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Neuer Atlas schafft ein wahres Märchenland

Rheinland-Pfalz Seit J.R.R. Tolkiens "Herr der Ringe" wissen wir, dass Länder so schöne Namen wie "Mittelerde" und Landschaften bildhafte Bezeichnungen wie "Düsterwald" tragen können.

Dass solch fantastische Orte aber auch genau vor unserer Haustür liegen, muss uns erst ein Lübecker vor Augen führen.

Es war einmal vor ein paar Tagen , da entdeckte ein Schriftgelehrter ein wahrlich märchenhaftes Land. Von Westfelden aus, so schildert es der hohe Herr, sei er den Fließenden in Richtung Freimannsruhe hinaufgerudert, vorbei an kleinen Dörfchen und stolzen Burgen. In Zufließen legte der Gelehrte eine Rast ein. Dort, wo die Feuchte eins wird mit dem großen Strom, traf er einen Spielmann aus Wasserfelsen. Der trug ihm zu, wohl drei bis vier Tagesmärsche flussaufwärts finde er eine wunderschöne, blonde Maid auf einem Felsen der Höhe sitzen und klagen.

Viel mehr als Fantasie

Eine Fantasiegeschichte? Natürlich. Doch die Orte, von denen sie erzählt, gibt es wirklich. Vor unserer Haustür. Schuld daran, dass wir sie trotzdem nicht erkennen, sind die Lübecker Stephan Hormes und Silke Peust. Die beiden Kleinverleger - er Kartograf, sie Grafikerin - geben den "Atlas der wahren Namen" heraus. Und als hätten wir nur darauf gewartet, erfahren wir darin mit dem Finger auf der Faltkarte, wo wir eigentlich wirklich leben.

Es ist ein wunderbares Spiel, die gezeichneten Umrisse des europäischen Kontinents mit seinen Flüssen, Städten und Höhenzügen auf dem Boden auszubreiten und sich auf die Suche zu begeben. Wie der Schriftgelehrte beginnen wir die Reise in Westfelden: Der Landstrich Westfalen ist nach dem althochdeutschen Wort "fahalo" benannt - den "Feldbewohnern westlich der Weser". Von dort aus stoßen wir nur ein kleines bisschen weiter östlich auf den Fließenden, den Rhein. Dieses Wort, so erklärt es das Atlas-Glossar, ist zurückzuführen auf das indoeuropäische Wort "ri" für "gehen, eilen, fließen". Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia liefert eine zweite Erklärung: Der Name könnte von den Kelten stammen; in deren Sprache bedeutet "ro-ean" "fließendes Gewässer" oder "großes Wasser".

Dem Strom folgen wir wie der Gelehrte in Richtung Freimannsruhe, das in unserer Welt eigentlich Karlsruhe heißt. Der Name stammt vom althochdeutschen "charal" ab, was "freier Mann" bedeutet. Seine Rast legt der Reisende nirgendwo anders als in Koblenz ein. Das lateinische Wort für "zusammenfließen", "confluere", wandelte sich im Laufe der Zeit zu seiner heutigen Form. Dass es sich bei der Feuchten, die dort in den Rhein mündet, natürlich um die Mosel handelt, ist klar. Ihr wahrer Name ist indogermanischen Ursprungs: "Musa" heißt übersetzt "Moor, Sumpf, Feuchte".

Der Spielmann, den der Schreiberling am Ufer trifft, kommt aus Saarbrücken (Wasserfelsen). Das Sanskrit-Wort "sar" für "Wasser" und das keltische "briga" für "Felsen" vereinten sich zu Sarabriga, mit der Zeit wurde Saarbrücken daraus. Folgen wir nun noch dem Rat des Spielmanns und suchen die blonde Schönheit, so gelangen wir auf die Höhe, in den Taunus. Der Loreleyfelsen ist Teil des Mittelgebirges, das bei den Kelten "dunum" - "umzäunte Siedlung", aber auch "Höhe" - hieß.

Jenseits der Landesgrenze

Beliebig lässt sich die Fingerreise auf dem "Atlas der wahren Namen" in Rheinland-Pfalz nicht fortsetzen. Schnell ist die Landesgrenze überquert, der Leser landet in Luxembourg (Kleinenburg; vom althochdeutschen "luzil": "klein"), Hessen (Hutleuten; benannt nach dem Stamm der Chatten, germanisch "hattu": "Hauptbinde, Hut") oder in den Ardennen (Hochwald; vom lateinischen "arduus": "hoch, steil"). Doch die Entdeckungstour kann man in die Fremde ausdehnen - auf Europa und die ganze Welt, je nachdem, welche Variante des Atlasses man zur Hand nimmt.

Und er macht Spaß, dieser Ausflug in eine Sphäre, die real existiert und dennoch der Fantasie entsprungen scheint. Allzu ernsthaft darf der Fahrensmann die Erkundung mit der Fingerkuppe nicht betreiben. Der Atlas ist kein wissenschaftliches Werk. Selbst wenn die Sprachforschung Grundlage der Erkenntnisse ist, so ist es dem Herausgeber doch wichtig, diese mit einem Augenzwinkern zu betrachten. Mal übersetzt er eins zu eins, mal bildet er aus übersetzten Fragmenten Namen von Städten, Flüssen, Gebirgen und Regionen so, wie sie frei interpretiert lauten könnten. Der französische Ort Troyes etwa heißt im Atlas Dreizöpf - weil der Stamm der Tricasser, auf den das Wort zurückgeht, "die mit den drei Zöpfen" bezeichnet. Und die Sudeten werden zum Wildschweingebirge, weil der indoeuropäische Begriff "su" eben nichts anderes als Wildschwein bedeutet. Ziemlich wörtlich nimmt es Stephan Hormes bei der Stadt Bremen, die hier Randen heißt - abgeleitet vom altsächsischen "bremo". Auf dem gleichen Weg wird Thüringen zu Mutigen: weil "thuringoz" im Germanischen für die Wagenden, Mutigen steht.

Wer einmal über solche Erkenntnisse geschmunzelt hat, will mehr davon. Warum hat der einstige Marktflecken Katzenelnbogen einen so komischen Namen? Und wie kamen Mainz und die Eifel zu den ihrigen? Der Atlas gibt darüber keinen Aufschluss, mit 1500 Begriffen ist er aber auch bereits ausführlich genug. Doch vielleicht ließe sich die Idee weiterspinnen. Eines Tages können wir dann hoffentlich mit einem antiquierten Entfernungsmessrädchen auf der Landkarte vom "Ort an der kleinen Bachkrümmung" über "die Mächtige" in die "nicht ganz so ebene Fläche" fahren.

Stephan Hormes arbeitet daran: Im November erscheint der "Atlas der wahren Namen" für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Er wird etwa 1000 geografische Ortsnamen enthalten. Für das kommende Jahr plant Hormes, mit einem renommierten Verlag einen gebundenen, noch genaueren Atlas herauszugeben. Sabine Balleier

Den "Atlas der wahren Namen" gibt es für 6 Euro als Welt- oder Europakarte im Buchhandel sowie im Internet unter www.kalimedia.de.

RZO


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