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Mainz7 05 - Ex-Trainer:

Berater machen Spieler verrückt

Mainz Horst Hülß ist am vergangenen Freitag 70 Jahre alt geworden. Der in Ginsheim lebende Fußballfachmann war Vertragsspieler beim FSV Mainz 05 und zweimal Trainer zu Zweitligazeiten.

Seit 1996 fungiert der pensionierte Gymnasiallehrer als Pressereferent beim Bund Deutscher Fußball-Lehrer.

Die MRZ sprach mit Horst Hülß über dessen aufregenden und spannenden Zeiten am Mainzer Bruchweg. Dort sieht der 70-Jährige noch heute nahezu jedes Heimspiel, die jeweiligen Cheftrainer begrüßt Hüß traditionell im Presseraum per Handschlag.

Herr Hülß, Sie sind gebürtiger Coburger, wie sind Sie damals zu Mainz 05 gekommen?

Ich habe in Köln Sport, Geografie und Chemie studiert. Gespielt habe ich für Viktoria Köln unter dem bekannten Trainer Hennes Weisweiler, ich war ein talentierter Spielmacher. 1965 kamen die ersten Angebote. Borussia Neunkirchen, Eintracht Frankfurt, VfB Stuttgart. Aber ich wollte in eine Stadt, in der ich an der Uni meine Fächer weiterstudieren konnte. Und so kam ich zu Mainz 05 und dem großen Trainer Heinz Baas. Die 05er hatten damals einen großen Erfolg im DFB-Pokal, das war eine sehr spielstarke Mannschaft, das war sehr interessant für mich.

Wie sah das damals finanziell aus als Vertragsspieler in Mainz?

Erlaubt waren 400 DM im Monat. Aber es wurde mehr bezahlt. Pro Sieg gab es noch 200 DM dazu, die kamen schwarz. Das war als Student gutes Geld, da konnte man sich schon den Luxus eines Autos leisten. Wir haben drei- bis viermal in der Woche trainiert, das war für die berufstätigen Spieler schon sehr viel. Zweimal sind wir damals haarscharf an der Bundesliga-Aufstiegsrunde vorbeigeschrammt.

Wie begann dann Ihre Trainerkarriere?

Während des Studiums in Köln hatte ich bei Hennes Weisweiler schon begleitend den Fußballlehrerschein gemacht. Für Weisweiler war ich eine Art Ziehsohn, ich habe jeden Tag bei ihm zu Mittag essen dürfen. Ein großer Fachmann, der, was heute nur noch wenige wissen, weniger von der Theorie, sondern mehr von der Praxis kam. Er hat sehr viel aus dem Bauch heraus entschieden. Bei Hennes habe ich den Blick für Talente gelernt. 1968 war ich dann mit 30 schon ein alter Spieler, da bin ich dann beim VfB Ginsheim Spielertrainer geworden. 1969/70 habe ich in der Regionalliga den SV Weisenau trainiert, der erste Schritt in den größeren Fußball. Dann war ich beim VfR Nierstein. Mein dortiger Spieler Dori Dolezilek wechselte zu den 05ern, und er hat mich dann dort ins Gespräch gebracht. Und so wurde ich 1975 bei Mainz 05 Zweitligatrainer. Eine große Chance.

Mit unglücklichem Ausgang: Sie erreichten Rang 12, aber der Klub gab nach dem Ausstieg des Hauptsponsors Blendax freiwillig die Profilizenz zurück. Wie haben Sie das damals erlebt?

Wir hatten eine tolle Mannschaft mit Herbert Scheller, mit Günter Rybarczyk, mit Gerd Schwickert, Paul Göppl, Werner Nickel, Siggi Köstler, mit dem großartigen Erwin Hohenwarter und natürlich mit Torjäger Gerd Klier. Wir haben in dieser eingleisigen Zweiten Liga die meisten Tore geschossen, natürlich auch paar zu viele gefangen. Ein wenig erinnert mich das an den heutigen Offensivfußball unter Trainer Jörn Andersen. Wie ich überhaupt sagen muss, dass in Mainz schon immer ein technisch gepflegter Offensivfußball gespielt worden ist. Es war jammerschade, dass der Verein damals die Lizenz zurückgeben musste. Wir standen mit dieser aufstrebenden Mannschaft an der Schwelle zum großen Fußball, aber die Schulden waren zu groß.

