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Jürgen Klopp im Inter­view: Abstieg ist ver­arbei­tet

Voll­gas­fuß­ball und
15.000 Mainzer in Wies­baden

Mainz - Die MRZ traf sich mit Jürgen Klopp im Gon­sen­hei­mer Café Reis. Der Trainer des gerade aus der Fuß­ball-Bun­des­liga abge­stie­genen FSV Mainz 05 hin­ter­ließ den Ein­druck, dass er nach dieser sport­lichen Ent­täu­schung wieder mit sich im Reinen ist. Der 39-Jäh­rige, der die Wirren und Tiefen der inten­siven Saison 2006/07 offen­sicht­lich ver­arbei­tet und abge­schüt­telt hat, wirkte ent­spannt, offen, dank­bar, kämp­ferisch und aus­gespro­chen unter­neh­mungs­lus­tig.

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Beim Sai­son­finale in der Münch­ner Alli­anz-Arena bedankte sich auch Trainer Jürgen Klopp mit einem roten 05-Zylin­der auf dem Kopf für die "großar­tige, ein­malige Unter­stüt­zung" durch die Mainzer Anhän­ger.

Jürgen Klopp, seit 1990 Ange­stell­ter des FSV Mainz 05, ist seit sieben Jahren Trainer dieses Klubs. Lang­wei­lig ist es am Bruch­weg mit dem 39-Jäh­rigen nie gewe­sen. 2001: Zweit­ligaab­stieg ver­mie­den. 2002: Auf­stieg ver­passt am letzten Spiel­tag. 2003: Auf­stieg ver­passt am letzten Spiel­tag. 2004: Bun­des­ligaauf­stieg geschafft am letzten Spiel­tag. 2005: Abstieg ver­mie­den. 2006: Abstieg ver­mie­den. 2007: der Bun­des­ligaab­stieg.

  • Herr Klopp, der Start in die jetzt zu Ende gegan­gene Saison war unter anderem geprägt von der mit­tel­fris­tigen Ver­einss­tra­tegie, mit dem Geld haus­zuhal­ten, um Rück­lagen fürs neue Stadion zu bilden. Waren Sie als Trainer Leid tra­gen­der dieser an der Ver­nunft ori­entier­ten Poli­tik?

    Mir und uns war klar, dass es super­schwer werden würde. Schon alleine wegen der Tat­sache, dass wir als Mann­schaft, die gerade so drin­geblie­ben ist, Spieler weg­geben muss­ten, die zusam­men 30 Tore geschos­sen hatten. Was uns aus­zeich­net, ist dass wir nicht hadern, sondern uns darauf ein­las­sen. Trotz­dem: Auch jemand so domi­nan­ten wie Toni da Silva zu erset­zen, war nicht leicht. Wie fangen wir das auf? Wir wollten die Last auf mehrere Schul­tern ver­tei­len. In der Breite waren unsere Ver­pflich­tun­gen gut. Jemand wie Markus Feulner kann man jeder­zeit holen. Unsere Abwehr stand, wir hatten gute Tor­hüter. Wir mussten im Mit­tel­feld einen Krea­tiv­pos­ten beset­zen. Vorne hätten wir einen Top­mann, einen abso­luten Spit­zen­mann gebraucht. Einen Voro­nin, einen Zidan. Neben dem ein top­fit­ter Ruman, ein Jova­novic gespielt hätte. Dazu die kom­plett neuen Spieler wie Damm und Dia­kité.

  • Der Spit­zen­mann kam nicht, und Michael Thurk ging zusätz­lich weg.

    Wir waren wirk­lich sehr weit mit Andrej Voro­nin. Für mich war es klar, dass er kommt. Dann sind uns Andrej und drei andere Sachen hin­ter­ein­ander weg­gebro­chen. Wir haben über Cacau nach­gedacht, der auf dem Markt war. Du sprichst mit dessen Ex-Trai­ner, musst dich darauf ver­las­sen, was du hörst, kannst dir nicht sicher sein und machst es nicht. Wir hatten auch eine Rück­kehr von Blaise Nkufo im Kalkül, aber das Gesamt­paket war nicht ver­nünf­tig. Blaise war teuer und ist 32. Nicht zuletzt durch den Sieg gegen den FC Liver­pool hatten wir das Gefühl, es kann reichen so, wie es ist. Sch­ließ­lich haben wir ja nicht nur Talente geholt wie immer gesagt wird, sondern eher Spie­ler, die sich auf dem zweiten Bil­dungs­weg wei­ter­ent­wickelt haben. Alles in allem gesehen war das Poten­zial da in der Vor­runde und in der Rück­runde. Wir hätten nur zweimal Ale­man­nia Aachen schla­gen müssen. Ohne wenn und aber.

