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„Kaltes Land”: Packendes Frauendrama mit Charlize Theron

Berlin - Vielleicht ist „Kaltes Land” einer jener Filme, den sich Männer nur auf Wunsch ihrer Liebsten ansehen.

Kaltes Land

Die zweifache Mutter Josey (Charlize Theron) malocht in einem Bergwerk.

Denn in Niki Caros Drama, das in Anlehnung an einen spektakulären US-Prozess gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz entstand, sind fast alle Männer Schweine.

Doch Caro („Whale Rider”) gelingt weit mehr als eine Schwarz-Weiß-Malerei in verbissener Emanzen-Manier. Mit Charakter- Darstellern wie Charlize Theron („Monster”) oder Frances McDormand („Fargo) beleuchtet sie die erdrückend konservative Stimmung in abgelegenen US-Kleinstädten der 80er Jahre. Abgesehen vom - für europäische Sehgewohnheiten - arg melodramatisch-pathetischen Ende ist „Kaltes Land” sehr empfehlenswert - auch für Männer.

Der Film konfrontiert den Zuschauer mit dem Leben der Arbeiterin Josey Aimes (Charlize Theron), die ihren gewalttätigen Ehemann verlässt. Mit ihren beiden Kindern kehrt sie in ihren Heimatort Eveleth im Norden Minnesotas zurück. Hart, wortkarg und einfach sind die Menschen hier, viele Familien verbindet die Schufterei in der großen Erzmine. Joseys Eltern, insbesondere ihr Vater (Richard Jenkins; „Six Feet Under”), sind von ihrer Heimkehr wenig begeistert. Unausgesprochen wirft er seiner Tochter ihren Lebenswandel vor: zwei Kinder von zwei Vätern - und Single. Es ist ihr Ruf als „leichtes Mädchen”, der sie in dem biederen Nest wieder einholen wird.

Um allein für ihre Kinder zu sorgen, versucht sich Josey als Friseuse. Erst ihre Freundin Glory (großartig: Frances McDormand) bringt sie auf die Idee, einen gut bezahlten, aber harten Job in der Mine anzunehmen. Joseys Vater, selbst Minenarbeiter, ist darüber ebenso empört wie viele seiner Kumpel. Obwohl sich die US-Minen verpflichtet haben, bis zu 20 Prozent Frauen einzustellen, gelten weibliche Arbeitskräfte in Minnesota fast als Verräter. Sie nehmen den Männern die raren Jobs weg und stören das raue Kumpel-Klima, in denen ein Mann noch ein ganzer, derber Kerl sein darf. Die Frauen leiden, doch sie begehren nicht auf: Sie wollen den guten Lohn.

Was Josey und ihre Kolleginnen in der Mine erleben, ist nicht nur zutiefst demütigend; die Attacken der Kollegen reichen über Beleidigungen und Einschüchterungen bis hin zur Vergewaltigung. Selbst dem nachsichtigsten Zuschauer dürfte bei diesen Szenen das Messer in der Tasche aufgehen. Doch Josey ist keine Vollemanze. Sie wehrt sich mit einem ausgeprägten Sinn für Menschenwürde gegen die tradierte Frauenfeindlichkeit. Von der Firmenleitung abserviert, von Kollegen als Schlampe verleumdet und von Vater und Sohn verachtet, verlegt sie ihren einsamen Kampf schließlich ins Gericht.

Es ist der Schauspielkunst Charlize Therone (Monster) und der hochkarätigen Besetzung des Films zu danken, dass dieses Drama nicht schnell in ein kitschiges und angestaubtes US-Heldenepos abgleitet. Im Grunde hat Niki Caro ihr Whale-Rider-Motiv über das hartnäckige Aufbegehren gegen die Ungerechtigkeit einer intoleranten Männerwelt in anderer Form wieder aufgenommen. Vom kämpferischen Frauen-Motiv her steht „Kaltes Land” in der Tradition von Martin Ritts Norma Rae (1978), Mike Nichols „Silkwood” (1983) oder Steven Soderberghs „Erin Brockovich” (2000).

„Kaltes Land” basiert locker auf einer wahren Begebenheit und auf dem Buch „Class Action”. 1984 beschwerte sich die allein erziehende Minenarbeiterin Lois Jenson aus Eveleth bei der Menschenrechtskammer Minnesotas über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Obwohl ihre Beschwerde anerkannt wurde und die Kammer ihr 11 000 US-Dollar Entschädigung zusprach, verweigerte die Minengesellschaft die Zahlung. Erst 14 Jahre später wurden der Präzedenzfall in einer Sammelklage vor einem US-Gericht verhandelt und Jenson sowie ihren Kolleginnen 3,5 Millionen US-Dollar zugesprochen.

Ist schon das vielschichtige Psycho-Drama des neuen Films packend, versteht sich Niki Caro wie schon bei ihrer preisgekrönten Maori-Saga auf wunderbare Bildstrecken. Wenn Menschen neben Erzkippern wie Spielzeugfiguren wirken und der Schnee die geschundene Minenlandschaft Minnesotas einfrieren lässt, sind das bewegende Aufnahmen. Die US-Kritik hat den Film im Herbst begeistert aufgenommen, Theron und McDormand sind inzwischen als Haupt- und Nebendarstellerinnen für den diesjährigen Oscar nominiert.

dpa-infocom


http://rhein-zeitung.de/on/06/02/16/magazin/kino/t/rzo218686.html
Montag, 06. Februar 2006, 11:04 © RZ-Online GmbH (NewsDesk)
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