Haben Sie sich als Trainer gegen den Ausstieg gestemmt?

Natürlich. Ich habe bei der großen Sitzung im Mainzer Schloss mit dem Präsidium und dem Aufsichtsrat um Bürgermeister Jockel Fuchs gesprochen. Ich war ja da auch schon Lehrer am Schloss-Gymnasium, die Schüler haben Unterschriften gesammelt und Aktionen gestartet. Es hat alles nichts genutzt. Jammerschade.

Fast die gesamte Mannschaft hat Mainz 05 verlassen. Sie sind Trainer geblieben und haben in der Amateurliga den Neuaufbau gestartet...

Ja, das war auch eine interessante Aufgabe. Zwei Jahre später waren wir schon wieder Südwestmeister und haben in der Aufstiegsrunde mit Neunkirchen und Neuendorf schon wieder oben angeklopft. Leider ist uns da der großartige Fußballer Bimbo Bopp mit einer Leistenzerrung ausgefallen.

1980 sind Sie zu Hassia Bingen gewechselt. Später haben Sie den SV Wiesbaden und den SV Wehen in die höchste Amateurliga geführt. Als Sie dann 1987 noch einmal Trainer beim Zweitligaaufsteiger Mainz 05 wurden, da war das eine Riesenüberraschung. Für Sie auch?

Natürlich. Ich war immer ein 05er, aber damit habe ich nicht mehr gerechnet. Ich war ja nach wie vor Lehrer, und der Zweitligafußball entwickelte sich damals mehr und mehr zum Vollprofitum. Wir in Mainz waren ja noch Halbprofis, das war sicher auch ein Grund für das spätere Scheitern. Da waren Schalke 04, Hertha BSC, Fortuna Düsseldorf in der Liga, das war eine ganz andere Welt. Wir haben einmal am Tag trainiert, das war zu wenig, um im Konzert der Großen mithalten zu können. Wir waren eine bessere Amateurmannschaft. Aber bis auf das 1:6 zu Hause gegen Meppen haben wir keine Klatschen bekommen. Als ich entlassen wurde, da hatten wir fünf Spiele nicht gewonnen, zweimal sogar noch ein Remis erreicht. Na ja, da will ich nicht mehr nachhaken, ich bin da keinem mehr böse.

Wie beurteilen Sie den Weg des Klubs bis heute?

Eine großartige Sache. Da waren schwierige, sehr kritische Zeiten, das ging ja bis zum Amtsantritt von Jürgen Klopp so. Aber der Abstieg wurde immer vermieden. Eine große Leistung. Den Bundesligaaufstieg vorbereitet hat für mich Wolfgang Frank, der Dinge durchgesetzt hat wie den Stadionausbau, die Vierer-Abwehrkette, die Raumdeckung. Frank hat die Grundlagen gelegt, die Strukturen geschaffen. Die drei Bundesligajahre kann man gar nicht hoch genug bewerten.

Sie arbeiten heute noch als Pressereferent des Bundes Deutscher Fußball-Lehrer, Sie sind verantwortlich für das BDFL-Journal. Wie sehen Sie heute den Trainerberuf? Hat es Sie nie gereizt, Profitrainer zu werden?

1976 habe ich mal darüber nachgedacht, den Lehrerberuf zurückzustellen. Wenn ich heute sehe, welche Entwicklung der Trainerberuf genommen hat, dann bin ich mit meiner Entscheidung sehr zufrieden. Das große Geld macht den Sport mehr und mehr unglaubwürdig, die Berater machen Spieler und Trainer verrückt. Ich gönne allen alles, aber die finanzielle Schraube ist längst überdreht. Das Wesentliche des Sports verschwindet. Ich spreche mich für Gehaltsobergrenzen aus, das sollte kommen. (Das Gespräch führte Reinhard Rehberg)

RZO


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