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„Die Party ist nicht zu Ende” - Fans mit neuem Mut

Berlin Nach dem Schock über den geplatzten WM-Finaltraum haben hunderttausende Anhängern der Nationalelf rasch wieder neuen Mut geschöpft.

Neuer Mut

Deutsche Fans halten auch nach der Niederlage zu ihrer Mannschaft.

„Die Party ist jetzt nicht zu Ende. Ich werde Deutschland auch beim Kampf um Platz drei unterstützen”, hieß es nicht nur von Berliner Fans. Das „kleine Finale” ist am Samstagabend in Stuttgart - Deutschland tritt dann gegen den Verlierer der zweiten Halbfinalpartie Portugal-Frankreich an.

Dass in Aachen ein frustrierter Fußballanhänger mit Bierflaschen und seinem PC-Schirm um sich warf, war eine krasse Ausnahme. Viele richteten den Blick nach der 0:2-Niederlage im dramatischen Halbfinalspiel gegen Italien rasch wieder nach vorn.

Auch am Tag danach trug Deutschland Schwarz-Rot-Gold - mit Fahnen und Wimpelketten an Autos, Wohnhäusern und Restaurants. Trotz kleinerer Rangeleien nach dem Abpfiff zeigte sich die enttäuschte Fangemeinde meist als weltmeisterlich fairer Verlierer. „Es gab keine organisierte Randale”, bilanzierte die Polizei nicht nur am Spielort in Dortmund.

Bei Autokorsos in mehreren Städten flatterten Fahnen beider Länder nebeneinander. „Wir sind nur ein Bockwurstlieferant” hallte es in den Stunden nach dem bitteren Spielausgang selbstironisch durch die Straßen der Hauptstadt. Und in Wiesbaden verkündete ein älterer Fan auf dem trostlosen Heimweg vom gemeinsamen Fußballgucken seine persönliche Strategie zur Trauerbewältigung: „Jetzt gibt es vier Jahre keine Pizza mehr.” Dann ist die nächste WM in Südafrika.

Die bisherige Fußball-Euphorie werde zwar allmählich abklingen, nahm der Münchner Psychotherapeut Stephan Lermer an. Doch er brachte es auf den Punkt: „Wir können eine ganz große, große Wende beobachten.” Zum ersten Mal sei ein Synergieeffekt zum Tragen gekommen. „Dass wir Ja sagen zum Staat, zur Nation, zum Vaterland, zu Deutschland, zu unseren Farben.”

Auch Bundespräsident Horst Köhler dürfte mit seinem Brief an die Klinsmann-Truppe das Gefühl vieler getroffen haben: „Es hat nicht gereicht - aber Sie haben sich trotzdem in die Herzen der Deutschen gespielt!” Deutschland habe in dieser Mannschaft ein neues Vorbild gefunden, sagte der Bundespräsident, der zusammen mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) die Nationalspieler nach dem verlorenen Spiel in Dortmund in der Kabine besuchte.

So kurz vor dem Ende des fröhlichen WM-Superevents wollen sich die meisten die Stimmung nicht verderben lassen. „Berlin, Berlin, wir pfeifen auf Berlin”, sangen sie in München als trotzige Antwort auf die „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!”-Rufe mit italienischem Akzent. Die Tifosi können nun am Sonntag im Berliner Olympiastadion auf die goldene WM-Trophäe für ihr Land hoffen.

Bereits am Samstag wird in der Hauptstadt zum Spiel der deutschen Elf um Platz drei wieder mit großem Andrang auf der bundesweit größten Fußballmeile gerechnet. Das Partyareal hat mit mehr als sieben Millionen Besuchern schon jetzt die kühnsten Erwartungen übertroffen - allein beim Halbfinalspiel zitterte rund eine Million Fans bis zum Schluss mit.

In Dortmund wurde bereits nach dem Spiel trotzig skandiert: „Stuttgart ist viel schöner als Berlin!” Ein Mutmacher für Jürgen Klinsmann, nachdem dieser tieftraurig die Motivierung seiner Mannschaft für das Spiel um Platz drei als „natürlich nicht so einfach” dargestellt hatte.

Eine neue Hoffnungsmelodie zum Mitsingen haben die Fans schon. Die Sportfreunde Stiller beschworen neuen Optimismus. Radiostationen und Musiksender spielten eine kurzerhand aktualisierte Version ihres Fanmeilen-Hits, in dem das Jahr 2006 nicht mehr vorkommt. Zum Refrain „Mit dem Herz in der Hand und der Leidenschaft im Bein werden wir Weltmeister sein” heißt es nun: „'54, '74, '90, 2010”. Von Jutta Schütz und Sascha Meyer, dpa

dpa-infocom


http://rhein-zeitung.de/on/06/07/05/sport/wm2006/topnews/t/rzo261842.html
Mittwoch, 05. Juli 2006, 16:44 © RZ-Online GmbH (NewsDesk)
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