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Montag, 17. Juni 13
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RZ-Serie: "Hitler-Tagebücher" flogen auf

RZ-Serie, Teil 2: Spe­zia­lis­ten entlarven Fälschung

Als Hitler auf Nach­kriegs­papier schrieb

Koblenz - Ohne das Bun­desar­chiv in Koblenz wäre viel länger viel mehr Unsinn über Hitler und das Dritte Reich ver­brei­tet worden. Die Fachleute der Bun­des­behörde kamen dem Fälscher Konrad Kujau ziemlich schnell auf die Schliche. Nach ein paar Tagen voll mit zeit­his­tori­scher Detek­tiv­arbeit stand die Stern-Spitze blamiert bis auf die Knochen da – und mit ihr eine Reihe von Fehl­gut­ach­tern.

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Klaus Oldenhage (links) und Josef Henke heute: Oldenhage ist mitt­ler­weile pen­sio­niert, Henke inzwi­schen Archiv­direk­tor im Bun­desar­chiv in Koblenz. Beide eint die Über­zeu­gung, dass Tagebuch-Fälscher Kujau eher nach­läs­sig zu Werke ging.

Ein kleiner Schritt für das Koblenzer Bun­desar­chiv, aber ein großer auf dem Weg zum größten Presse-skandal der Republik: Am 5. April 1982 erreicht die Bun­des­behörde am deutschen Eck ein all­täg­licher Antrag auf Benutzung von Archi­valien. Antrag­stel­ler sind die Stern-Redak­teure Leo Pesch und Thomas Walde. Beide gehören zum neu gegrün­deten Ressort Zeit­gesche­hen des Hamburger Magazins. Bei ihrem Besuch im Bun­desar­chiv lassen es sich die beiden Stern-Redak­teure mit keiner Silbe anmerken, an welcher publi­zis­tischen Sensation sie in Wahrheit arbeiten. Die angeb­lichen Hitler-Tage­bücher sind bei dem Hamburger Magazin geheime Kom­man­dosa­che.

Dokumente tröpfeln ein

Die Archivare des Bun­desar­chivs erhalten peu à peu ein paar einzelne Schrift­stü­cke zur Prüfung. Die Stern-Leute geben vor, an einer Geschichte über Rudolf Heß zu arbeiten, den ehe­mali­gen Stell­ver­tre­ter Adolf Hitlers, der zu dieser Zeit im Kriegs­ver­bre­cher­gefäng­nis Spandau sitzt. Sie lassen aber auch durch­bli­cken, dass sie im Besitz einiger Hitler-Schrift­stü­cke sind. Das macht die Archivare neugierig. Hitler-Originale sind selten.

In den nächsten Monaten legen die Stern-Redak­teure immer mal wieder einzelne Dokumente vor, von denen – das stellt sich später heraus – nur drei aus den angeb­lichen Hitler-Tage­büchern stammen. Das sind zwei leere Blätter und eine "Par­tei­amt­liche Mit­tei­lung" zum England-Flug von Rudolf Heß, datiert auf den Mai 1941.

Der Stern wittert ein Millionen-Geschäft. Die Panik ist groß, dass das Kon­kur­renz-Magazin Spiegel Wind von der Sache bekommen könnte. Deshalb halten Walde und Pesch ihre Karten bedeckt. Sie wollen vermeiden, dass die Koblenzer Archivare den Hitler-Tage­büchern auf die Spur kommen. Der Stern setzt auf die indirekte Beweis­führung: Da alle Dokumente aus der gleichen geheim­nis­vol­len Quelle stammen, lässt sich deren Zuver­läs­sig­keit auch über die Analyse von weniger brisanten Schrift­stü­cken testen.

Während die Archivare mit den Bruchstü­cken wenig anfangen können, lassen sich wenigs­tens Papier und Schrift unter­suchen. Das Lan­des­kri­minal­amt (LKA), das damals noch in Koblenz sitzt, und das Bun­des­kri­minal­amt (BKA) in Wiesbaden erhalten Papier- und Text­pro­ben. Die BKA-Fachleute lassen sich Zeit. Das LKA hingegen fertigt seine Expertise zügig an. Die Schrift stammt "mit hoher Wahr­schein­lich­keit" von Hitler, so das peinliche Hand­schrif­ten-Gutachten vom 25. Mai 1982. Walde, Pesch und die wenigen anderen Ein­geweih­ten beim Stern atmen auf. Später wird sich her­aus­stel­len, dass Konrad Kujau, der Verfasser der Hitler-Tage­bücher, zwar lausige Texte zusam­men­geschus­tert hat, aber zwei­fels­frei über eine Qualität verfügt: Er kann die Hand­schrift des "Führers" perfekt imitieren.

