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Sin­gapur - Am Tag nach Londons Triumph über Paris erschüt­ter­ten die Schock­wel­len der Ter­ror­anschläge in der frisch gekür­ten Olym­pia-Stadt auch das Inter­natio­nalen Olym­pischen Komitee (IOC) in Sin­gapur. Die 117....

Schock in Singapur: Olympia spürt Nähe des Terrors

Singapur - Am Tag nach Londons Triumph über Paris erschütterten die Schockwellen der Terroranschläge in der frisch gekürten Olympia-Stadt auch das Internationalen Olympischen Komitee (IOC) in Singapur.

Schreckliche Nachrichten

Ein Standbild aus dem Programm des Nachrichtensenders CNN.

Die 117. Vollversammlung beschloss gerade den Ausschluss seines bulgarischen Mitglieds Iwan Slawkow, als die Schreckensnachricht im Kongresssaal bekannt wurde. Der sofort informierte IOC-Präsident Jacques Rogge zog sich zu einer Beratung im kleinsten Kreis zurück. IOC-Mitglieder eilten aus dem Sitzungssaal, um vor großen Fernsehschirmen die von CNN und BBC transportierten Schreckensbilder zu verfolgen. Am Singapurer Abend verkündete das IOC: „Solche tragischen und schockierenden Anschläge können in jeder Stadt und zu jeder Zeit geschehen.”

Nach dem sich der Terrorverdacht bestätigt hatte, ließ Rogge durch seine Sprecherin Giselle Davies erklären: Nach dem „gegenwärtigen Erkenntnisstand” stünden „die sehr tragischen Ereignisse in keiner Weise in einem Zusammenhang” mit Londons Wahl zur Olympia-Stadt 2012. Der IOC-Präsident habe Premierminister Tony Blair und Bürgermeister Ken Livingstone seine „Kondolenz und Sympathie” schriftlich ausgedrückt. Nach wie vor habe das IOC „volles Vertrauen” in die Londoner Sicherheitsgarantien für die Spiele. „Ich garantiere für die Sicherheit”, hatte Blair am Tag der Olympia-Entscheidung per Videotape zu den IOC-Mitgliedern gesagt.

„Völlig am Boden zerstört” war in Singapur Londons Bewerbungskomitee, wie dessen internationaler Direktor Keith Mills betonte. Die Briten hatten den Triumph über Paris bis in den Morgen hinein gefeiert. „Nun beten wir für die Toten. Wir müssen feststellen, dass auch London nicht sicher ist. Und dabei sind wir davon ausgegangen, unsere Stadt hat das beste Sicherheitssystem der Welt”, sagte Mills.

Bürgermeister Ken Livingstone sagte unter Tränen: „Gestern habe ich dem IOC gesagt, London ist durch seine Bevölkerung vereint. Sie lebt in Harmonie friedlich zusammen.” Daran habe sich nichts geändert. „Hinter dem Terror steckt keine Ideologie. Das ist auch kein pervertierter Glaube. Das ist Massenmord.” Londons Olympia-Delegation wollte Singapur unverzüglich verlassen, die bei der Rückkehr geplanten Feiern wurden abgesagt.

Die Frage, ob London die Spiele bekommen hätte, wenn die Anschläge vor der Wahl erfolgt wären, blieb unbeantwortet, auch wenn die beiden deutschen IOC-Mitglieder Thomas Bach und Walther Tröger übereinstimmend erklärten: „Unsere Entscheidung hätte das nicht beeinflusst.” Bach sagte: „Es sind noch sieben Jahre bis zu den London-Spielen. Die Anschläge haben keinen unmittelbaren Einfluss. Sie zeigen nur, dass wirkliche Alles getan werden muss, um Terror zu verhindern.”

Ausdrücklich hatte das IOC in seinem Prüfbericht die Terrorgefahr in den fünf Bewerberstädten nicht bewertet, sondern lediglich Einzelmaßnahmen aufgeführt. Dennoch galten New York, Moskau und Madrid durch die Terrorattacken in ihren Städten als besonders gefährdet. Und so muss es kein Zufall sein, dass ausgerechnet diese drei Metropolen bereits in den ersten drei Wahlrunden ausgeschieden sind. „Terror ist eine weltweite Gefährdung. Das gilt auch für Olympia-Bewerber”, hatte Rogge immer wieder erklärt und zugleich auf den olympischen GAU in München 1972 mit dem palästinensischen Anschlag auf das israelische Team im Olympischen Dorf hingewiesen.

Der Terror in London rückte das olympische Tagesgeschäft in Singapur völlig in den Hintergrund. Mit dem Ausschluss von Slawkow setzte das IOC seinen Säuberungsprozess fort. Mit dem Finnen Peter Tallberg und dem Schweizer Marc Hodler bekannten gegenüber dpa zwei Olympier, sich durch die eindrucksvolle Präsentation von London nicht für Paris entschieden zu haben. Anderenfalls hätte es zumindest 52:52 in der Endabstimmung gestanden. Mit Spannung wird die Abstimmung am 8. Juli über jede einzelne der 28 Sportarten erwartet, mit der die 117. Vollversammlung das Programm der Spiele 2012 bestimmen will.

Mit dem Ausschluss von Slawkow folgt die Session mit der Zweidrittel-Mehrheit von 85:12 Stimmen bei fünf Enthaltungen einem Antrag des Exekutivkomitees, den 65-jährigen Funktionär „wegen unethischen Verhaltens” den Status eines IOC-Mitglieds zu entziehen. Slawkow hatte in einem geheim aufgenommenen Gespräch mit dem englischen Sender BBC zu erkennen gegeben, dass seine Stimme für den Olympia-Kandidaten London käuflich sei. Der Bulgare versuchte sich vor der Session in einer 20-minütigen Anhörung vergeblich zu rechtfertigen. Zuvor hatte er geäußert: „Ich habe im IOC fünf Freunde. Wenn die für mich stimmen, weiß ich, dass sie wirkliche Freunde sind. Doch ich zähle auf mehr Stimmen.”

Der Reinigungsprozess hatte mit dem Ausschluss von sechs Mitgliedern begonnen, die in den Korruptionsskandal um den erfolgreichen Olympia-Bewerber Salt Lake City verwickelt waren. Vier weitere verdächtigte Olympier gaben ihr Mandat unter Druck zurück. Getrennt hat sich das IOC unter Rogges „Null-Toleranz-Politik” von dem indonesischen Holzbaron Bob Hasan, der in seinem Land wegen Korruption verurteilt wurde. Kim Un Yong, 2003 zum IOC- Vizepräsidenten gewählt, kam seinem in Singapur geplanten Ausschluss durch einen Rückzug zuvor. Der einst mächtige Sportfunktionär aus Südkorea war wegen Veruntreuung (2,7 Millionen Euro) und Bestechung (550 000 Euro) zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt und vor zehn Tagen nach einer Amnestie vorzeitig aus der Haft entlassen worden.

dpa-infocom



http://rhein-zeitung.de/on/05/07/07/sport/t/rzo165131.html
Donnerstag, 07. Juli 2005, 15:55 © RZ-Online GmbH (NewsDesk)
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