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Für uns ist das ganz normal - Muttersprache Esperanto

Stein­furt - Die Kunst­spra­che Espe­ranto, die der Völ­ker­ver­stän­digung dienen soll, spre­chen in Deutsch­land rund 2000 Men­schen. Nils Klünder hat sie von Geburt an gelernt.

Esperanto

Muttersprache Espe­ranto: Nils Martin Klünder und sein Vater müssen nur selten Begriffe im Wör­ter­buch nach­schla­gen. (Bild: dpa)

Wenn sich Helmut Klünder mit seinem Sohn Nils unter­hält, horchen manche Leute bei den gewech­sel­ten Worten ver­wun­dert auf: „Kiel estis via tago?” - „Dankon, bone”. Doch was sich für viele so fremd anhört, bedeu­tet ledig­lich: „Wie war dein Tag?” und „Danke, gut”. Die Klün­ders spre­chen in der Plan­spra­che Espe­ranto. Für den 15-jäh­rigen Gym­nasias­ten Nils ist das Spre­chen in der Kunst­spra­che selbst­ver­ständ­lich, denn er ist ein „Denaska Espe­ran­tisto”, jemand der von Geburt an Espe­ranto spre­chen gelernt hat. „Für uns ist das ganz normal”, sagt der 59-jährige Helmut Klünder. „Es ist nichts beson­deres, weil wir so viele kennen, die auch Espe­ranto spre­chen.”

„Weltweit sprechen rund 100 000 Men­schen fließend und regel­mäßig Espe­ranto, davon leben etwa 2000 in Deutsch­land”, sagt Rudolf Fischer, Vor­sit­zen­der des Deut­schen Espe­ranto-Bundes (DEB). Die genaue Zahl der Spre­cher sei schwie­rig ein­zuschät­zen, da sich die Leute durch das Inter­net weniger in Verei­nen und festen Gruppen orga­nisie­ren. „Jedoch gibt es in Deutsch­land nur zehn bis 15 Fami­lien, in denen zu Hause alle Fami­lien­mit­glie­der Espe­ranto spre­chen”, sagt Fischer.

Eine davon ist Familie Klünder, bei der Espe­ranto schon eine lange Tra­dition hat. „Alles begann bei meinem Großva­ter, der 1908 in einem Ste­nogra­fen­ver­ein Espe­ranto lernte”, erin­nert sich Klünder. Er habe es dann seiner Tochter Mar­garete gelehrt, die es wie­derum ihrem Sohn Helmut bei­brachte. Die 93-jährige Mutter lebt mit im Haus und besuchte erst vor wenigen Wochen noch ein Espe­ranto-Treffen.

Die Kunstsprache Esperanto wurde Ende des 19. Jahr­hun­derts von dem pol­nischen Arzt Ludwig Zamen­hof ent­wickelt, um mit einer leicht erlern­baren „neu­tra­len Sprache” die Ver­stän­digung zwi­schen ver­schie­denen Volks­grup­pen erleich­tern zu können. Der Wort­schatz stammt zu etwa 60 Prozent aus roma­nischen Spra­chen wie Latein, Spa­nisch oder Ita­lie­nisch, viele Voka­beln sind auch aus dem Deut­schen oder Eng­lischen ent­lehnt. Während „dankon” vom deut­schen „Danke” und „bone” vom franzö­sischen „bon” stammt, wurde aus dem Eng­lischen zum Bei­spiel „jes” für „Ja” über­nom­men.

Dadurch bietet die Kunst­spra­che gegenü­ber der Welt­spra­che Eng­lisch einige Vor­teile, findet Fischer. „Espe­ranto ist eine gute Grund­lage für das Erler­nen vieler wei­terer Spra­chen.” Die Gram­matik sei mit nur 16 Grund­regeln beson­ders einfach und der Espe­ranto-Wort­schatz ent­wickelt sich mit Begrif­fen wie „kom­putilo” für Com­puter auch ständig weiter.

Der Besuch von Sprachtreffen ist neben dem Inter­net die wich­tigste Kon­takt­form für die welt­weite Espe­ranto-Gemeinde. Auf einer Ver­anstal­tung in Polen lernte Klünder auch seine mitt­ler­weile ver­stor­bene Frau kennen. „Man trifft dort nicht nur viele Bekannte und Freunde, gele­gent­lich funkt es auch”, sagt er. Zu Hause blieb die Kunst­spra­che Alltag, auch für Nils. Der Schüler liest Comics in Espe­ranto und hat in der Sprach­gemein­schaft viele Bekannt­schaf­ten: „Ich habe Freunde in ganz Deutsch­land und anderen Ländern, zum Bei­spiel einen guten Freund in England.”

International ist Espe­ranto, aus der noch weitere Plan­spra­chen wie „Ido” oder „Inter­lin­gua” gebil­det wurden, jedoch nur mäßig akzep­tiert. „Der Wunsch war und ist immer noch da, Espe­ranto zur Zweit­spra­che für die ganze Welt zu machen”, sagt Fischer. In der Zeit nach dem Zweiten Welt­krieg war Espe­ranto beson­ders gefragt: „Die Leute hatten genug vom Krieg, sie hatten ideo­logi­sche Motive, etwas für den Frieden und die Völ­ker­ver­stän­digung tun zu müssen.”

Die interkulturelle Erziehung von klein auf ist für Rudolf Fischer ein wich­tiges Motiv, warum Eltern ihren Kindern Espe­ranto bei­brin­gen. „Es zeigt sich weiter, dass die Kinder in der Schule leich­ter andere Fremd­spra­chen erler­nen, außer­dem fühlen sie sich inte­griert, wenn die Eltern unter­ein­ander oder mit Freun­den Espe­ranto spre­chen.”

Bei Familie Klünder gibt es oft Besuch von „Espe­ran­tis­ten” aus aller Welt, die auch Auf­merk­sam­keit von den Nach­barn bekom­men: „Die Leute finden es schon inter­essant, welche Autos aus fremden Ländern bei uns vor der Tür parken”, sagt Helmut Klünder. „Vor einiger Zeit kamen Espe­ranto-Freunde mit dem Pfer­dewa­gen aus Frank­reich, und wenn so einer vor der Türe steht, da kriegen die Nach­barn natur­gemäß wieder große Augen.”

Informationsseite über Espe­ranto: www.espe­ranto.de Von Katha­rina Kolano, dpa

dpa-infocom


http://rhein-zeitung.de/on/08/04/30/service/berufbildung/t/rzo421913.html
Mittwoch, 30. April 2008, 15:21 © RZ-Online GmbH (NewsDesk)
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