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Klaus Oldenhage damals: Der 42-Jährige kannte sich mit Hitler-Schriften aus.

Das Fehl­gut­ach­ten des LKA soll nicht das einzige bleiben. Auch zwei renom­mierte Schrift­exper­ten liegen mit ihrer Echt­heits­prü­fung daneben: der Züricher Gutachter Max Frei-Sulzer und Ordway Hilton, einstiger Urkun­den­experte der New Yorker Polizei. Ihre Analysen sind unzuläng­lich. Fatal ist: Konrad Kujau ist geschäft­stüch­tig. Er hat nicht nur die Tage­bücher, sondern eine Fülle von NS-Doku­men­ten gefälscht. Daher gleichen die Gutachter zum Teil Kujau mit Kujau ab. Im Bun­desar­chiv sind es vor allem zwei Archivare, die mit den Stern-Doku­men­ten betraut werden: Josef Henke, als Refe­rat­slei­ter zuständig für das Schrift- und Druckgut der NSDAP, und Klaus Oldenhage, Leiter des Grund­satz­refe­rats. Oldenhage ist es, der am 7. und 8. April 1983 einen Vertrag zwischen dem Bun­desar­chiv und Stern-Reporter Gerd Heidemann schließt. Das Abkommen bleibt inhalt­lich vage. Im Ver­trags­text ist lediglich von "unver­öffent­lich­ten hand­schrift­lichen und maschi­nen­geschrie­benen Unter­lagen Adolf Hitlers" die Rede. Eine Nebel­bombe des Sterns - mit Schreib­maschine verfasste Schriften besitzt das Hamburger Magazin gar nicht.

Rechts­ansprüche Bayerns

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Josef Henke damals: Das Foto zeigt ihn im Magazin des Bundes?archivs. Der 39-Jährige half mit, die größte Hitler-Fälschung aller Zeiten zu entlarven.

Der Stern lockt das zunächst höchst inter­essierte Bun­desar­chiv, indem er der oberen Bun­des­behörde die wis­sen­schaft­liche Aus­wer­tung der Fund­stü­cke zusichert. Das Magazin braucht den Vertrag mit dem Archiv, um Besitz-Ansprüche Bayerns abzuwehren. Der Freistaat hat das Vermögen Hitlers eingezogen, der ja lange in Bayern lebte. Solange der Stern nicht vor dem Zugriff aus München sicher ist, lassen sich keine Millionen mit Lizenzen verdienen. Der Kontrakt mit dem Bun­desar­chiv erscheint als rettender Ausweg. Das CSU-regierte Bayern, so das Stern-Kalkül, wird nicht mit einem CSU-Bun­desin­nen­minis­ter um den Hitler-Nachlass streiten. Friedrich Zim­mer­mann ist oberster Dienstherr des Bun­desar­chivs.

Drei Tage vor der Pres­sekon­ferenz des Sterns am 25. April 1983, auf der die Hitler-Tage­bücher als Jahr­hun­dert-Sensation prä­sen­tiert werden, liefert der Bad Emser Chemiker Arnold Rentz sein Gutachten ab. Er hat zwei leere Blätter unter­sucht, die tatsäch­lich aus den Hitler-Tage­büchern stammen. Sein Urteil: Sie können aus der NS-Zeit stammen.

Die Stern-Verant­wort­lichen werten die Expertise erneut als Beweis für die Echtheit von 60 Kladden. Was sie aus­blen­den: Rentz hält einen geschrie­benen "Tele­gramm­ent­wurf an Mussolini" für eine Fälschung. Auch der stammt von Hei­demanns Top-Quelle. Eigent­lich müssen alle Alarm­glo­cken läuten. Doch die Stern-Leute sind längst von ihrem Glauben an die eigene Geschichte gefangen.

