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Sonntag, 20. Sep. 20

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Streit und Aufregung als Verkehrsrisiko

Stuttgart/Bonn - Die Auslöser von Verkehrsunfällen können banal sein: Da bückt sich zum Beispiel ein Fahrer unterwegs nach der heruntergefallenen Zigarette, ein anderer stellt bei der Autobahnfahrt einen neuen Radiosender ein oder sucht auf der Karte nach der Abfahrt.

Gefährliche Autofahrt

Eine Diskussion, die alle Insassen in Gefahr bringen kann. (Bild: "DVR/dpa/gms")

Ein Augenblick der Ablenkung genügt, und wenn es kritisch wird, kann es zu spät sein. Doch was viele Autofahrer nicht bedenken: Auch Emotionen können vom Verkehrsgeschehen ablenken. Experten raten daher, am Steuer Streit und Aufregung zu vermeiden.

Nicht nur die üblichen „Nebentätigkeiten” wie das Hantieren mit Gegenständen, das Telefonieren ohne Freisprecheinrichtung oder das Studieren der Straßenkarte können nach Einschätzung des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR) in Bonn zu gefährlichen Situationen führen.

Laut DVR-Sprecher Bernd Kulow ist „Streit mit dem Beifahrer” eine der gefährlichsten Ablenkungen bei einer Autofahrt: „Das wird mitunter so emotional, dass das Fahrvermögen des Fahrers durch seine Aufregung beeinträchtigt ist.”

Man müsse sich jedoch „mit voller Aufmerksamkeit auf den Verkehr konzentrieren”, betont Kulow. Jederzeit könne sich die Situation plötzlich ändern, so dass es zum Reagieren sonst zu spät sei. Wie beim Telefonieren gerate der Fahrer beim Streiten in einen „Zielkonflikt”: Er wolle gleichzeitig dem Gesprächsverlauf und der Verkehrssituation folgen - was jedoch nicht funktioniert. Diese Möglichkeit der Ablenkung sei auch bei mitreißender Musik möglich, in die sich der Fahrer zu sehr vertieft: „Immer wenn man emotional involviert ist, wird es gefährlich.”

Rainer Hillgärtner vom Auto Club Europa (ACE) in Stuttgart bezeichnet Streit und Aggressionen während der Fahrt als „unbewusste” Ablenkung, weil sie von vielen Autofahrern nicht als solche wahrgenommen wird. „Rüpeleien am Steuer sind jedoch eine der Hauptursachen für Ablenkung im Straßenverkehr”, so der ACE-Sprecher.

Der Zusammenhang lässt sich nach Hillgärtners Erklärungen leicht nachvollziehen: Autofahrer konzentrieren sich in ihrer Wahrnehmung beispielsweise auf den Rowdy, der sie gerade geschnitten hat, oder den Drängler, der sie im Rückspiegel mit der Lichthupe nötigt - und wollen es ihnen mit gleicher Münze heimzahlen. Die Betroffenen steigern sich in ihre Aggressionen hinein, die Verhaltensweisen schaukeln sich gegenseitig hoch, und die Situation kann eskalieren.

Dabei werden dem ACE-Sprecher zufolge nicht nur vorsorgliche Maßnahmen wie das Einhalten des Sicherheitsabstands und das Blinken vernachlässigt. Auch die Aufmerksamkeit gegenüber den übrigen Verkehrsteilnehmern sowie die Reaktionen auf deren Verhalten kann leiden: „Man konzentriert sich nur auf den vermeintlichen Gegner und achtet nicht auf andere Verkehrsteilnehmer”, erklärt Hillgärtner.

Wie fatal die Folgen eines kurzen Moments der Unaufmerksamkeit am Steuer sein können, verdeutlicht ein Beispiel des DVR: So legt ein Fahrzeug bei einer Geschwindigkeit von 50 Stundenkilometern (km/h) eine Strecke von 13,80 Metern pro Sekunde zurück. Muss der Fahrer eine Vollbremsung machen und ist für eine Sekunde abgelenkt, braucht er 14 Meter zusätzlich, um zum Stehen zu kommen. „Gerade vor einem querenden Fußgänger können dies die entscheidenden Meter sein, die einen schwerwiegenden Unfall verursachen”, warnt der DVR.

Noch beeindruckender erscheinen die Dimensionen bei schneller Autobahnfahrt: Wer sich bei 200 km/h für nur zwei Sekunden ablenken lässt, legt laut DVR in dieser Zeit die Strecke von der Länge eines Fußballfeldes „quasi blind und ohne Reaktionsmöglichkeit” zurück.

Michael Hartje, Verbandsdirektor der Deutschen Verkehrswacht (DVW) in Bonn, rät Autofahrern zur Vorsorge gegen Ablenkung, generell alles, was im Auto passiert, der jeweiligen Verkehrssituation anzupassen. Ablenkend sei theoretisch jede Tätigkeit nebenbei - allerdings mache es einen Unterschied, ob man sich mit Tempo 100 auf einer entspannten Autobahnfahrt mit wenig Betrieb befindet oder im hektischen Feierabendverkehr in der Innenstadt.

Mancher Ablenkung können Autofahrer laut Hartje vorbeugen, indem sie sich vor Fahrtbeginn überlegen, was sie unterwegs benötigen. So sei es sinnvoll, Getränkeflaschen griffbereit zu verstauen - und nicht selbst unter akrobatischen Verrenkungen unerreichbar auf der Rückbank zu deponieren. Ebenfalls vor dem Losfahren sollten das Navigationsgerät programmiert oder der CD-Wechsler bestückt werden.

Werden bei der Fahrt Dinge benötigt, an die der Fahrer nicht ohne Weiteres herankommt, sollte er laut DVR-Sprecher Bernd Kulow zum Hervorkramen anhalten. Gleiches gelte, wenn er feststellt, dass er konzentrationsmäßig nicht mehr hundertprozentig bei der Sache ist.

Um sich dem Teufelskreis einander hochschaukelnder Aggressionen zu entziehen, rät ACE-Sprecher Rainer Hillgärtner, sich eine „Strategie der Deeskalation” anzutrainieren. Dabei wird auf eine Bestrafung vermeintlicher Verkehrsrüpel verzichtet. So sollten etwa beim Überholen Bedrängte nicht den Drängler ausbremsen oder ihm den Stinkefinger zeigen. Vielmehr sollten sie laut Hillgärtner ruhig bleiben und durch rechts Blinken signalisieren: „Ich mache die Bahn frei, sobald es geht.”

dpa-infocom


http://rhein-zeitung.de/on/05/09/08/service/auto/t/rzo177346.html
Freitag, 26. August 2005, 10:18 © RZ-Online GmbH (NewsDesk)
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