  • Wieso hat die Mann­schaft immer wieder diese langen Phasen der Erfolg­losig­keit?

    Das hängt damit zusam­men, dass wir seit sechs Jahren am Limit spie­len. Wir müssen jedes Jahr neu das Niveau des Vor­jah­res errei­chen. Wenn du dich so stre­cken musst, bedeu­tet jede Abwei­chung nach unten Punkt­ver­lust oder Nie­der­lage. Und das kratzt dann an der von uns den Spie­lern mühsam ein­gere­deten Über­zeu­gung. Elf Punkte in der Vor­runde sind schreck­lich. Natür­lich. Du spielst eine halbe Stunde lang richtig gut, dann geht's los. Du kriegst das erste Tor und kannst von außen zuse­hen, dass die Jungs immer mehr Span­nung ver­lie­ren. In der Rück­runde war die Sache mit der Über­zeu­gung ganz extrem. Denn der Abstiegs­kampf dauerte einfach zu lange. Es wäre alles regel­bar gewe­sen, aber auf einmal stellst du fest, wie lange alles dauert. Du hast eine gute Serie und kommst nicht weg in der Tabelle. Wenn etwas schief läuft, kommen dann sofort die schlech­ten Gedan­ken zurück.

  • Dazu kam die Krise von Manuel Fried­rich und teil­weise von Nikolce Nove­ski. Wie sind Sie damit umge­gan­gen?

    Das war so nicht abseh­bar, dass beide Innen­ver­tei­diger sagen wir mal eine sehr wech­sel­hafte Saison gespielt haben. Selbst­kri­tik ist grundsätz­lich etwas Posi­tives. Ent­schei­dend ist aber, was ich da raus­ziehe. Irgend­wann muss ich mein eigenes Poten­zial akzep­tie­ren und daraus meine Selbst­kri­tik ziehen. Manuel hat dies nicht getan, sondern immer nur aus einem schlech­ten Spiel. Und das ist lächer­lich, aber es ist eine Gewohn­heit, die er hat. Und aus der kommt er nur langsam raus. Bei Noveski ist es so, er sagt, das wird schon wieder. Ein Ein­grei­fen von Außen stößt bei ihm oft auf Unver­ständ­nis. Da haben wir alles Mög­liche durch­gemacht.

  • Haben sich die beiden zu lange mit mög­lichen Wech­seln beschäf­tig­t?

    Den Ein­druck habe ich nicht. Eher schon, dass sie alles weg­gedrängt haben. Beide ver­spüren eine rie­sen­große Verant­wor­tung, und deshalb ist bis jetzt ja auch noch nichts klar. Ich weiß wirk­lich nicht, was pas­siert, welche Ent­schei­dung sie fäl­len.

  • Kön­nen Sie diesen beiden Spie­lern guten Gewis­sens emp­feh­len, zu einem großen Klub zu wech­seln?

    Ich habe die Fuß­ball-Weis­heit ja auch nicht mit Löffeln gefres­sen. Ich traue den Jungs grundsätz­lich alles zu. Wir ver­suchen, sie hier zu behal­ten, aber sie müssen es ent­schei­den. Ich emp­fehle keinem einen Wech­sel. Auch einem Zidan nicht, weil ich über­zeugt davon bin, dass es auch ihm gut tun würde, hier zu blei­ben.

  • Wie kam es dazu, dass auch Leon Andre­asen mit zuneh­men­der Sai­son­dauer abge­baut hat?

    Ich sage nur: 23 Jahre alt, ein halbes Jahr lang nicht gespielt. In Däne­mark nur Innen­ver­tei­diger gespielt. Sein Tank war einfach leer gefah­ren. Er musste alles von Null auf den Platz brin­gen. Die Nummer sechs bei Werder Bremen kann er nicht spie­len, das weiß er. Er weiß auch, dass er öko­nomi­scher spielen muss. Indi­vidual­tak­tisch ist er großar­tig. Es wäre inter­essant, aus diesen unglaub­lichen Mög­lich­kei­ten, die Leon hat, alles raus­zuschälen. Dazu hätte ich eine Rie­sen­lust.

