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Deutschland scheitert im WM-Halbfinale an Italien

Dortmund Fußball-Deutschland trauert - der Traum vom vierten WM-Titel ist geplatzt.

Deutschland - Italien

Michael Ballack (l) versucht, den Italiener Andrea Pirlo zu umspielen.

Nach leidenschaftlichem Kampf verlor die deutsche Nationalmannschaft in Dortmund den Fußball-Klassiker gegen Italien in buchstäblich letzter Minute mit 0:2 (0:0) nach Verlängerung.

Damit scheiterte Deutschland zum vierten Mal nach 1934, 1958 und 1970 im Halbfinale einer Weltmeisterschaft. Fabio Grosso (119. Minute) und Alessandro del Piero (120.+1) erzielten die späten Tore, die die deutschen Hoffnungen beendeten und Italien zum sechsten Mal in ein WM-Endspiel brachten. Dort ist am 9. Juli in Berlin der Gewinner des zweiten Halbfinals zwischen Frankreich und Portugal der Gegner der „Azzurri”.

Exakt 52 Jahre nach dem „Wunder von Bern” verpasste die deutsche Mannschaft durch die erste Länderspiel-Niederlage in Dortmund den ganz großen Wurf und muss sich nun am Tag vor dem Finale in Stuttgart mit dem kleinen Finale um den dritten Platz gegen den Verlierer des Duells Frankreich - Portugal begnügen. Obwohl auch im fünften WM-Duell gegen die „Squadra Azzurra” kein Sieg gelang, wurde das DFB-Team von begeisterten „Deutschland, Deutschland”-Rufen in die Kabine geleitet.

„Das Land kann stolz sein auf diese Mannschaft. Wir haben der Welt das neue Gesicht der deutschen Mannschaft gezeigt. Am Ende werden wir viel mitnehmen können aus dieser Zeit”, sagte Bundestrainer Jürgen Klinsmann, der in der Stunde des Niederlage „keinen Gedanken daran verschwenden” wollte, „ob ich weitermache”. „Unsere Mannschaft hätte genauso den Sieg verdient gehabt. Es ist schade. Am Schluss waren die Italiener glücklicher und cleverer”, kommentierte OK-Chef Franz Beckenbauer die erste deutsche Niederlage in einem WM-Halbfinale seit dem „Jahrhundertspiel” gegen Italien vor 36 Jahren in Mexiko. „Es wäre jammerschade, wenn das Trainergespann auseinander fallen würde.”

„Wir können auf unsere Mannschaft stolz sein. Da sind viele junge Spieler dabei, da kann man nur den Hut ziehen”, sagte Miroslav Klose, der im Angriff nicht wie erhofft zum Zuge kam. „Wenn man so kurz vor dem Ende verliert, ist das ganz bitter. Es ist schwer, jetzt eine Erklärung dafür zu finden”, meinte der enttäuschte Philipp Lahm. Italiens Coach Marcello Lippi war dagegen erleichtert: „Mit dem Doppelschlag haben wir uns die Elfmeter-Lotterie erspart.”

Nach von großer taktischer Disziplin geprägten 90 Minuten hatte die DFB-Auswahl zu Beginn der dramatischen Verlängerung gleich zwei Schrecksekunden zu überstehen. In der 91. Minute setzte sich der eingewechselte Alberto Gilardino gegen Michael Ballack durch und traf den Innenpfosten. 60 Sekunden später jagte Gianluca Zambrotta den Ball aus 16 Metern an die Oberkante der Latte. In der 105. und 112. Minute verpasste Lukas Podolski zwei Mal das deutsche Siegtor.

Vier Tage nach dem 120-minütigen Krimi gegen Argentinien unterstrich die deutsche Mannschaft bei Temperaturen von fast 30 Grad auch im Duell der dreimaligen Weltmeister, wie sehr sie im Turnierverlauf zu einer Einheit zusammengewachsen ist. In einem Geduldsspiel ließen sich die Italiener aber von der stimmungsvollen Kulisse kaum beeindrucken und stellten in einer intensiv geführten Partie die abgeklärtere Mannschaft, ehe die Gastgeber nach der Halbzeit entschlossener aufs Tor drängten.

Kapitän Michael Ballack war in seinem 70. Länderspiel Chef in einem deutschen Mittelfeld, das in dieser Besetzung noch nie zusammen gespielt hatte. Den Platz des wegen einer Tätlichkeit nach dem Argentinien-Spiel gesperrten Torsten Frings nahm Lokalmatador Sebastian Kehl ein, aber auch der als Alternative genannte Tim Borowski kam überraschend in der Startelf zum Zuge. Der Bremer ersetzte im Mittelfeld Bastian Schweinsteiger, der erst Mitte der zweiten Halbzeit als „Joker” zum Zuge kam.

Die Hereinnahme der beiden frischen Kräfte machte sich durchaus bezahlt. Denn während der Neu-Londoner Ballack trotz seiner Bedeutung als Ballverteiler nicht so spritzig wie zuletzt wirkte, war Borowski auf der linken Seite in die meisten Offensivaktionen einbezogen. In der 40. Minute sah der Bremer für ein Foul an Francesco Totti allerdings die Gelbe Karte. Kehl, der bis zum Halbfinale erst auf 25 WM-Minuten gegen Costa Rica und Schweden gekommen war, fügte sich glänzend in den Defensivverbund ein und war ebenso bissig wie Frings.

Christoph Metzelder hielt im Zusammenwirken mit Per Mertesacker Italiens Torjäger Luca Toni sicher in Schach. Einzig Lahm hatte mit Mauro Camoranesi auf der linken Abwehrseite Schwierigkeiten wie beim 1:4 am 1. März in Florenz. In der Spitze hatten Klose und Podolski gegen die Deckung der Italiener einen ganz schweren Stand. Fabio Cannavaro erwies sich in seinem 99. Länderspiel als Turm der Abwehr.

Knapp drei Wochen nach ihrem 1:0-Sieg in der Vorrunde gegen Polen wurde die deutsche Mannschaft bei ihrer Rückkehr nach Dortmund von einer bisher kaum erlebten Welle der Begeisterung empfangen. Doch es dauerte fast eine Viertelstunde, ehe beide Mannschaften die Nervosität abgestreift hatten. Die „Azzurri” wurden immer dann gefährlich, wenn sich Gianluca Zambrotta und Mauro Camoranesi auf den Flügeln ins Offensivspiel einschalteten. Aber auch bei den Standardsituationen der von Andrea Pirlo glänzend dirigierten Gäste musste die Innenverteidigung auf der Hut sein.

Die größte deutsche Chance zur Führung verpasste in der 34. Minute Bernd Schneider, ebenso wie Ballack zum 70. Mal im DFB-Trikot. Nach Zuspiel von Klose jagte der Leverkusener den Ball aus bester Schussposition über das Tor von Gianluigi Buffon und machte damit deutlich, warum er erst ein Länderspiel-Tor zu Buche stehen hat. In der 63. Minute reagierte der im Turnierverlauf bisher nur von seinem Teamkollegen Christian Zaccardo bezwungene Buffon gegen Podolski glänzend, den Nachschuss setzte Arne Friedrich über das Tor.

dpa-infocom


http://rhein-zeitung.de/on/06/07/05/sport/wm2006/deutschesteam/spielberichte/t/rzo261579.html
Mittwoch, 05. Juli 2006, 0:25 © RZ-Online GmbH (NewsDesk)
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