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Mittwoch, 02. Mai 07

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Immer wieder sonntags: „Tatort-Clubs” sind in

Köln - Horst Lettenmayers wässrig-blaue Augen sind wohl die bekanntesten Augen im deutschen Fernsehen. Seit über 36 Jahren blickt er fast jeden Sonntagabend durch einen Schlitz in die Wohnzimmer hinein, ein weißes Fadenkreuz umschließt das rechte Auge, bevor der Schriftzug „Tatort” aufblitzt.

Die Studentinnen Barbara (l) und Irit, zwei Hobby-Kriminalistinnen, haben sich zum "Tatort-Club" eingefunden.

Es ist 20.15 Uhr im Kölner „All Area Club”. Unter dem Motto „Du bist nicht allein” treffen sich hier zum „Tatort-Club” wöchentlich etwa 80 Hobby-Kriminalisten.

Was früher der großfamiliäre Wochenend-Ausklang auf der heimeligen Sofagarnitur war, erlebt heute in immer mehr Städten als kollektives Tatort-Schauen hunderter Gleichgesinnter seine Renaissance. Stilecht sitzen sie im „All Area” in Lounge-Atmosphäre auf Sofas, einige haben Knabberutensilien griffbereit. Seit 2005 wird hier der „Tatort” gezeigt, seit einigen Monaten muss der ARD-Dauerbrenner auf Grund des Andrangs auf zwei Leinwänden übertragen werden. Nun sind Lettenmayers Füße zu sehen, die flüchtend durch das Bild rennen, bevor sich eine weiße Spirale darüber legt. Deutschland langlebigste Krimi-Serie beginnt. Seit Stephan Derricks Abgang ist dieser Vorspann der schönste Anachronismus im deutschen Fernsehen.

Es ist auch dieser Anachronismus und der traditionelle Sonntagabend-Sendeplatz, der in vielen Großstädten die Leute in die Kneipen lockt. „Viele Studenten kommen hierher, weil sie den Tatort nicht alleine in ihrer 15-Quadratmeter-Bude schauen wollen”, sagt Stefan Koch, Veranstalter des Kölner „Tatort-Clubs”. Die meisten Zuschauer sind 20 bis 35 Jahre alt. Von Anfang an dabei ist Frank Spalke, der hier jede Woche seinen Bruder Franz trifft. „Das ist der einzige Termin, über den ich mit meiner Frau nicht diskutieren muss, der ist pauschal gebucht”, sagt der 39-Jährige. Andere wiederum haben keinen Fernseher zu Hause, mögen die Wohnzimmer-Atmosphäre mit Getränke-Bedienung oder schätzen das gemeinsame Tatort-Schauen zur Überwindung eines Wochenend-Katers.

Auch in einer anderen Bar in der Kölner Südstadt wird zum Wochenendausklang der „Tatort” gezeigt. Zur Krimi-Halbzeit werden Zettel verteilt, Täter-Raten ist angesagt. Wer richtig liegt, bekommt einen Schnaps auf Kosten des Hauses. Der „Grüne Jäger” und die „Pony Bar” in Hamburg gehörten vor drei Jahren zu den ersten Gaststätten in Deutschland, die den Krimi mit Kult-Status zeigten. Heute wird unter anderem in Rostock, Kiel, Hannover, Wiesbaden, Mainz, Frankfurt, Leipzig und Berlin Sonntags die Großbildleinwand ausgerollt, der Beamer angeworfen und das Ende der Tagesschau herbeigesehnt.

Für die Älteren unter den „Wochenend-Kommissaren” in den Kneipen ist der „Tatort” seit Jahrzehnten ritueller Bestandteil des Sonntags, so wie der samstägliche 15.30 Uhr-Termin für Fußballfreunde. Damals, als der Krimi noch im elterlichen Wohnzimmer geschaut wurde, lasen Wilhelm Wieben oder Dagmar Berghoff die sonntäglichen Tagesschau- Nachrichten noch von gelbem Papier ab, bevor Lettenmayer den Zuschauer anstarrte. Als es nur ZDF und ARD gab, erreichte der Tatort bis zu 76 Prozent Marktanteile. Nach einer Umfrage von TNS Infratest im Jahr 2006 gaben 89 Prozent an, den „Tatort” zu kennen oder schon einmal eine Folge gesehen zu haben.

In den großstädtischen „Tatort-Clubs” kommt die föderale Struktur der Krimi-Reihe - damals vom ARD-Verbund aus der Not heraus gegen die übermächtige ZDF-Konkurrenz mit Erik Odes „Der Kommissar” geboren - voll zum Tragen. Wenn die Kölner Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) ermitteln, geht ein Raunen durch den Saal, sobald bekannte Ecken der Domstadt auftauchen.

Auch wenn sich in den Kneipen sachkundiges Publikum findet, das Fragen nach dem ersten „Tatort” („Taxi nach Leipzig”, 29.11.1970), der Zahl der Folgen (664) oder dem dienstältesten Kommissar (Lena Odenthal, seit 1989) mitunter beantworten kann: Bei der Frage nach Lettenmayers Honorar für seinen Dauerauftritt im „Tatort” müssen die meisten passen. Einmalig 400 Mark sind es nach Auskunft des heute 65- jährigen gewesen. Als Wiedergutmachung durfte er 1989 in der Schimanski-Folge „Der Pott” mitwirken. Lettenmayer mimte den Gewerkschaftsfunktionär Broegger, der schnell die Augen für immer schloss: Er wurde ermordet. Von Georg Ismar, dpa

dpa-infocom


http://rhein-zeitung.de/on/07/05/02/magazin/t/rzo332293.html
Mittwoch, 02. Mai 2007, 15:22 © RZ-Online GmbH (NewsDesk)
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