  • Wenn wir schon bei den Leis­tungs­trä­gern sind. Was war mit den ande­ren?

    Elkin Sotos Ver­let­zung war die größte Kata­stro­phe. Das durfte nicht pas­sie­ren. Mimoun Azaouagh, das hat in der Vor­runde nicht gepasst. Er hat gegen alles gekämpft. Nach der Win­ter­pause war er der Spie­ler, den wir gebraucht haben. Er hat ein paar große Spiele gemacht. Das kon­stant auf die Beine zu stel­len, wird Mimouns große Her­aus­for­derung in den nächs­ten Jahren. Die Jungs müssen lernen, ihre Leis­tung kon­stant abzu­rufen. Das ist der Unter­schied zwi­schen einem guten und einem Klas­sespie­ler.

  • Wie lautet also das Fazit dieser Saison?

    Der Bau einer ganz neuen Mann­schaft fällt einem Verein wie Mainz 05 in der Bun­des­liga extrem schwer. Es ist für jede Mann­schaft schwer. Wenn die Leute, die den Unter­schied machen, weg­bre­chen, geht's kaum. In der Rück­runde hatte wir die rich­tigen Leute, aber es war nichts Gewach­senes. Da hätte wirk­lich alles perfekt laufen müssen. Und trotz­dem war es mög­lich, drin­zublei­ben.

  • Sie selbst gehen jetzt ins siebte Trai­ner­jahr. Was...?

    Ich habe einige Illu­sio­nen über Bord gewor­fen.

  • Wel­che?

    Wir alle können Freunde sein, das geht nicht. Und: Man kann nicht alle Spiele gewin­nen. Ich war mir wirk­lich eine Zeit lang sicher, dass es geht. Wo ist der Unter­schied zwi­schen Heim- und Aus­wärtss­pie­len? Ich will eigent­lich keinen Unter­schied sehen, aber das ist in der letzten Zeit leider nicht mehr so ganz gelun­gen. Außer­dem glaube ich nicht mehr daran, dass sich in einer Saison wirk­lich alles aus­gleicht.

  • Was ist mit ihrer Trai­ner­kar­riere. Hat die durch den Abstieg einen Knick erhal­ten?

    In unserem Beruf bedeu­ten Siege Lebens­qua­lität. Nie­der­lagen kratzen schwer daran - see­lisch. Was jetzt der nächste Schritt wäre, kann ich nicht sagen. Ich würde viel lieber end­gül­tig mal erklären, warum ich hier in Mainz blei­be.

  • Also los.

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    Jürgen Klopp (links) lässt sich sehr extrem auf seine Spieler ein. Mit Mohamed Zidan (Nummer 25) spricht der 05-Coach täg­lich. Leon Andre­asen (vorne rechts) will nicht zuletzt wegen des Trai­ners am Bruch­weg blei­ben. Manuel Fried­rich (im Hin­ter­grund) grübelt noch.

