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Montag, 17. Juni 13
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RZ-Serie: Bestattungskultur im Wandel

RZ-Serie, Teil 5: Sat­zun­gen beschäf­tigen Gerichte

Keine Fried­hofs­ruhe im Bestat­tungs­recht

Rheinland-Pfalz - Das Wort führt in die Irre. Mit Frieden hat ein Friedhof zunächst nichts zu tun – viel mehr mit dem "ein­gefrie­deten", also dem umzäunten, eng begrenz­ten Bereich neben der Kirche. Eng sind bisher auch die Grenzen, welche die Behörden jedem stecken, dessen letzter Wille nicht mit dem Bestat­tungs­gesetz seines Bun­des­lands und den Vor­stel­lun­gen der Fried­hofs­ver­wal­tung in Einklang steht – nicht selten endet der Streit um die Art der Bestat­tung vor den Gerichten.

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Eine Urnenwand, wie diese auf dem Friedhof Hachen­burg (Wes­ter­wald­kreis), soll es nach dem Willen einiger Bürger auf dem Friedhof in Almers­bach (Kreis Alten­kir­chen) nicht geben.

So auch in der Nähe von Mainz, in Sulzheim im Kreis Alzey-Worms. Hier musste das Ver­wal­tungs­gericht ent­schei­den, ob eine Familie einen Grabstein nach ihren Vor­stel­lun­gen auf­stel­len darf. Die Fried­hofs­sat­zung erlaubt nur Grabmale mit einer Höhe von 1,20 Meter und einer Breite von 80 Zen­time­tern, wobei das Ver­hält­nis von Breite zu Höhe von 1:1,5 bis 1:2,5 betragen darf. Die Familie wollte einen 1,54 Meter hohen und 1,92 breiten Grabstein auf­stel­len. Das lehnte die Gemeinde ab. Die Familie klagte und bekam vom Mainzer Ver­wal­tungs­gericht Recht – sogar zweimal. Denn nach dem ersten positiven Gerichts­ent­scheid stellte die Familie einen neuen Antrag, der erneut von der Gemeinde abgelehnt wurde. Das Gericht wurde erneut angerufen und kam zum selben Ergebnis: "In der Fried­hofs­sat­zung der Gemeinde gibt es eine Klausel, die Ausnahmen erlaubt. Auf dem Friedhof stehen auch bereits viele Grab­steine, die größer sind. Auch ist das von den Klägern gewünschte Grabmal nicht so dominant, dass es die Würde des Friedhofs stört", begrün­dete Bernhard Wanwitz, Pres­sespre­cher des Mainzer Ver­wal­tungs­gerichts, im Gespräch mit unserer Zeitung die Ent­schei­dung. Der Grabmal-Streit ist kein Ein­zel­fall: "Im Bereich des Fried­hofs­rechts herrscht kei­nes­falls Fried­hofs­ruhe. Es gibt immer wieder Verfahren wegen der Gestal­tung oder des Nut­zungs­rech­tes", sagt Wanwitz.

Asche im Haus ist verboten

Keine Hilfe von der Justiz kann bisher aller­dings jemand erwarten, der die Asche eines Ver­stor­benen zu Hause auf­bewah­ren möchte. Das ist verboten. Dagegen sprechen vor allem mora­lische Gründe, sagt Detlef Rech, Vor­sit­zen­der des rheinland-pfäl­zischen Bestat­ter­ver­ban­des. "Die Gefahr ist groß, dass die Asche in der Mülltonne landet", denkt er. Denn nicht alle Menschen, die die Urne aus­gehän­digt bekommen würden, wollen seiner Meinung nach den Ver­stor­benen auch bei sich haben. "Einige würden so bestimmt nur die Fried­hofs­gebühren sparen."

Theo­logisch ist es "aller­dings egal, ob die Urne zu Hause im Bücher­regal steht, ob sie auf dem Friedhof oder im Wald vergraben ist", sagt Pfarrer Joachim Lenz von der Evan­geli­schen Kirche im Rheinland. Und im Grunde kann man die Bei­set­zungs­pflicht auch schon jetzt umgehen: "Wird jemand im Ausland ein­geä­schert, kann die Asche von dort wieder reim­por­tiert werden", berichtet Lenz. Unter anderen händigen Kre­mato­rien in den Nie­der­lan­den und in Belgien die Asche an die Angehö­rigen aus, hier gilt für Urnen die Bestat­tungs­pflicht nicht. Theo­retisch wäre es möglich, die Asche mit nach Hause zu nehmen. Das ist aber nach deutschem Recht illegal, kann auch gericht­lich geahndet werden. Doch was würde es für den Trau­erpro­zess bedeuten, wenn den Menschen eröffnet wird, die Urne im eigenen Garten oder auf dem Kaminsims auf­zube­wah­ren? "Es ist eine ganz schwie­rige Form der Trau­erbe­wäl­tigung, wenn die Urne zu Hause steht. Zu einem Grab kann man gehen, man kann es aber auch wieder verlassen", sagt Kerstin Gernig, Geschäfts­füh­rerin des Kura­torium Deutsche Bestat­tungs­kul­tur. Dem stimmt auch die evan­geli­sche Kirche zu: "Die Welt der Lebenden und die der Toten sollte getrennt bleiben", sagt Pfarrer Lenz.

