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Montag, 17. Juni 13
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RZ-Serie: Bestattungskultur im Wandel

RZ-Serie, Teil 3: Trau­erfei­ern indi­vidu­ell gestaltet

Rosa Lacksarg und Luft­bal­lons am Grab

Rheinland-Pfalz/Berlin - "Diese Feier hätte ihm oder ihr gut gefallen" - diesen Satz möchten alle Angehö­rigen nach einer Trau­erfeier für einen Ver­stor­benen sagen können. Doch die wenigsten vermuten, dass die Abschied­nahme ganz per­sön­lich aussehen kann.

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Mark Grünewald (Fotos von links oben im Uhr­zei­ger­sinn) aus Bad Kreuznach bietet Bestat­tun­gen für Homo­sexu­elle an. Dav­onschwe­ben können Ver­stor­bene, die ihre Asche vom Heißluft­bal­lon aus ver­streuen lassen. "Unver­gäng­lich­keit über den Tod hinaus" lässt sich her­stel­len, wenn ein Teil der Asche zu einem Diamanten gepresst wird. Seit der Antike kennt man Toten­mas­ken, inzwi­schen bieten einige Bestatter wie Stefan Dabring­haus aus der Nähe von Lübeck sie wieder an. "In den Himmel kommen" ist garan­tiert, wenn zur Wel­traum­bestat­tung die Asche per Sojus-Rakete ins All geschos­sen wird. Auch Ein­bal­samie­rer wie Ronald de Schutter aus dem Raum Kai­sers­lau­tern sind wieder gefragt. Er hatte mit feuch­tig­keits­regu­lie­ren­den Sub­stan­zen auch Raissa Gor­bat­schowa für den letzten Weg schön gemacht.

Mitt­ler­weile werden immer mehr Trau­erfei­ern ohne Got­tes­dienste und kirch­liche Rituale abge­hal­ten. Auch das letzte Geleit soll indi­vidu­ell gestaltet sein - das Lieb­lings­lied ertönt aus dem CD-Player, der Sarg ist bunt bemalt, und es gibt sogar einen Bestatter, der speziell die Wünsche Homo­sexu­eller erfüllt.

Die haben nach Ein­schät­zung von Mark Grünewald aus Bad Kreuznach häufig besondere Wünsche für Beer­digun­gen. Der 36-Jährige will die unkon­ven­tio­nel­len Vor­stel­lun­gen von Schwulen und Lesben, aber auch von Hete­rose­xuel­len mit seinem Bestat­tungs­unter­neh­men erfüllen. Seine Meinung: "Schwule wollen keinen Standard." Bei der Trau­erfeier und der Bestat­tung erwarten sie "Esprit und Klasse", so Grünewald. Im Zwei­fels­fall den rosa Lacksarg inklusive. Viele homo­sexu­elle Männer haben auch Scheu, nach dem Tod des Partners einem Bestat­tungs­unter­neh­mer zu sagen: Ich habe meinen Mann verloren. Grünewald will, dass sich die Kunden bei ihm ver­stan­den fühlen. Aufträge erhält er aus der Region und aus Großstäd­ten wie Köln.

Freier Redner statt Pfarrer

Doch nicht nur Homo­sexu­elle wollen heut­zutage die etwas anders gestal­tete Trau­erfeier. Auch Kir­chen­mit­glie­der, die zeit­lebens Kir­chen­steuer bezahlten, ver­zich­ten zunehmend auf den "letzten Dienst" ihrer Kirche und wählen eine Feier mit einem welt­lichen Redner. Sie wenden sich zum Beispiel an Hildegard Lut­ten­ber­ger aus Neuwied. Sie sagt: "Das Pflicht­pro­gramm, das der Pfarrer bietet, finden viele Menschen befremd­lich."

