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Archiviert am
Mittwoch, 26. März 08 |
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Bastian Sick und der Wemsing-Fall Koblenz - Vom Korrekturleser zum bekanntesten Sprachpfleger der Republik: Das ist die Karriere von Bastian Sick.
Am Montag, 31. März, 20 Uhr, gastiert er mit seiner Bühnenshow in der Rhein-Mosel-Halle. Ein Interview über die Sprache. Das Gespräch im Wortlaut:. Herr Sick, muss ich im Gespräch mit Ihnen besonders vorsichtig sein - weil ich sonst Gefahr laufe, mit einer Unachtsamkeit Gegenstand Ihrer Arbeit zu werden? Sie müssen natürlich Sorgfalt walten lassen - wie mit jedem Gesprächspartner. Das gehört zu dem Beruf schließlich dazu. Merken Sie denn, dass die Menschen Ihnen mit besonderer Vorsicht begegnen? Ja, ich merke schon, dass manche etwas befangen sind. Aber das gibt sich schnell. Dann nämlich, wenn sie merken, dass ich gar nicht so bin, wie ich manchmal dargestellt werde. Ich bin kein Nörgler und kein Besserwisser. Ich sehe mich auch nicht als Bekämpfer von Fehlern, sondern als Freund der Sprache. Und wenn Sie jetzt mit mir sprechen - natürlich gibt es Unterschiede zwischen Schriftsprache und gesprochener Sprache. Jemand, der immer nur druckreif spricht, der muss ein sehr unentspannter Mensch sein. Ich bin nicht so, ich bin sehr lebenslustig. Wie ist es denn andersherum - werden Sie in Ihren Äußerungen, ob schriftlich oder mündlich, besonders aufmerksam beäugt? Das passiert sicherlich, ja. Ich habe ein sehr strenges Auditorium und eine sehr aufmerksame Leserschaft. Deshalb bin ich ja so froh, dass meine Texte zunächst einmal im Internet bei "Spiegel Online" erscheinen, bevor sie als Buch veröffentlicht werden. Den "Spiegel"-Lesern entgeht nichts - da werde ich dann auch schon mal auf Fehler hingewiesen, die ich noch korrigieren kann. Manchmal entspinnen sich auch richtige Diskussionen. Ist es nicht erstaunlich, dass in einer Zeit des allgemeinen Kulturpessimismus in einem modernen Medium, wie es das Internet ist, Diskussionen über so etwas vermeintlich Altmodisches wie Rechtschreibung geführt werden? Ich bin auch erstaunt über die Lawine, die ich losgetreten habe. Ich war mir dessen gar nicht bewusst. Ich habe ja zunächst als Schlussredakteur gearbeitet, also im zweiten Glied des Journalismus. Sie sprechen von der Dokumentationsabteilung des "Spiegels" - so etwas wie die Kontrollinstanz, die Texte prüft, bevor sie rausgehen. Ja, ich habe gerade eben noch mit einer früheren Kollegin gesprochen, einer Dokumentationsjournalistin des "Spiegels". Sie hat einen Text von mir über Schwyzerdütsch geprüft und auch zwei, drei kleinere Korrekturen mit mir besprochen. Für einen Fall hat sie sogar einen echt Schwyzerdütsch sprechenden Menschen gefragt. Da ging es ums Plural von Camion, was in der Schweiz für Lkw benutzt wird. Ist es Camions oder Camione? Es ist Camions. Wie sind Sie vom Dokumentationsjournalisten über den Kolumnisten zum Bühnenstar geworden? Das fing so an, dass ich, als das Buch erschienen war, zu Lesungen eingeladen wurde - wie man das als Autor so macht, man reist von Buchhandlung zu Buchhandlung. Und damals zeigte sich, dass es ein ungeheuer großes Interesse gab - die Lesungen waren stets sehr gut besucht. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum das so war? Tja ... Ich glaube, das Interesse an Sprache war immer sehr groß, nur wurde das lange Zeit von den Medien ignoriert. Seit den 80er-Jahren gab es ja eine Abkehr von der Qualität. Das ging mit der Einführung der privaten Medien einher. Plötzlich ging es nur noch um Quote, und da wurde jede Menge Trash produziert. Auf die sprachliche Qualität wurde dann kein Gewicht mehr gelegt. Das färbte dann auch auf andere Medien ab. Erkennen Sie denn mittlerweile, nach fünf Jahren "Zwiebelfisch"-Kolumne, die Anzeichen einer Trendwende? Ich denke, an der starken Diskussion, die heute über Sprache geführt wird, erkennt man so etwas wie eine Trendwende. Verlage, die