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Dienstag, 18. Juni 13
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RZ-Serie: Bestattungskultur im Wandel


RZ-Serie - Teil 6: Kommunen setzen Zeichen

Keine Grabmale aus Kin­der­hand

Rheinland-Pfalz - Ohren­betäu­ben­der Lärm, Staub, der das Atmen erschwert und die Lungen verstopft - und dazwi­schen Kinder, die mit schweren Maschinen Steine aus dem Fels bohren. So beschreibt der Kin­der­arbeits­experte von Misereor, Benjamin Pütter, die Situation in indischen Stein­brüchen. Nach Angaben des Hilfs­wer­kes arbeiten dort rund 150 000 Kinder illegal. Die von ihnen bear­bei­teten Steine werden Pütter zufolge nach Deutsch­land geliefert und stehen unter anderem als Grabmale auf unseren Fried­höfen.

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Ein Kind, das nach Angaben von Misereor-Experte Benjamin Pütter mit einer Schlag­bohr­maschine in einem indischen Export-Stein­bruch arbeitet...

Einige Kommunen, darunter Andernach und Mayen im Kreis Mayen-Koblenz, haben inzwi­schen fest­geschrie­ben, dass auf ihren Fried­höfen nur Grab­steine auf­gestellt werden dürfen, die nicht aus Kin­der­arbeit stammen. Mit einem Siegel muss dies nach­gewie­sen werden. Auch in Weißenthurm (Kreis Mayen-Koblenz) und Bad Kreuznach sind ähnliche Beschlüsse in der Dis­kus­sion, andere Kommunen wie Nachts­heim oder Ditscheid (beide Kreis Mayen-Koblenz) lehnen dies ab. Sie glauben nicht, dass Kin­der­arbeit dadurch bekämpft werden kann. Ander­nachs Ober­bür­ger­meis­ter Achim Hütten sagt hingegen, es sei richtig, gegen die "erschre­ckende" Situation der Kinder in Indien und China vor­zuge­hen, "selbst wenn die Produkte dann etwas teurer sind".

Das sehen die Stein­metze anders. Ober­meis­ter Willibald Grahs von der Steinmetz-Innung Mit­tel­rhein bezwei­felt sogar, dass Kinder Grab­steine her­stel­len: "Dafür haben wir keine Beweise", sagt er. Ihm sei nur bekannt, dass Kinder in der Pflas­ter­stein- und Kie­spro­duk­tion Waren für den indischen Markt fertigen, sie werden ihm zufolge aber nicht im "Export­bereich" ein­gesetzt. Natürlich, so betont der Steinmetz, heiße er jegliche Form aus­beu­teri­scher Arbeit nicht gut. Pütter hat aller­dings andere Erfah­run­gen gemacht: "Ich war da, mit Foto­gra­fen und Kame­rateams, und habe die Kinder arbeiten gesehen. Es gibt Belege dafür, dass Kinder eben auch in Export­stein­brüchen arbeiten."

Verein Xertifix prüft vor Ort

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...Aus den Steinen werden auch Grabmale für den deutschen Markt gefertigt. Unter anderem auf dem Ander­nacher Friedhof dürfen diese nicht mehr auf­gestellt werden.

Zwar ist in Indien Kin­der­arbeit offiziell verboten, doch Pütters Recher­chen zufolge werden die Gesetze immer wieder umgangen. Deswegen gründete er den Verein Xertifix, der das meist­bekannte Güte­sie­gel vergibt. Der Verein arbeitet so: In Indien werden Stein­brüche und Bear­bei­tungs­betriebe von Mit­arbei­tern von Xertifix auf Kin­der­arbeit überprüft. Ver­zich­tet der Betrieb auf Kin­der­arbeit oder erklärt sich bereit, dies künftig zu tun, bekommt er ein Zer­tifi­kat. Für das Zer­tifi­kat erhebt Xertifix eine Lizenz­gebühr in Höhe von drei Prozent des Ver­kaufs­wer­tes der Grab­steine, wenn sie Indien verlassen. Und das sei gerade einmal ein Drittel der Summe, für die der Stein später in Deutsch­land verkauft wird, so Pütter. Kostet ein Grabstein hier 3000 Euro, entfallen für das Siegel Kosten in Höhe von 30 Euro. Ein Fünftel der Gebühr fließt über Misereor in Sozial­maß­nah­men für die Kinder, zum Beispiel in den Bau von Schulen.

