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Kulturelle Vielfalt am Himmelstempel

Peking Liu Beiji kommt jeden Tag hierher. Immer von 8.00 Uhr bis 11.30 Uhr, dann muss er zum Mittagessen nach Hause.

Vorher aber lauscht er stundenlang der traditionellen Musik, gespielt auf einer Erhu, einem zweisaitigen chinesischen Streichinstrument.

Der 80-jährige Liu Beiji steht deshalb auch heute wieder mit seinem Rollstuhl in einer Ecke des «Langen Korridors», der zum Pekinger Himmelstempel führt. Auf 270 Metern Länge ballt sich in diesem Laubengang und in dessen Nähe die gesamte Kultur Chinas, jeden Tag, das ganze Jahr über. Hunderte Pekinger kommen schon am frühen Morgen her, um Peking-Oper zu singen, Tai Chi zu üben, Instrumente zu spielen, zu tanzen, Karten zu kloppen oder auch einfach nur auf Bänken sitzend, mit dem Fächer in der Hand, das bunte Treiben zu verfolgen.

«Ich arbeite nicht mehr, und mein Bauch ist immer gut gefüllt, ich habe nichts anderes zu tun», erzählt der fast zahnlose Liu Beiji. «Hier ist immer viel los, das liebe ich», sagt auch die 60-jährige Sun Guizhen, die wenige Schritte weiter gerade eine Peking-Opern-Arie zum Besten gegeben hat. Zuhörer hat sie im Moment nur wenige, aber das stört sie überhaupt nicht. Publikum ist hier am Himmelstempel im Herzen der 17-Millionen-Einwohner Metropole offenbar für niemanden wichtig.

Heute hat Sun Guizhen Geburtstag und sich deshalb ein schickes schwarzes Kleid angezogen. «Ich singe erst seit einem halben Jahr, aber es bringt sehr viel Spaß», sagt sie und stimmt eine nächste Arie an. Ihren Fächer vor dem Gesicht wedelnd, setzt sie jeden Ton voller Bedacht und mimt dabei den Opern-Star.

Wie alle anderen in diesem bunten Getümmel aus tanzenden, musizierenden und sich einfach nur amüsierenden Menschen im Park des Himmelstempels mag es auch Sun Guizhen «renao» (heiß und laut). Denn die Chinesen zieht es dahin, wo es brummt. Sie lieben das Gedränge in Einkaufszentren oder auf lauten Märkten und gesellen sich mit Vorliebe zu großen Menschenmassen in den zahllosen Parks. Lärm und Enge scheint Chinesen nichts auszumachen. Sie genießen es vielmehr zumeist sichtlich, einfach mitten drin zu sein.

«Renao» bedeutet nicht nur Lärm , sondern auch Spaß und Vergnügen - eines der wichtigsten Lebensgefühle der Chinesen. Wenn ein Ereignis als «renao» beschrieben wird, steht fest, dass sich alle Teilnehmer ordentlich amüsiert haben. Lärm scheint die Seele der Chinesen zu beruhigen, während manchem Ausländer das Leben in Großstädten im Reich der Mitte wie das Treiben auf einem Rummelplatz als besonders anstrengend erscheint. Das vielstimmige Gewusel im «Langen Korridor» am Fuße des Himmelstempels dürfte jedoch selbst für Touristen ein unvergessliches Erlebnis sein.

«So etwas habe ich noch nie erlebt», ist ein amerikanischer Geschäftsmann begeistert. Und ein deutscher Journalist findet es «wahnsinnig schön, wie hier Omas bunte Bänder in der Luft schwingen, tanzen oder musizieren». Selbst jetzt, während der Olympischen Spiele, trifft man hier allerdings nur relativ wenige Ausländer. Die meisten Touristengruppen werden offenbar auf direktem Weg in den runden Himmelstempel (Tian Tan - eigentlich Himmelsaltar) geschleust. Der Tempel mit seinem weithin strahlend-blauen, pagodenartigen Dach samt goldener Spitze wurde während der Ming-Dynastie (1368-1644) fertiggestellt.