Erst als die große Enthül­lungs-Pres­sekon­ferenz mas­sen­haft Zweifler auf den Plan ruft, darf Archivar Josef Henke drei Original-Tage­bücher mit nach Koblenz nehmen. Der Stern will allen Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen. Die Tagebuch-Bände wandern nach Berlin zur Bun­des­anstalt für Mate­rial­prü­fung und dann zum Bun­des­kri­minal­amt (BKA) in Wiesbaden. Im Bun­desar­chiv brüten die NS-Sezia­lis­ten Henke und Oldenhage über den Kopien. Erste Analysen nähren den Verdacht, dass ein Fälscher am Werk ist.

Der Stern holt vier weitere Bände aus einem Schweizer Tresor. Am 4. Mai treffen sie im Bun­desar­chiv ein. Zur Gruppe der Archivare, die sich in die schwarzen Kladden vertiefen, stößt jetzt auch Wolfram Werner, damals zuständig für die Akten der Reichs­kanz­lei. Er landet einen Voll­tref­fer: Ein Abgleich mit "Hitlers Reden", dem Stan­dard­werk von Max Domarus, belegt eindeutig: Der Verfasser der Hitler-Tage­bücher hat abge­schrie­ben. Immer wenn Domarus zu einem Großer­eig­nis im Leben des Diktators schweigt, schweigen auch die Tage­bücher. Und immer wenn Domarus einen Fehler macht, repro­duziert auch das Tagebuch diesen Fehler. General Franz Ritter von Epp etwa schickt Hitler, so ist es einem Band fest­gehal­ten, ein Glück­wunsch­tele­gramm zu seinem 50. Armee-Jubiläum. Domarus ver­wech­selte hier etwas. Denn eigent­lich war es Hitler, der seine Glück­wün­sche über­mit­teln ließ. Der Jubilar hieß von Epp und war Reichs­statt­hal­ter in Bayern. Ein viel­sagen­der Schnitzer. Das Kar­ten­haus der Fäl­schun­gen bricht zusammen.

Originale nach Koblenz

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Papier­prü­fer Arnold Rentz verfasste 1983 ein positives und ein negatives Gutachten.

Henke und Oldenhage haben schon vor dem Domarus-Beweis jeglichen Glauben an die Echtheit der Bände verloren. Denn Hitler, der nor­maler­weise viel streicht und über­schreibt, verfasst sein Tagebuch in säu­ber­licher Rein­schrift. Zudem verliert er kein Wort über sämtliche Geheim­kon­feren­zen. Die großen stra­tegi­schen Ent­schei­dun­gen, seine größen­wahn­sin­nigen Visionen scheinen ihn nicht umzu­trei­ben. Dafür ergeht sich der Diktator in banalen Beschrei­bun­gen seines Mund­geruchs oder fabuliert über eine Schein­schwan­ger­schaft seiner Geliebten Eva Braun. Zudem notiert Hitler erstaun­lich genau, was auch im Völ­kischen Beo­bach­ter, dem NS-Pro­pagan­dablatt zu lesen ist.

Das end­gül­tige Aus für den Stern-Knüller kommt dann am 6. Mai aus Berlin und Wiesbaden. Bun­des­anstalt und BKA haben her­aus­gefun­den, dass Hitler teilweise auf Nach­kriegs­papier geschrie­ben haben muss. In den Kladden wurden Weißtöner verwendet, die vor 1955 noch nicht auf dem Markt waren. Auch die Einbände stammen aus der Zeit nach 1945. In den Hef­trü­cken finden sich Poly­ester­fasern, die ebenfalls auf eine Fälschung hindeuten. Unter dem Druck der Beweis­last geht das Bun­desin­nen­minis­terium in die Offensive und entlarvt den Betrug öffent­lich. Der 6. Mai wird zum schwär­zes­ten Tag in der Geschichte des Sterns. Das Koblenzer Archivare sind am Abend todmüde. Sie haben das Schluss­kapi­tel im größten Presse-Skandal der Bun­des­repu­blik geschrie­ben.

Von Dietmar Brück


http://rhein-zeitung.de/on/08/04/25/rlp/r/hserie-3.html
Freitag, 25. April 2008, 17:04 © RZ-Online (aj)
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