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Montag, 17. Juni 13
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RZ-Serie: "Hitler-Tagebücher" flogen auf


RZ-Serie - Teil 3: Kujau narrte mit sim­pels­ten Mitteln

Der große Stern ließ sich
von einem kleinen Ganoven blamieren

Koblenz/Berlin - Ein kleiner geris­sener Ganove, ein sen­sati­ons­lüs­ter­ner Reporter, ein geld­gie­riges Ver­lags­haus und ein paar leicht­fer­tige Experten: Damit der Bluff mit den Hitler-Tage­büchern zur größten anzu­neh­men­den Blamage der Medien­geschichte werden konnte, waren gleich mehrere Akteure notwendig. Die Chronik des Skandals liest sich wie ein Lehrstück über Ehrgeiz und Eitel­kei­ten, genarrte und vernarrte Menschen, die einem Trugbild von Geld und Ruhm nach­jag­ten. Eine Übersicht, wie die wich­tigs­ten Figuren in den Skandal ver­strickt waren:

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Gefälscht: Konrad Kujau schrieb die Hitler-Tage­bücher im Akkord. Er gab sich als Konrad Fischer aus.

Konrad Kujau, der Fälscher: Der Stutt­gar­ter Kunst­maler witterte das große Geld. Es gab genug verrückte Sammler von Devo­tio­nalien der Nazi-Zeit - und Kujau verhalf ihnen zu spek­takulären "Ori­gina­len". Er fälschte, was das Zeug hielt: Bilder Hitlers, Gedichte und schließ­lich - sein größter Coup - die Tage­bücher des Diktators. Da der Stern üppig zahlte, pro­duzierte Kujau immer mehr Bände, die immer kürzere Zeiträume abdeckten. Ganze Nächte schrieb er durch, füllte 62 Kladden. Dafür kassierte er Millionen. Kujaus Lebens­gefähr­tin, auf den plötz­lichen Geldsegen von ihren Freun­din­nen ange­spro­chen, erklärte sinngemäß: "Ach, der Konrad arbeitet Tag und Nacht für den Stern." Angeblich an einer Serie oder an der Lebens­geschichte von Adolf Hitler. Die Episode, von Michael Seufert in seinem Buch "Der Skandal um die Hitler-Tage­bücher" notiert, ist fast schon sym­pto­matisch für den Fall.

Konrad Kujau täuschte Star­repor­ter Gerd Heidemann und damit die Führungs­etage des Sterns auf simpelste Weise. Er gab sich als Militaria-Händler Konrad Fischer aus, der einen Bruder in der DDR habe. Dieser Bruder, angeblich ein NVA-General, hatte den Jahr­hun­dert­fund gemacht und die Tage­bücher auf­gespürt. Kujaus Legende: Kurz vor Kriegs­ende stürzte eine Junkers Ju 352 in Bör­ners­dorf bei Sachsen ab. Aus dem Wrack wurde ein Paket geheimer Schriften geborgen, zunächst versteckt und dann zufällig wie­der­gefun­den.

Die Stern-Verant­wort­lichen schluck­ten den Köder und zahlten 9,3 Millionen Mark. Dabei ging der aus Sachsen stammende Kujau nicht mal geschickt vor. Auf die Tagebuch-Kladden pappte er die Initialen "FH" statt "AH", er vergriff sich in den alt­deut­schen Buch­sta­ben. Einmal pro­duzierte er gleich drei Tage­bücher, die nahezu parallel den gleichen Zeitraum umfassten. Und einen DDR-General, der den Namen seines Bruders Heinz trug, gab es gar nicht. Kein Wunder: Kujaus Bruder war Hilfs­poli­zist bei der Bahn­poli­zei. Die Elite-Jour­nalis­ten des Sterns müssen sich in eine Euphorie hin­ein­gestei­gert haben, die es leicht machte, selbst grobe Schnitzer zu kaschie­ren. Ein haar­sträu­ben­des Beispiel: Die falschen Initialen "FH" wurden als Abkürzung für "Führer Hitler" umge­deu­tet, obwohl dieses Kürzel niemals von dem Diktator verwendet worden ist.

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Der Wirk­lich­keit entrückt: Gerd Heidemann ließ sich an seinem großen Tag mit den Kladden foto­gra­fie­ren, die die Hitler-Tage­bücher ent­hiel­ten. Der Star-Reporter wurde in der Stern-Redaktion respekt­voll Spürhund genannt. Er galt als Mann für nahezu unmög­liche Recher­chen. Die Ent­deckung der Hitler-Tage­bücher sollte sein größer Coup werden und zerstörte seine Karriere.

Gerd Heidemann, der Reporter: Der Star­repor­ter des Stern hatte schon mit einigen großen Geschich­ten Furore gemacht, bis er auf die Hitler-Tage­bücher stieß. Als Kriegs­repor­ter schoss er 1965 das "World Press Foto" im Kongo. Mitten im Bür­ger­krieg gelang ihm eine sen­satio­nelle Reportage. Heidemann war der Liebling des Stern-Gründers Henri Nannen. Der schickte ihn auf die Suche nach dem ver­schol­lenen Schrift­stel­ler B. Traven. Vier Jahre recher­chierte Heidemann, opferte Urlaube, reiste 70.000 Kilometer um die Welt. Beim Stern hielten ihn viele für verrückt. Das Thema war abgehakt. Doch Heidemann machte weiter - auf eigene Kosten. Und er spürte Traven zwei Jahre vor dessen Tod in Mexiko auf - eine Welt­sen­sation.