Die Stein­metze fordern unter­des­sen eine Liste mit negativ auf­gefal­lenen Unter­neh­men in Indien: "Sollten Stein­brüche oder Bear­bei­tungs­betriebe nament­lich bekannt gemacht werden, in denen Kinder arbeiten, was nach meinem Wissen bis heute noch nicht geschehen ist, werden wir diese auch in der Fach­presse öffent­lich benennen und zum Boykott dieser Betriebe aufrufen", so Grahs.

Diese Forderung ist für Friedel Hütz-Adams vom Südwind-Institut "völliger Quatsch". Die Stein­brüche seien über das ganze Land verteilt, eine Auf­lis­tung, welche Stein­brüche "sauber" seien, ergebe ohne eine ständige Über­prü­fung keinen Sinn. Und auch Pütter sagt: "Eine Nega­tiv­liste kann es nicht geben." Zudem: Inzwi­schen werden von Pütters Leuten nur noch die Lizenz­neh­mer oder poten­zielle neue Partner, die sich für das Zer­tifi­kat bewerben, kon­trol­liert. Werden nach Erteilung der Lizenz noch Kinder gefunden, wird das Unter­neh­men verwarnt. Werden die Kon­trol­leure dreimal fündig, wird diese entzogen.

Kritik an Nach­weis­pflicht

Die Stein­metze machen sich vor allem Sorgen um ihre Existenz. "Mitt­ler­weile machen in Deutsch­land die Lohn­neben­kos­ten ein Viel­faches der Her­stel­lungs­kos­ten aus. Diese Kosten würden sich durch die Ein­führung des Zer­tifi­kats weiter erhöhen und die von uns her­gestell­ten Produkte weiter verteuern. Nach dem Wegfall des Ster­begel­des und der Ren­tens­tagna­tion in den ver­gan­genen Jahren ist dies sicher ein weiterer Grund für den Kunden, über Alter­nati­ven ohne Grabstein nach­zuden­ken", klagt Grahs.

Kritisch sieht auch der rheinland-pfäl­zische Städtetag die Nach­weis­pflicht für Grab­steine. Wolfgang Neutz, der stell­ver­tre­tende Geschäfts­füh­rer, sagt: "Es ist höchst pro­ble­matisch, ob die Kommune überhaupt dafür zuständig ist, so etwas durch­zuset­zen." Die Stein­metze könnten durchaus recht bekommen. Gegen die Stadt München, die als erste ihre Fried­hofs­sat­zung geändert hatte, wurde inzwi­schen ein Nor­men­kon­troll­ver­fah­ren ein­gelei­tet. Hier muss jetzt überprüft werden, ob die Fried­hofs­sat­zung neben der Gestal­tung der Grab­steine auch regeln darf, woher die Steine stammen.

Während­des­sen will das Steinmetz-Handwerk weiter gegen die Nach­weis­pflicht kämpfen. Über die Hand­werks­kam­mer Koblenz wurden mit den Kommunen bereits Gespräche geführt. Denn die Nach­weis­pflicht greift der Kammer zufolge in das Grund­recht der Berufs­frei­heit ein. Das Problem: Es gibt derzeit keine Zer­tifi­zie­rungs­ein­rich­tung, die in der Lage ist, weltweit oder auch nur für Asien, Afrika oder Süda­merika den lücken­losen Nachweis zu führen, dass Kin­der­arbeit aus­geschlos­sen ist. "Xertifix arbeitet ja nur in Indien", gibt auch Grahs zu bedenken. Er erhält aber auch Ware aus China, Vietnam und Brasilien. Der Markt­anteil impor­tier­ter Natur­steine liegt ihm zufolge bei mehr als 75 Prozent.

Benjamin Pütter stört vor allem, dass immer wieder ange­zwei­felt wird, dass Kinder überhaupt in den Stein­brüchen arbeiten. "Wenn es nicht so ist, warum habe ich dann schon Mord­dro­hun­gen erhalten?", fragt der Kin­der­arbeits­experte von Misereor.

Sonja Lin­den­berg


http://rhein-zeitung.de/on/08/05/06/rlp/r/bestattung.html
Dienstag, 06. Mai 2008, 08:59 © RZ-Online (aj)
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