    Natür­lich hatte ich nicht vor, wieder zurück in die Zweite Liga zu gehen. Aber nur, weil ich mich nicht damit beschäf­tigt habe. Ich wollte mit Mainz 05 in der Bun­des­liga etwas errei­chen. Als der Abstieg abseh­bar war, war auch mir klar: Aus der per­sön­lichen und mora­lischen Verant­wor­tung hier komme ich nie raus. So etwas werde ich woan­ders so auch nie mehr haben. Fakt ist, ich stand unter einem rie­sen­großen Druck. Für mich gab es keine Mög­lich­keit zu sagen, wir sind abge­stie­gen. Tut mir leid, aber ich muss nun wei­ter­zie­hen. Diese Ent­schei­dungs­mög­lich­keit hatte ich nicht. Aber nur wegen mir selbst. Alle Leute sagen mir, ich müsse an mich selbst denken. Alle Leute, die mich und uns hier nicht kennen, geben mir ständig das Gefühl, dass es heute offen­bar ein Sport gewor­den ist, den nächs­ten Zug zu erwi­schen. Inter­essant ist, dass wirk­lich so viele Leute nicht nach­voll­zie­hen können, dass ich das nicht tue. Ich weiß, dass ich ein guter Trainer bin. Aber kann ich als Trainer von Mainz 05 sagen, mein nächs­ter Verein muss mir die Chance geben, Deut­scher Meister zu werden? Ich habe das Gefühl, dass ich noch viel Zeit habe. Ich werde jetzt 40. Ich musste hier in Mainz Sachen über­ste­hen, die sonst keiner der Kol­legen kennt. Sie­ben­mal ver­lie­ren und nicht ent­las­sen zu sein. Und einen Weg finden zu müssen, aus dem Schlam­mas­sel heraus. Diese Win­ter­pause war das Extremste, was es je gab für mich. Mehr lernen kann man nicht. In diesem Verein beruht vieles auf Gegen­sei­tig­keit. Die Dank­bar­keit wird ein Leben lang da sein. Bei mir ist es nicht so, dass ich hier irgend­wann unbe­dingt weg muss, sondern dass ich irgend­wann etwas anderes sehen muss. Das war in diesem Jahr noch nicht der Fall. Wenn die Leute in Mainz aber nach dem Glad­bach-Spiel mit Steinen gewor­fen, uns beschimpft und aus­gepfif­fen hätten, dann wär es das gewesen für mich. Wenn es hier einmal eine Fan­aktion geben sollte gegen mich, dann heißt es für mich sofort, dass ich weg bin. Aber das, was nach dem Spiel gegen Mön­chen­glad­bach pas­siert ist, war das Großar­tigste über­haupt. Eine solche Reak­tion. Und das in einer Zeit, in der im Fußball so viel Nega­tives pas­sier­t.

  • Fühlen Sie sich nach dem Abstieg bereit für den Neu­anfang?

    Im Winter hat die Reser­velampe hell geleuch­tet. Jetzt bin ich wieder voll da. Mein letzter Gedanke wäre in Urlaub zu gehen. Ich will was tun. Trainer zu sein, das ist ein 24-Stun­den-Job, aber ich freue mich tie­risch darauf. Jetzt geht es darum, die tollen Erin­nerun­gen zu behal­ten für schlechte Zeiten, diese abzu­spei­chern und jede Menge neue Dinge zu erar­bei­ten.

  • Was sind das für Din­ge?

    Die große Her­aus­for­derung heißt, nicht daran zu denken, nach Wies­baden statt nach Dort­mund zu fahren. Sondern diese Saison für sich nehmen und sich per­manent auf die Gele­gen­heit zu freuen, drei Punkte holen zu können. Es kann ja nicht sein, dass wir in der Saison keinen Spaß haben, weil wir nur daran denken, so schnell wie möglich wieder raus­zuwol­len. Ich will, dass wir uns über einen 1:0-Sieg gegen Koblenz freuen können. Ich werde dafür sorgen, dass wir Voll­gas-Fuß­ball spie­len. Pres­sing. Mit der Tendenz zum Fore­checking, was in der Bun­des­liga sehr schwer war. Das wird wieder pas­sie­ren, und dann raschel­t's. Wir werden an allem arbei­ten. Wir werden viele Dinge ver­ändern. Wir werden künftig eine Trai­nings­ein­heit pro Woche mehr haben, um uns Fähig­kei­ten zu erar­bei­ten, die unab­ding­bar sind. Wir werden eine kom­plette Neu­aus­rich­tung haben auf die bevor­ste­hende Auf­gabe. Dann will ich sehen, dass wir 15 000 Fans mit­neh­men nach Wies­baden. Und nach Hof­fen­heim. In der nächs­ten Saison gibt es kurze Stre­cken, da müssen die Stadien voll sein mit unseren Leuten. Noch ist ein wenig Abschieds­schmerz da, aber in ein paar Tagen werden wir uns alle darauf freuen können, was wir aus dieser Spiel­zeit machen kön­nen.

  • Was muss an Neu­ver­pflich­tun­gen kommen? Für welche Posi­tio­nen brau­chen Sie neue Spie­ler?

    Schwer zu sagen im Moment. Unter Umstän­den müssen wir eine Innen­ver­tei­digung neu besetz­ten. Im Mit­tel­feld muss noch etwas gesche­hen und vorne ganz viel, wenn Mohamed Zidan gehen sollte. Eins ist klar, da wird jetzt nicht mehr lange gezock­t.

    Das Gespräch führten Rein­hard Rehberg und Jörg Schnei­der


    http://rhein-zeitung.de/on/07/05/23/sport/r/mainz-1.html
    Mittwoch, 23. Mai 2007, 08:40 © RZ-Online GmbH (aj)
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