Doch auch in die deutsche Fried­hofs­land­schaft ist Bewegung gekommen: Lag das Bestat­tungs­wesen bisher überall in den Händen der Kommunen oder Reli­gions­gemein­schaf­ten, dürfen seit einiger Zeit auch private Unter­neh­mer – mit Geneh­migung – zur Schaufel greifen. Erst das ermög­lichte vie­ler­orts die naturnahe Wald­bestat­tung – vor allem durch die zwei markt­führen­den Unter­neh­men Ruheforst und Friedwald. Und wurde ein großer Teil der Fehl­gebur­ten früher mit dem "Kli­nik­müll" entsorgt, ist inzwi­schen auch die Bestat­tung von Föten unter 500 Gramm auf einem Friedhof zulässig.

Auch Frage der Ren­tabi­lität

Neue­run­gen im Friedhofs- und Bestat­tungs­wesen sind aber nicht immer erwünscht. Im Kreis Alten­kir­chen wird über den Bau einer Urnenwand dis­kutiert. Die Gegner bezwei­feln vor allem die Ren­tabi­lität dieser neuen Form der Bestat­tung auf dem Almers­bacher Got­tesa­cker. Eine Bür­ger­befra­gung soll ent­schei­den. Da der Friedhof aber von drei Orts­gemein­den genutzt und betrieben wird, wird eine end­gül­tige Ent­schei­dung erst 2009 fallen, erst dann will die letzte Kommune abstimmen.

Zwei andere Bestim­mun­gen hingegen wurden in einigen Bun­des­län­dern inzwi­schen abge­schafft: die Sarg­pflicht und der Fried­hofs­zwang für Urnen. Zwar besteht für Urnen in allen Bun­des­län­dern weiter eine Bei­set­zungs­pflicht, doch die ist inzwi­schen auch auf Wald­fried­höfen möglich. In Nordrhein-Westfalen geht es auch ganz ohne Urne. Hier darf die Asche Ver­stor­bener auf dafür vor­gese­henen Streu­wie­sen verteilt werden. Auch auf Wald­fried­höfen darf die Asche direkt in die Erde gegeben werden.

Für die Lockerung des Sar­gzwan­ges auch bei Erd­bestat­tun­gen sorgen unter­des­sen vor allem die Einflüsse anderer Kulturen – besonders die mus­limi­sche Tradition. Hier ist es Brauch, Ver­stor­bene nur in einem Lei­chen­tuch zu beerdigen, ohne Sarg. Der Grund: Jeder Muslim soll im Tod gleich sein, ob arm oder reich. In Nie­der­sach­sen, Nordrhein-Westfalen, Hamburg, Schleswig-Holstein und im Saarland müssen Friedhöfe laut Gesetz die Bestat­tung ohne Sarg aus reli­giö­sen oder welt­anschau­lichen Gründen schon zulassen. Hier steht womöglich eine grundsätz­liche Zäsur bevor, denn es ist kaum ein­sich­tig, dass einem Teil der Bevöl­kerung die Sarg­benut­zung vor­geschrie­ben wird, einem anderen jedoch nicht, meinen Experten. "Viele Muslime verfügen, dass sie nach ihrem Tod in ihre Hei­mat­län­der überführt und dort bestattet werden", sagt Mohammad Alan Sohal, Sprecher der Neuwieder Ahmadiyya-Gemeinde.

Sohal berichtet aber auch von einer positiven Erfahrung in Neuwied: "Als ein Mitglied unserer Gemeinde gestorben ist, ging das alles sehr unpro­ble­matisch. Im Kran­ken­haus durften wir die rituelle Waschung durch­führen, und auf dem Friedhof konnte der Mann mit dem Kopf nach Mekka beerdigt werden." Ein Sarg war aller­dings Pflicht.

Sonja Lin­den­berg


http://rhein-zeitung.de/on/08/04/25/rlp/r/bestattungI-8.html
Freitag, 25. April 2008, 16:27 © RZ-Online (aj)
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