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40 Jahre «Prager Frühling»

Prag - Staunend zunächst, dann voller Enthusiasmus erlebten die Menschen in der CSSR im Frühjahr und Frühsommer 1968, wie ein sozialistisches System mit der Einführung eines Mehrparteiensystems, der Aufhebung der Staatszensur und marktwirtschaftlichen Reformen demokratische Züge annahm.

Doch die Hoffnung von Millionen auf eine bessere Zukunft währte nicht lange. In der Nacht zum 21. August 1968 rückten Truppen des Warschauer Paktes in die CSSR ein und beendeten den «Prager Frühling» gewaltsam. «Man kann sagen, dass damit endgültig das Nachkriegs-Märchen einer strahlenden sozialistischen Zukunft und eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz begraben wurde», meint etwa der tschechische Senatspräsident Premysl Sobotka, Jahrgang 1944. Die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung war ein Meilenstein auf dem Weg zum Ende des real existierenden Sozialismus.

Man spreche in Tschechien ungern über das Jahr 1968, sagt der Schriftsteller Jachym Topol, 1962 geboren: «Weil das Gefühl der Erniedrigung immer noch da ist. Und obwohl dieses Datum tabuisiert wird, ist es nach wie vor wichtig.» Rückblende: Der charismatische KP-Sekretär und Reformer Alexander Dubcek hatte 1968 weite Teile der Tschechen und seiner Landsleute, der Slowaken, hinter sich. Doch die Militärflugzeuge, Panzer und Soldaten der eigentlich verbündeten Warschauer-Pakt-Staaten erteilten der Vision von einem «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» in Prag eine brutale Absage.

Die Moldau-Metropole wurde besetzt, die Zentrale des staatlichen Rundfunks gestürmt, der Flughafen für Zivilmaschinen geschlossen, auf dem zentralen Wenzelsplatz fielen Schüsse. Für die kommenden zwei Jahrzehnte herrschte in Mittelosteuropa wieder durchgehend ein System Moskauer Prägung. Bis heute hält in Tschechien die oppositionelle Kommunistische Partei (KSCM) knapp 15 Prozent der Wählerstimmen. Zu einer uneingeschränkten Verurteilung des Militäreinsatzes konnte sie sich nicht durchringen.

«Die Macht der Acht» heißt derweil der Slogan, mit dem das Prager Außenministerium weltweit an «tschechische Schicksalsjahre» erinnert. Der «Prager Frühling» 1968 steht dabei in einer Reihe mit der Gründung der Tschechoslowakei 1918, der Zerschlagung durch Nazi-Deutschland 1938 und der kommunistischen Machtübernahme 1948.

Aktuell spiegelt sich die Geschichte der Tschechoslowakei, die sich 1993 friedlich in zwei souveräne Staaten - Tschechien und die Slowakei - teilte, in den innenpolitischen Diskussionen zum EU- Reformvertrag und dem US-Raketenabwehrschild. Die Slowakei hält wenig davon, sich mit dem US-Vorhaben einer Radaranlage in Böhmen russischen Zorn zuzuziehen, die Prager Regierung hat das Projekt hingegen vertraglich besiegelt.

Symbolisch scheint dieser Tage die Situation auf dem Wenzelsplatz, wo vor vierzig Jahren scharf geschossen wurde: Drei Schritte entfernt von Gedenktafeln für 1968 sammeln junge Aktivisten Unterschriften. «Macht uns nicht zum Ziel - Keine Raketen» steht auf Aufklebern. Ihr Land könne durch das US-Raketenabwehrschild schnell selbst zum Ziel russischer Angriffe werden, argumentieren sie. Gut 130 000 Menschen sollen bereits unterschrieben haben.

Der tschechische Präsident Vaclav Klaus, mit einer gebürtigen Slowakin verheiratet, befürwortet die US-Präsenz in Böhmen, kann aber mit vielen Punkten der EU-Politik nur schwer Frieden finden. Der Reformvertrag aus Brüssel gefährde die Freiheiten der tschechischen Bürger, sagt Klaus, der im Februar vom Parlament im Amt bestätigt wurde. Die Slowakei hingegen hat das Abkommen ratifiziert. Als offener EU-Skeptiker bleibt Klaus bislang in der Union ein Solist. «Historisches Trauma» begründete Klaus, Jahrgang 1941, seine Haltung jüngst in einem Beitrag für die Tageszeitung «Lidove noviny» .

Senatspräsident Sobotka spricht von der «eiskalten Dusche 1968». Klaus und Sobotka, der gleichen Generation zugehörig, haben aus der Geschichte für sich die Lehre gezogen, Autonomie zu verteidigen, um nicht das Risiko von Fremdbestimmung einzugehen. Internationale Historiker hingegen streiten heute, ob der «Prager Frühling» als Flügelkampf der Kommunistischen Partei zu werten sei oder als Kernstück der Ideengeschichte von 1968, der Generation von Dubcek, (Rudi) Dutschke und (Bob) Dylan. Von Jakob Lemke, dpa

dpa-infocom