Diese Erfahrung haben auch Pfarrer schon gemacht. "Das liegt vor allem daran, dass die Menschen die Rituale nicht mehr kennen", sagt Pfarrer Joachim Lenz von der Evan­geli­schen Kirche im Rheinland. "Sie verstehen das Tröstende, das im Got­tes­dienst steckt, nicht mehr. Das bereitet mir Bauch­schmer­zen." Lenz ist dabei neuen Formen der Abschied­nahme durchaus auf­geschlos­sen. "Ich bringe auch einen CD-Player mit und spiele das Lieb­lings­lied des Ver­stor­benen." Doch auch darin zeigt sich für ihn die Abkehr von der Kirche. "Die Menschen kennen die Kir­chen­lie­der nicht mehr, selbst beim Vaterun­ser stocken viele." Das berichtet auch Eugen Vogt, Dechant im Dekanat Koblenz. "Katho­lische Bestat­tun­gen bieten aber auch weniger Spielraum zur Gestal­tung", so Vogt. Denn dabei steht die Liturgie im Mit­tel­punkt, bei den Pro­tes­tan­ten ist es die Biografie des Ver­stor­benen. "Das führt dazu, dass Katho­liken evan­geli­sche Bestat­tun­gen oft als per­sön­licher empfinden", erzählt Vogt.

Wer nicht auf die Kirche zurück­grei­fen will, muss sich sein eigenes Abschieds­ritual gestalten. Das ist kein Grund für kul­tur­pes­simis­tische Kla­gelie­der, findet Kerstin Gernig, Geschäfts­füh­rerin des Kura­tori­ums Deutsche Bestat­tungs­kul­tur: "Als sinnent­leert emp­fun­dene Kon­ven­tio­nen werden durch neue Formen des Abschieds ersetzt." Dabei sind der Vielfalt keine Grenzen gesetzt: Luft­bal­lons steigen bei der Bestat­tung in den Himmel auf. Der Sarg der Großmut­ter wird von der Enkelin bemalt, oder man lässt ihn mit den Farben des Lieb­lings­fuß­ball­ver­eins verzieren. Auf der Beer­digung des Bäckers wird Brot verteilt. Und wenn Kinder sterben, "werden Kuschel­tiere oder Spiel­zeuge als Grab­bei­gaben zugefügt", sagt Gernig.

Toten­maske und Auf­bah­rung

Die Erin­nerungs­kul­tur ist ebenfalls im Wandel. "Dazu zählt zum Beispiel, dass Fin­ger­abdrü­cke von den Toten gemacht werden", so Gernig. Auch die Toten­maske wird nach­gefragt. Genauso macht Gernig aber auch "starke Gegen­ten­den­zen" aus, die Besinnung auf alte Formen: "Tote werden wieder vermehrt zu Hause auf­gebahrt." Wer will, kann sich auch ein­bal­samie­ren lassen. Im Gegensatz zum ägyp­tischen Totenkult soll dabei heute nicht die Erhaltung des Leichnams für die Ewigkeit erreicht werden, vielmehr werden mit neuen Techniken die kör­per­lichen Verän­derun­gen nach dem Tod für einen Zeitraum unter­bro­chen, sodass Angehö­rige den Menschen erkennen, der Teil ihres Lebens war und ist.

Doch sind diese Ent­wick­lun­gen mit den Vor­stel­lun­gen von Pietät und Men­schen­würde vereinbar? "Es muss im Rahmen bleiben", sagt Mark Grünewald, der Bestatter aus Bad Kreuznach. "Manchmal müssen wir die Angehö­rigen bremsen", berichtet Detlef Rech, Vor­sit­zen­der des Bestat­ter­ver­ban­des Rheinland-Pfalz. Er hat schon den Wunsch gehört, den Toten bei der Trau­erfeier auf einen Stuhl zu setzen. Die Grenzen sind für Rech klar: "Wir müssen die Würde des Toten wahren."

Sonja Lin­den­berg


http://rhein-zeitung.de/on/08/04/25/rlp/r/bestattungI-6.html
Freitag, 25. April 2008, 16:10 © RZ-Online (aj)
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