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Bundeswehr in Afghanistan


Isaf kämpft um Köpfe

Kabul Am Dienstag will das Bundeskabinett die Verlängerung des Isaf-Mandats in Afghanistan auf den Weg bringen.

Deutsche Soldaten sorgen dort für Stabilität. Doch ihre Arbeit reicht auch weit ins Zivile hinein. Wir besuchten die Truppe in Kabul.

Das Magazin rastet in das Schnellfeuergewehr ein - 30 Schuss teilgeladen, zur Sicherheit. Kabul, eine der gefährlichsten Städte dieses Planeten, ist zwar ruhig an jenem Tag, aber die Soldaten der Isaf (International Security Assistance Force) müssen auf alles vorbereitet sein, wenn sie den Schutz des Lagers verlassen. Es ist neun Uhr morgens, als sich die beiden gepanzerten Geländewagen durch den Verkehr schieben, in dem das Chaos zum Prinzip erhoben wird. Nicht auffallen, ist die Devise. Keine Isaf-Zeichen, kein martialisches Gehabe. Ziel des Trupps an diesem Morgen ist der öffentliche Park Schar-i Naw (Neustadt). Dort soll ein Werbefilm für den Isaf-Radiosender "Sada-e Azadi" (Stimme der Freiheit) gedreht werden. Die Besonderheit: Die beiden Hauptdarsteller sind Frauen.

Die Aufgaben des internationalen Teams sind klar verteilt: Der deutsche Oberleutnant Stefan leitet den Einsatz und sorgt mit zwei rumänischen Soldaten für die Absicherung des Drehorts im Park. Oberfeldwebel Markus hat zusätzlich die Technik im Blick. Ihre richtigen Namen lauten natürlich anders, Soldaten im Einsatz genießen Anonymität. Komplettiert wird der Trupp durch einen Dolmetscher sowie den australischen Kameramann Jamie, der als Honorarkraft für Isaf arbeitet und das afghanische Kamerateam dezent führt. Denn das ist die zentrale Aufgabe der in Koblenz und Mayen stationierten "Operativen Information", der die Soldaten angehören: Medienkompetenz bei den Afghanen aufbauen, freie Berichterstattung etablieren.

Der Park ist an diesem Morgen gut besucht - in Afghanistan heißt das automatisch von Männern. Die beiden voll verschleierten Frauen ziehen automatisch die Blicke auf sich. Erst bleiben zwei Männer stehen, wenige Minuten später sind es bereits mehrere Dutzend, die die Szene aus dem Schatten der Bäume verfolgen, während eine Horde Jungen um sie herumtobt. Die Deutschen haben zu diesem Zeitpunkt längst Helme und Sonnenbrillen abgelegt, um den neugierigen Menschen freundlich und mit Respekt zu begegnen. Die rund 15 Kilo schwere Splitterschutzweste ist aber trotz der Hitze selbstverständlich. Dieses Auftreten zahlt sich aus: Afghanen, die ursprünglich durch den Drehort gehen wollten, lassen sich von einer freundlichen Handbewegung und einem ruhigen "Taschakor" (Danke) umstimmen.

Derweil zieht sich der Dreh. Der afghanische Kameramann uns sein Tontechniker brauchen noch die führende Hand Jamies. Der achtet darauf, dass er sie nicht bevormundet und hält sich weitgehend zurück. Er ist zu lange im Land, um den Stolz der Menschen zu unterschätzen. Der Australier mag das Land und seine Leute. Denn obwohl er sich beim Einsatz nahe Kandahar einen glatten Durchschuss einfing, kam er nach der Genesung zurück. Die Frage nach dem Warum, quittiert er nur mit einem schelmischen Lächeln.

Eigentlich versuchen Isaf-Soldaten nie länger als eine Viertelstunde an einem Ort zu sein, um kein Ziel zu bieten. Doch diese Aufgabe erfordert mehr Zeit und Fingerspitzengefühl für das Umfeld. Als ein bärtiger Mann plötzlich ein lautes Zetern beginnt und auf die Frauen zeigt, scheint sich die Lage zuzuspitzen. Doch der Dolmetscher gibt Entwarnung: Es geht wohl doch nur um Privates.

Doch die Masse verfehlt ihre Wirkung auf die Frauen nicht. Der Film soll in zwei Sprachen gedreht werden - Dari und Paschtu. Dari ist erledigt, doch die Paschtu-Darstellerin ist nun eingeschüchtert. Sie arbeitet unweit des Parks, hat Angst, dass sie wiedererkannt und drangsaliert wird. Erst als die ersten Männer wieder gehen, nimmt sie allen Mut zusammen und spricht ihre Sätze über die "Stimme der Freiheit" verschleiert in die Kamera. Isaf braucht beide Stimmen, seit Monaten werden überall im Land kleine Radios verteilt. Der Kampf gegen die Taliban ist vor allem ein Kampf um Meinungen und Köpfe.

Die Aufgabe der Soldaten ist deshalb viel komplexer als nur Sicherheit herzustellen. Sie sind Botschafter ihres Landes, ihrer Kultur. "Hier kann man jeden Tag eine gute Tat leisten", erklärt Stefan und hat Menge und Park dabei fest im Blick, "aber es bringt nichts, wenn ich den vielen Kindern hier Geld gebe." Es würde nur für Streit sorgen. "Da macht es mehr Sinn, einem Bedürftigen dezent zehn Afghani in die Hand zu drücken und zu verschwinden." Zehn Afghani reichen in Kabul für eine Tagesration Brot.

Es geht schon auf Mittag zu, als endlich alle Szenen gedreht sind. Nun geht alles ganz schnell: Per Funk informiert Stefan die Rumänen, die den zügigen Rückzug absichern. In den Wagen werden automatisch wieder Helm und Schutzbrille angelegt, der direkte Rückweg ins Lager wird vermieden. Denn trotz aller positiven Ansätze: Du Soldaten dürfen nicht ausrechenbar sein. Sonst wären sie ein willkommenes Ziel für diejenigen, die das Regime der Taliban und des Terrors zurückhaben wollen. (Von Peter Lausmann)

RZO