Er markiert den Ort, an dem die Erde mit dem Himmel kommuniziert. Die Erde wird unter anderem mit der quadratischen Grundfläche der Anlage angedeutet, das Runddach symbolisiert den Himmel. Im Tian Tan brachte der Kaiser Opfer dar und betete zur Zeit der Wintersonnenwende zum Himmel und zu den Vorfahren. Als «Himmelssohn» war der Herrscher Vermittler zwischen den Göttern und den Menschen und bat um eine gute Ernte. Während der Ming- und der Qing-Dynastie (1644-1911) blieb der Himmelstempel dem gemeinen Volk unzugänglich.

Zurück zu eben diesem, dem Pekinger Volk, das von «renao» am Himmelstempel nicht genug bekommen kann. Unter einigen Bäumen neben dem Laubengang begrüßt gerade - trotz leichten Regens - ein junger Mann mit Sonnenbrille etwa 30 Umstehende. Er hat einen Lautsprecher positioniert, sein Mikro ist eingestöpselt. Er hebt die Stimme und schmettert eine saftige Schnulze, seine Hüften schwingen. «Ich genieße die Musik, er singt öfter hier», sagt eine ältere Frau unter einem Regenschirm. Etwas schlecht ausgesteuert ist die Darbietung schon, aber auch das stört hier niemanden. Applaus brandet auf.

Huang Zhihong steht derweil in einer kleiner Gruppe um ihre Gesangslehrerin herum, die voller Inbrunst dirigiert. Die rund 30 Männer und Frauen singen chinesische Volkslieder - jeden Tag. «Wer Lust hat, kommt», sagt Huang Zhihong. «Es ist hier einfach eine ganz besondere Atmosphäre.» Gleich neben dem Chor steht Wang Xi, die mit einigen Freunden einen indiacaähnlichen Federball kickt. «Das ist gesund und hält fit», sagt sie etwas außer Atem, schließlich sind es trotz Regens locker über 30 Grad - und das schon jetzt am frühen Morgen. Für Karaoke-Darbietungen hat sich ein etwas jüngerer Mann entschieden. Aus dem Lautsprecher hallt seine etwas klägliche Stimme.

Da hört es sich gleich viel wohltuender an, als sechs Frauen zu ihren Hu-Lu-Si-Instrumenten greifen - eine Art Flöte. «Hu-Lu-Si wird vor allem von der Dai-Minderheit im Süden Chinas gespielt», erzählt Yu Xiuju. Bei dem Instrument sind drei Bambusflöten in einer Kalebasse (aus der ausgehöhlten und getrockneten Hülle eines Flaschenkürbisses) vereint, die als Luftkammer dient. Die Töne entstehen durch kleine Messingzungen im Inneren. «Wir musizieren eigentlich jeden Morgen hier zusammen», sagt Yu Xiuju und stimmt das nächste Volkslied an.

In Hörweite steht der 73-jährige Zhou Fu in einem traditionellen Tai-Chi-Anzug. Er ist zusammen mit seinem deutlich jüngeren Lehrer gekommen, um sich in einer speziellen Form dieser Kampfkunst zu üben: Beide stehen auf jeweils zwei flachen Steinen, die etwas größer als ihre Füße sind. Dann fasst der Lehrer den ihm gegenüber stehenden Zhou Fu an den Schultern und gibt mit leichtem Druck die Bewegung des Oberkörpers vor. Ruhig lässt sich Zhou Fu führen, er hält über Minuten die Balance. «Ich mache das für meinen Körper, so fühle ich mich wohl», sagt er zwischen zwei Übungen.

Neben ihm haben sich gerade drei Tanzpaare versammelt, die Walzerschritte proben. Musik haben sie dafür nicht, was ihrem Vergnügen keinen Abbruch tut. An ihnen vorbei huschen immer wieder ältere Männer, die ihre Runden durch den Park joggen. Sie genießen die aufgeklarte Luft, der Regen hat gerade aufgehört. Einige Rentner sitzen deshalb inzwischen vor dem Laubengang auf dem Steinboden und klackern mit ihren Steinen für Domino oder das traditionelle chinesische Brettspiel Majiang. Andere Grüppchen haben sich kleine Zeitungsfetzen hingelegt und sind ins Kartenspiel vertieft.

Wenige Meter von ihnen entfernt sitzt noch immer Liu Beiji in seinem Rollstuhl. Fast entrückt lauscht er den Erhu-Klängen. Er scheint einfach nur glücklich zu sein. Von Imke Hendrich, dpa

dpa-infocom


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Blog aus Beijing zu den Olympischen Spiele 2008
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