Heidemann wurde respekt­voll "der Spürhund" genannt, galt als akri­bischer Recher­cheur, als Mann für schier unmög­liche Geschich­ten. Niemandem sonst hätte man die Geschichte mit den Hitler-Tage­büchern abgekauft.

In den 80er-Jahren arbeitete er sich immer mehr in die Szene von Alt-Nazis ein. Heidemann war Lebens­gefährte von Edda Göring, der Tochter des früheren NS-Reichs­mar­schalls Hermann Göring. Er erwarb die Göring-Jacht "Carin II", deren Unter­hal­tung ihn finan­ziell in die roten Zahlen trieb. Auf der Suche nach dem Hitler-Intimus Martin Bormann, der in Süda­merika vermutete wurde, gelang ihm ein Interview mit dem unter­getauch­ten Klaus Barbie, einem der schlimms­ten Nazi-Schläch­ter. Noch einmal fuhr er einen ganz großen jour­nalis­tischen Erfolg ein.

Doch die Suche nach Bormann, auf dessen sterb­liche Überreste man mit großer Sicher­heit bereits 1972 in Berlin gestoßen war, ent­wickelte sich zur Manie wie alles bei Heidemann. Er war fest davon überzeugt, dass die einstige Nazi-Größe lebte. Der Koblenzer Archivar Josef Henke hat 1983 selbst miterlebt, wie Heidemann in seiner Hamburger Luxus-Wohnung mit einem Mann tele­fonierte, den er für Bormann hielt. "Das war Martin", meinte Heidemann damals ver­schwö­rerisch zu Henke, "Sie wissen schon."

Das Reporter-Genie steigerte sich in seine Nazi-Recher­chen hinein, nannte die Blutfahne sein Eigen, jene Haken­kreuz­flagge, mit der in der Nazi-Diktatur alle SS-Stan­dar­ten und Par­tei­fah­nen geweiht wurden. Auch Hitlers Pistole, die ihm am 30. April 1945 im Führ­erbun­ker den Tod brachte, wollte er in seinem Besitz wissen. Zugleich gehörten ihm zwei­fels­frei echte Dokumente aus der Nazi-Zeit, glaubt NS-Spe­zia­list Henke, der einige Schrift­stü­cke in Augen­schein nahm.

Die Hitler-Tage­bücher sollten Hei­demanns größte Geschichte werden. Nur er hielt Kontakt zum Beschaf­fer der Bände, Konrad Fischer/Kujau. Beim Stern galt Infor­man­ten­schutz. Zudem wollte Heidemann vermeiden, dass Kujaus Bruder, der angeb­liche DDR-General, durch Indis­kre­tion in Gefahr geriet. Besessen von seinem Jahr­hun­dert­fund ging der Star­repor­ter einem Klein­kri­minel­len auf den Leim. Wie das geschehen konnte, bleibt sein Geheimnis.

Thomas Walde, Leo Pesch, die Ressort-Verant­wort­lichen: Beide gehörten zum Ressort Zeit­geschichte, das erst seit Kurzem bestand. Sie hätten eigent­lich ein Korrektiv für Heidemann sein müssen, eine Instanz, die alle Recherche-Ergeb­nisse kritisch hin­ter­fragte. Der Fehler im System: Vor allem Res­sort­chef Walde war am wirt­schaft­lichen Erfolg beteiligt, den man sich von den Tage­büchern versprach. Damit war seine Distanz zu dem Projekt dahin.

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Gekippt: Stern-Che­fre­dak­teur Peter Koch ver­tei­digte die Tage­bücher vor allen Kritikern - und musste am Ende gehen.

Peter Koch, Felix Schmidt, Rolf Gill­hau­sen, Henri Nannen, Gerd Schulte-Hillen und Manfred Fischer, die Stern-Verant­wort­lichen: Die drei Che­fre­dak­teure des Stern - Koch, Schmidt und Gill­hau­sen - blieben lange außen vor. Gruner & Jahr-Vor­stands­vor­sit­zen­der Fischer und sein Nach­fol­ger Schulte-Hillen wollten beweisen, dass sie das Zeug zum Top-Blatt­macher hatten. Das Geheim­pro­jekt Hitler-Tage­bücher wurde zur obersten Chefsache. Geld spielte keine Rolle mehr. Als die Che­fre­dak­tion endlich ins Boot kam, ruderte sie kräftig mit. Vor allem Koch und Schmidt warben für den ver­meint­lichen Scoop und ver­tei­dig­ten den Megafund gegen alle Kritiker. Auf­sichts­rats­chef Henri Nannen blieb in der zweiten Reihe. Aber auch er vertraute seinem Ziehkind Gerd Heidemann.

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Geblendet: Stern-Gründer Henri Nannen schäumte vor Wut, als der Skandal aufflog. Auch er ließ sich täuschen.

Hugh Trevor-Roper und Gerhard L. Weinberg, die His­tori­ker: Die beiden hoch­geschätz­ten Kenner des Natio­nal­sozia­lis­mus griffen erst einmal daneben. Denn beide ließen sich vom Stern als Kron­zeu­gen für die Echtheit der Hitler-Bände ver­ein­nah­men. Erst kurz vor der Prä­sen­tation der Tage­bücher wuchsen die Zweifel. Trevor-Roper nahm Star­repor­ter Heidemann hinter den Kulissen ins Kreuz­ver­hör. Als dieser nur aus­wei­chend über seine Quelle Auskunft gab, ging der Brite auf Distanz. Bereits bei der Vor­stel­lung der Tage­bücher bürgte er nicht mehr für deren Echtheit.

Von Dietmar Brück


http://rhein-zeitung.de/on/08/04/28/rlp/r/hserie.html
Montag, 28. April 2008, 10:30 © RZ-Online (aj)
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