweglichkeit. „Wenn man sich nicht weiterbildet, verarmt man”, befürchtet Brauer. Viele finden auch den Austausch über Inhalte mit jüngeren Generationen spannend, meint Karin Pauls.

Oftmals wird das späte Studium als Phase der Besinnung auf übergreifenden Sinn- und Sachzusammenhänge genutzt, so Miriam Haller. Auch viele Hausfrauen ab 40, die nach der so genannten Familienphase wieder mehr Zeit für persönliche Interessen haben, holen an den Universitäten ein Studium nach. „Einige können so auch mal das machen, womit sie sich im Beruf nicht beschäftigen konnten”, sagt Karin Pauls.

Dass die älteren den jüngeren Kommilitonen Studienplätze wegnehmen, trifft laut Miriam Haller nicht zu: „Die Jungen profitieren eher vom Erfahrungswissen der Älteren”. Das weiß auch Ralph Brauer: „Während wir als Kriegsgeneration in jungen Jahren Scheuklappen gegenüber der aufgeklärten Bildung trugen, ist die heutige Generation viel offener.” Unter 250 Chemiestudenten sei er der einzige Ältere gewesen, aber Ablehnung habe er nie erfahren.

Neben vielen Weisheiten kann das Seniorenstudium einem auch soziale Kontakte verschaffen. Ralph Brauer lernte vor zehn Jahren an der Uni seine Lebensgefährtin kennen. „Solange wir noch atmen und uns bewegen können, werden wir weiter studieren”, sagt er.

dpa-infocom


http://rhein-zeitung.de/on/05/07/07/service/berufbildung/t/rzo160485.html
Montag, 20. Juni 2005, 11:18 © RZ-Online GmbH (NewsDesk)
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