ihre Schlussredaktionen abgeschafft haben, denken zum Beispiel darüber nach, so etwas wieder einzuführen. Es geht wieder verstärkt um Qualität. Von der Lesung zur Bühnenshow - wie ist das passiert? Das kam durch die Lit. Cologne vor ein paar Jahren. Deren Organisator, Rainer Osnowski, wollte zur Eröffnung eine richtig große Veranstaltung. Und weil er wusste, dass meine Lesungen ein großes Publikum erreichen, kam er auf mich zu. So entstand die Idee der "größten Deutschstunde der Welt" vor 15 000 Zuschauern in der Kölnarena. Ich hatte keine Ahnung, was da auf mich zukommt. Und das war auch gut so, denn sonst hätte ich vielleicht abgesagt. Aber: Ich bin da raus in die Arena und habe festgestellt - ich kann das. Ich bekam keine weichen Knie, die Stimme versagte mir nicht. Ich bin förmlich aufgeblüht. Und am nächsten Tag habe ich bei einem Agenten einen Vertrag für eine Bühnenschau unterschrieben, mit der ich durch Deutschland tourte. Inzwischen gibt es nun das zweite Programm. Und mit dem gastieren Sie am 31. März auch in Koblenz. Was wird auf der Bühne passieren? Das Programm ist eine bunte Mischung. Ich erzähle Anekdoten, Geschichten. Die Lesung ist natürlich immer noch ein Hauptbestandteil, auch wenn ich die Texte inzwischen so gut kenne, dass ich das sehr frei machen kann. Dazu gibt es eine Dia-Schau. Ich habe Bilder von sprachlichen Fehlleistungen, die auch in meinem neuen Buch "Happy Aua" abgedruckt sind, zu Kapiteln zusammengefasst. Ich gehe dann zum Beispiel in den Supermarkt ... ... und Sie kaufen "frische Kalbsbrust von der Schweinelende" ... ... oder "zwei Ananässer" oder auch "Wasser ohne HxO". Das zeigt auch ganz gut meinen Umgang mit Fehlern. Ich lache über die Fehler, besonders natürlich, wenn durch sie ein neuer Sinn entsteht. Es gibt auch Fehler, die sind lästig, ein falsches Komma etwa. Mich interessieren aber nur die lustigen. Und es geht mir dabei nicht darum, Menschen vorzuführen. Die Verursacher der Fehler kommen bei mir gar nicht vor, nur die Fehler selbst. Und da wissen wir doch alle, dass die uns auch passieren können. Das ist wie mit diesen Clipshows im Fernsehen, wo man sehen kann, wenn einer ausrutscht. Niemand ist davor sicher. Und so ist das auch mit den Fehlern. Hin und wieder beschäftigen Sie sich auch mit Dialekten. Fällt Ihnen zum Rheinischen etwas Spezifisches ein? Zunächst muss ich feststellen, dass ich bei Dialekten nicht von Fehlern spreche. Ich bin ja nicht auf einem Feldzug gegen Dialekte, wie mir gelegentlich unterstellt wird. Im Gegenteil: Dialekte sind eine wunderbare Bereicherung unserer Sprache. Ich sehe meine Aufgabe vielmehr darin, das Funktionieren der Hochsprache zu erklären. Zu den Dialekten mache ich nur einen Abstecher, einen Ausflug. Und zwar mit einem Augenzwinkern. Wo zwinkert das Auge im Rheinischen? Da gibt es ja zum Beispiel die rheinische Verlaufsform: Ich bin etwas am Machen. Oder Sie sind gleich den Artikel am Schreiben. In meiner Auftaktgeschichte beim Bühnenprogramm gehe ich auf den besitzanzeigenden Dativ ein, der im Rheinland sehr verbreitet ist: den "Wemsing-Fall": Wem sing Täsch is det? Andere Sprachphänomene, die in Ihrer Bühnenschau vorkommen? Ich habe zum Beispiel eine rotzfreche Handpuppe, die Jugendsprache spricht. Die ist dann "voll geflasht" und findet alles "total krass". Jugendsprache - da steht man doch auf schwankendem Boden. Spricht die Jugend überhaupt noch so? Sie ist wie jeder Jargon vielen Änderungen unterworfen. Das merkt man bei den Kraftausdrücken. Ich komme aus der "Geil"-Generation. Das sagt man heute entweder total inflationär oder gar nicht mehr. "Krass" und "fett" sind heute wohl angesagt. Ich glaube, man sagt auch "Porno", wenn man etwas "geil" oder "cool" findet. Ja, das hat neulich sogar einer meiner Neffen gesagt. Da war ich dann auch voll geflasht. Das Gespräch führte Tim Kosmetschke RZO
http://rhein-zeitung.de/on/08/03/25/magazin/szeneregional/t/rzo411988.html |
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