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Christian Lindner

Kommentar

Was für eine kluge Watschn

Chefredakteur Christian Lindner zum Wahlausgang in Bayern

Heiliger Franz Josef, was eine brutale Watschn für die Christsozialen drunten im schönen Bayern: Krachend haben die bayerischen Wähler die gefühlte Staatspartei CSU abgestraft. Die selbst ernannten Erben von Strauß und Stoiber haben die 50-Prozent-Hürde blamabel klar verfehlt, verlegen stammelnd wie ertappte Lausbuben stehen Ministerpräsident Beckstein und Parteichef Huber vor Kameras und Kameraden. 42 Jahre konnte die CSU Bayern ohne Koalitionspartner dominieren, nun gilt die Gleichung „die CSU ist Bayern” nicht mehr.

Ja – das ist eine Parteikrise. Die CSU, die so lange so beeindruckend die größtmögliche Identität zwischen einem Bundesland und der Mehrheit seiner Bewohner mit einer Partei und einer Landesregierung verkörperte, ist nicht an politischen Gegnern oder schlechter politischer Arbeit, sondern an sich selbst gescheitert. Der Keim dieses Scheiterns liegt, wie so oft, in einer zu lang dauernden Alleinregentschaft. Wenn eine Partei über Jahrzehnte keine Kompromisse schließen muss, wer alle sachlichen und personellen Weichen lange nach eigenem Gutdünken stellen kann, wer Hofschranzentum und Machtbesoffenheit nicht schon im Anfang erstickt, der stolpert irgendwann einmal unausweichlich über die Folgen von Arroganz und Ignoranz, von Filz Selbstbezogenheit, von Intrigentum und Mittelmaß. Bei Union wie SPD war das so, etwa in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, in Hamburg und in Bremen. Jetzt verlängert Bayern die Lehre der Nähe von Glanz und Elend. Mittelprächtige Anlässe reichen in diesem ewig gleichen Drama, um die scheinbare barocke Pracht der Macht in eine für alle erkennbar bröckelnde Fassade zu verwandeln.

Im Falle der CSU begann das akute Siechtum 2005 mit der Verwandlung des Oberbayern Edmund Stoiber in einen Hasenfuß: Das für ihn von Merkel gezimmerte Superministerium im Bundeskabinett wollte er auf einmal doch nicht mehr, angeblich brauchte Bayern ihn. Fortan musste die CSU schmerzlich realisieren, dass sie an Einfluss auf Bundesebene verlor. Sie mutierte zur Regionalpartei, zum 16. Landesverband der CDU mit etwas mehr Brauchtum. Das löste den Putsch der Landtagsfraktion gegen Stoiber im Januar 2007 aus – und seither geht's bergab: Stoibers Nachfolger Beckstein (64) und Huber (62) verkörpern eine Zwischenlösung und keinen Neubeginn. Stoiber rächte sich an beiden auf seine Weise für den Sturz: Er klebte noch acht quälend lange Monate an seinem Stuhl und beschnitt beiden damit die Möglichkeiten zum Durchstarten vor der Wahl. Mehr noch: Stoiber brachte im Landtag ein „Zukunftsprogramm Bayern 2020” auf den Weg – sein politisches Testament, mit dem er Milliarden verteilte, die seinen ungeliebten Nachfolgern dann fehlten.

Trotz allem aber ist die CSU-Krise keine Staatskrise – und schon gar kein Anlass zur Sorge um dieses schöne Bundesland. Dem Freistaat geht es gut: die wenigsten Arbeitslosen, die höchste Selbstständigenquote, die niedrigste Pro-Kopf-Verschuldung, die Lebensverhältnisse zwischen Provinz und Städten sind ausgeglichener als anderswo in der Republik, der Haushalt kommt seit 2006 ohne neue Schulden aus. Das ist, jenseits aller Querelen in der Partei und des gestrigen Wahlfiaskos, das unbestreitbare Verdienst der CSU. Und das ist eine gute Basis für die CSU, die Geschicke Bayern weiter gut zu lenken – wahrscheinlich mithilfe der FDP. Die erstmals in einem deutschen Landesparlament vertretenen Freien Wähler wird die CSU nicht durch eine Koalition aufwerten wollen: Zu heftig wildern die Freien auf Feldern, die die CSU ihr eigen nennt. Statt der Freien dürfte die CSU die Freidemokraten ins Kabinett rufen.

Die werden sich nicht lange bitten lassen – und dazu beitragen, dass sich nach Jahrzehnten des Absolutismus auch im Land der Bayern Normalität breit macht: Einmal mehr muss eine große Partei die Macht teilen, die CSU wird auf ein Normalmaß eingepegelt, machtverwöhnte Mannsbilder werden Demut lernen und Kreide fressen – und auf Sicht wird ein neuer CSU-Chef an der Spitze von Partei und Land symbolisieren, dass die Zeiten der Alleinherrschaft endgültig vorbei sind. Ob der neue Mann nun Seehofer, Söder, Herrmann oder ganz anders heißt: Die Relevanz dieser Frage verblasst angesichts der Zeitenwende vom gestrigen Sonntag, mit der das Volk der Bayern seinen bisherigen Regenten die Grenzen aufgezeigt hat. Welch eine weise, was für eine demokratisch kluge Watschn.

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