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Neue Gene­ration von Fes­tival­gän­gern - Programm im Wandel

"Rock am Ring": Hell und Dunkel

Nür­burg­ring - Ein Musik­fes­tival beginnt erst so richtig, wenn es dunkel wird. Wenn die gigan­tischen Schein­wer­fer-Cho­reo­gra­fien richtig wirken. Wenn die großen, die wichtigen Gruppen spielen. Und, ja, wenn das Publikum einen gewissen Pegel erreicht hat - worin auch immer: Begeis­terungs­fähig­keit, Ekstase, Alkohol... Wenn es wieder hell wird, stellt sich die nüchterne Frage nach der Vernunft. Und nach der Zukunft von "Rock am Ring".

"Rock am Ring" ist im Grunde ein Festival der dunklen bis düsteren Musik - aggres­siver Alter­native, schwerer Heavy Metal, Hardrock in Schwarz. Doch das mög­licher­weise wich­tigste deutsche Festival wird immer heller: Pop zieht ein, auch auf der großen Bühne. Es ist nicht mehr nur die Musik böser, alter Männer, die die Masse von 85 000 Zuschau­ern feiern lässt. Man gibt sich leichter, eben weniger dunkel - so wie am Woche­nende.

Festival im Wandel

In den ver­gan­genen etwa fünf Jahren hat sich "Rock am Ring" gewandelt - unter der Ägide von André Lie­ber­berg. Der Sohn der Ver­anstal­ter-Legende Marek Lie­ber­berg ist 31 Jahre alt. Er hat kurze, dunkle Haare, einen Drei-Fes­tival­tage-Bart, trägt dunkle Klamotten und um den Hals den Durchlass-Pass der höchsten Sorte. Er spricht sehr schnell. Er ist - gemeinsam mit seinem Vater - der Chef im Ring. André ist für die Auswahl und Zusam­men­stel­lung der Bands ver­ant­wort­lich. Wenn wie jetzt das Festival vor Beginn aus­ver­kauft ist, dann ist das ein Rie­sen­kom­pli­ment für den Mann, der sich an seine ersten Ring­momente als Kind nicht mehr erinnern kann - "aber es gibt Fotos", erzählt er.

Sehr wohl erinnert er sich noch an den "sehr inten­siven" Auftritt von Rage Against The Machine 1994: "Da war ich selbst im Moshpit", entsinnt er sich ans wilde Tanzen im Rempel-Kreis. "Das ist eine meiner Lieb­lings­bands. Musi­kalisch war das eine Offen­barung. Und auch diese poli­tische Ent­schlos­sen­heit und die radikale Ein­stel­lung haben auf mich als Jugend­lichen einen beson­deren Reiz ausgeübt. Die Musik hat eine unglaub­liche Wucht." Da gibt ihm jeder recht, der die tri­umphale Rückkehr von Rage Against The Machine auf die Ringbühne nach sieben Jahren Abstinenz erlebt hat.

Lie­ber­berg steht für eine Erneue­rung des Ring-Profils, für die schritt­weise Ent­fer­nung von klas­sischen Hardrock-Bands der 80er-Jahre, für die "Beför­derung" von Gruppen auf die Haupt­bühne, die in der Lesart der Ring-Puristen dort nichts verloren haben - Culcha Candela etwa. Gab es im Jahr 2007 noch einen Metal-Abend - wenn auch "nur" auf der zweiten Bühne - so vertrat Lie­ber­berg in diesem Jahr eine stärkere Mischung. Selbst am härtesten Haupt­büh­nen-Tag, der im Metallica-Konzert endete und der mit Disturbed und In Flames ordent­lich Zunder bot, gab es mit Nightwish (Gothic) und The Offspring (Spaßpunk) andere, hellere Farben.

"Diese Ent­wick­lung musste forciert werden, nachdem wir 2002 hier lediglich mit 60 000 Leuten standen", meint Lie­ber­berg junior ent­schie­den. "Rock am Ring" musste ein neues, jüngeres Publikum erobern. Das ist gelungen. Nun stellt sich die Frage, welche Bands in Zukunft als Headliner (Haupt­grup­pen) infrage kommen, die genügend Legen­den­stoff gesammelt haben, jedoch den Jungen auch noch etwas geben. "Red Hot Chili Peppers, Green Day, Linkin Park. Die Ärzte und die Hosen immer. Die Beats­teaks haben gezeigt, dass sie diese Position einnehmen können. Ich glaube, die Killers werden eine der größten Bands der Welt." Wann kommt Pearl Jam? "Eventuell bald. Sie wollen im nächsten Jahr auf Tournee gehen. Wenn sie kommen, hätten wir sie mit Sicher­heit gerne hier."

Deutsche Bands sind bereit

Die Lichter bei "Rock am Ring" gehen also noch lange nicht aus. Zumal auch deutsche Bands auf dem Sprung nach ganz oben stehen. So wie die Sport­freunde Stiller, die am Sonntag erneut andeu­teten, dass sie viel­leicht schon bald reif sind für einen Auftritt nach Einbruch der Dun­kel­heit. Der war dieses Mal noch den Toten Hosen vor­behal­ten, die dann ganz großen Rock-"n"-Roll-Sport boten. Frontmann Campino ließ sich auch vom ein­gegips­ten rechten Bein nicht abhalten, zu hüpfen, sich von der Menge tragen zu lassen, wurde gar seinem Klet­ter­maxe-Ruf gerecht und erklomm das Büh­nen­dach - wo er dann auch noch ein Ben­gal­feuer in den Nacht­him­mel reckte.

Über diese Art der Hel­lig­keit dürften sich Ver­anstal­ter und Sicher­heits­leute weniger gefreut haben - das Entzünden von Bengalos kam bei diesem Festival in Mode, auch wenn Übeltäter ob der unkal­kulier­baren Gefahren schnell und gnadenlos gefasst wurden. Dann doch lieber Dun­kel­heit.

Tim Kos­metschke - Foto: dpa