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Schutz in der Unterwelt unter Hamburgs Hauptbahnhof

Hamburg Während oben auf Gleis 14 der Intercity 929 nach Köln abfährt und Reisende über Bahnsteige hasten, herrscht unten Stille.

Die Schritte hallen. Es ist kühl und riecht modrig. «Finger Weg. Quetschgefahr.».

Diese Warnung steht auf einem Schild , das an der gelb-schwarz gestreiften, massiven Eisentür hängt. Legt der Bunkerwart den Schalter um, gibt es ein lautes Zischen und die hydraulische Tür fällt krachend zu. Bis zu 2702 Menschen finden hier Platz. Die dreistöckige Anlage unter dem Hamburger Hauptbahnhof wurde von 1941 bis 1944 gebaut und ist einer der größten erhaltenen Tiefbunker unter einem Bahnhof in Deutschland. Ein Verein arbeitet derzeit die Geschichte des Bunkers auf - und hat ein Problem: Man findet keine Zeitzeugen.

«Wir suchen Menschen, die hier während der Bombenangriffe Schutz fanden», sagt Michael Grube, Vorstandsmitglied des Verein «Hamburger Unterwelten». «Da es überwiegend Reisende waren, ist es sehr schwer, Zeitzeugen zu finden.» Auch Fotos fehlen. Während Hamburg im Juli 1943 durch die britische Operation Gomorrha von zahllosen Brandbomben getroffen wurde und lichterloh brannte, quetschten sich hier in den Südteil 3500 Menschen. Der noch im Bau befindliche Nordteil wurde ebenfalls von Bomben getroffen, die Verschalung ging in Flammen auf.

Seit kurzem kann der Schutzraum «Steintorwall» besichtigt werden. Sollte neue Gefahr drohen, könnte der reale Betrieb schnell wieder aufgenommen werden, fast alles ist noch intakt. «Hier braucht man keine Gebrauchsanweisung, was man über den Bunkerbetrieb wissen muss, steht an den Wänden», sagt Grube. Der Eingang an der Westseite des Hauptbahnhofs ist unscheinbar. Die bis zu 3,75 dicken Mauern im Innern schweigen, aber hier hat sich eine wechselvolle Geschichte abgespielt. Nach dem Krieg richtete die Bahn in dem Bunker ein Hotel und Restaurant (Grube: «Das ist kein Witz») ein - rund um den Bahnhof gab es nach den alliierten Angriffen keine Hotels mehr.

Bis 1949 betrieb die Schlafwagengesellschaft Mitropa die Anlage, dann diente der Bunker der Bahn als Lager. Nach der Kuba-Krise 1962 und einem drohenden Atomkrieg wurde die 14 Meter tiefe und 140 Meter lange Anlage von 1964 bis 1969 wieder instand gesetzt.

«Das ist ein Mahnmal gegen den Krieg», sagt Grube, während er durch die Räume führt. «Hier wird der Kalte Krieg lebendig», ergänzt Grubes Frau Christel. «Zivilschutz ist ein Teil der Geschichte, der kaum noch in den Geschichtsbüchern präsent ist.» Beide betonen, dass alles im Originalzustand ist. «Wir wollen kein Disneyland.» In einem Schutzraum liegt noch die Ration für jeden «Gast». 400 Blatt Klopapier, Seife, Handtuch, Decke, Becher, Schüssel und ein Löffel.

Eine Zählmatte sollte sicherstellen, dass exakt 2702 Menschen hier reinkamen. Wer zu spät kam, fand keinen Schutz mehr. «Das hätte auch der Bürgermeister sein können, das war egal, hier gab es keine Privilegien», sagt Grube. Wenn Hamburg von einer Atombombe getroffen worden wäre, konnte man sich hier 14 Tage vor Verstrahlung schützen. Die von oben gesaugte Luft könnte durch große Sandfilteranlagen gefiltert werden. So werden Rußpartikel herausgetrennt, wenn Hamburg oberirdisch brennt. Und wenn die Luft oben bis zu 1000 Grad haben sollte, wird sie durch den Sand heruntergekühlt. Im Inneren gibt es auch einen riesigen Dieselmotor, bis vor kurzem lagerten hier 62 000 Liter Diesel, um bei Stromausfall die Energieversorgung zu sichern.

In einem Raum befinden sich Dutzende Stuhlreihen, die an silbernen Metallgestellen befestigt sind. Das ganze ähnelt einem Zugabteil. Der Kopf wird wie in einem Karussell in Schaumstoff-Stützen gepresst und der Körper mit einem Anschnallgurt gesichert. «Gegen Erschütterungen draußen», sagt Grube. «Schließlich hat auch der Bahnhof im Zweiten Weltkrieg ganz schön was auf den Kopp gekriegt.» Er zeigt ein Bild, über den Bahnhof waren 1943 große Matten verlegt worden. «Das sollte eine Straße suggerieren, um die Bomber zu täuschen. Auch die Alster war mit Schilfmatten und Holz bedeckt, damit das Zentrum nicht so leicht zu finden war. «Hat alles nichts genützt», sagt Grube.

Die Bunker-Betten sind nicht gerade bequem. Rund 100 Stück pro Raum, dreistöckig in Reihen angeordnete Metallpritschen. Drei Menschen hätten sich alle acht Stunden mit dem Schlafen abwechseln müssen. Und in dem in einen Nord- und einen Südteil unterteilten Bunker stehen in zwei schmucklosen Betonräumen noch jeweils vier kleine Kochplatten. «Damit hätten je 1350 Menschen bekocht werden müssen.» Nicht sehr angenehm ist das Männer-Urinal. Auf einem Schild steht: «Urinal-Stand. Bitte Sauberhalten - keine Wasserspülung.»

Fäkalien wurden im Fall der Fälle in einen Abwasserkanal, ein Siel geleitet. Wäre es zerstört worden, hätten Urin und Kot nach oben gepumpt werden müssen. Ein unscheinbares Gitter im Asphalt an der Bushaltestelle des Hauptbahnhofs ist der Fäkaliennotauswurf. Hier wären die unappetitlichen Rückstände auf die Straße geleitet worden. «Viele gehen hier seit 30 Jahren jeden Tag vorbei und wissen gar nicht, wozu das Gitter dient», sagt Grube.

Führungen durch die Hamburger Unterwelt: www.hamburgerunterwelten.de Von Georg Ismar, dpa

dpa-infocom