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Afghanistan


Heimkehr in fremder Uniform

Beim Isaf-Einsatz in Afghanistan sucht die Bundeswehr den Kontakt zur Bevölkerung.

Dafür braucht sie Dolmetscher wie den Bonner Kaschajar Atafar. Für ihn ist der Einsatz auch ein Stück Rückkehr zur eigenen Kultur.

Es fühlt sich wie ein Traum an: Die Heckklappe des Bundeswehr-Flugzeugs öffnet sich, das Sonnenlicht blendet grell, und feiner Staub umweht Kaschajar Atafar. Innerlich bebt es in ihm, als er den ersten Schritt in das Land seiner Vorfahren setzt, das zahlreiche Bürgerkriege in eine Ruinenlandschaft verwandelt haben. Der in Bonn lebende Dolmetscher kommt nach Afghanistan, weil er persönlich helfen will. Er kommt in deutscher Uniform.

Brücken bauen ist seine Mission - sprachlich, kulturell, zwischenmenschlich. Als Übersetzer begleitet er die Patrouillen der deutschen Isaf-Mission bei ihren Besuchen in den Dörfern und Städten des nördlichen Afghanistans. Hier, wo Tadschiken, Usbeken und Turkmenen die Sprache Dari sprechen, ist der gebürtige Perser willkommen; denn Dari entstammt dem Persischen und war vor Hunderten Jahren die Hofsprache in jener kargen Region, die bis heute eine gemeinsame Kultur verbindet.

Eine Kultur, die auch Atafar von kleinauf eingesogen hat: die Geschichten des persischen Propheten Zarathustra oder des Dichters Ferdousi, der im Königsbuch Schahname die Heldentaten Rostams beschreibt, des Mediziners Avicenna und vieler anderer Forscher und Denker. Atafar kennt sie alle in- und auswendig, und das öffnet ihm die Tür zu den Menschen im deutschen Einsatzgebiet Afghanistans. Sind die ersten Worte gewechselt, nehmen sie seine deutsche Uniform gar nicht mehr wahr. Kaschajar Atafar selbst fällt beim Erzählen immer wieder unbewusst ins "Wir", wenn er vom Kontakt mit den Menschen erzählt.

Dabei war Atafar fast davon ausgegangen, dass er das Land seiner Vorfahren nicht mehr wiedersehen würde. Anfang der 1970er-Jahre nach Aachen zum Studieren gekommen, blieb der in Isfahan geborene Perser in Deutschland. Nur ein Mal, im Jahr 1982, besuchte der Geologe sein Geburtsland, in dem mittlerweile die radikalen Mullahs das Sagen hatten. Das Rheinland wurde seine neue Heimat, und doch war die Vergangenheit permanent um den heute 60-Jährigen, der mittlerweile als Übersetzer an den Gerichten in Köln und Bonn arbeitete. In Büchern forschte er nach der bewegten Geschichte des Landes am Hindukusch, während er im Fernsehen dessen Zerstörung durch die Rote Armee und Taliban mitansehen musste. Erst mit der Isaf-Mission 2001 und der Niederlage der vermeintlichen Taliban schien das Land zur Ruhe zu kommen und ein Aufbau möglich. Kaschajar Atafar suchte nach einer Möglichkeit zu helfen - und fand sie als Dolmetscher für das Bundessprachenamt. Wegen seiner Qualifikation als geologischer Ingenieur und Übersetzer stattete ihn die Truppe gleich mit dem Rang eines Oberleutnants aus, als er im Jahr 2005 erstmals in den Einsatz ging. Für die sechs Monate im Einsatz ist er Soldat mit allen Pflichten und Rechten. Üblich sind für die normalen Soldaten zwar nur vier, doch Spezialisten bleiben meist länger. Auch die folgenden beiden Male hielt es der Bonner so.

Doch die Sicherheitslage in Afghanistan hat sich seit seinem ersten Einsatz erheblich verändert. Denn die Taliban sind nie endgültig besiegt worden und sickern seit Monaten auch in das Gebiet der Bundeswehr ein, die Gefahr von Angriffen und Sprengfallen nimmt zu. Mehr denn je kommt es für die deutschen Soldaten auf den guten Draht zur Bevölkerung an, die lebensrettende Hinweise geben kann. Doch dafür müssen die deutschen Soldaten die Sitten und Bräuche kennen, den richtigen Ton im Gespräch mit dem Dorfältesten, dem "Malik", treffen. So wollen die Menschen dort nicht pauschal als Afghanen betrachtet werden: "Afghanistan bedeutet ,Land der Paschtunen" und ist im Norden für viele ein Reizwort", sagt Atafar, der sich mit seinem melodischen Persisch im Norden schnell Sympathien erwirbt. Denn viele Paschtunen, die die Mehrheit im Süden bilden, werden offenbar wie der Terror der Taliban vom Nachbarland Pakistan unterstützt. Atafar ist vorsichtig im Gespräch mit ihnen. Denn: "Ich sehe das Misstrauen in ihren Augen." In dieser Spaltung zwischen Paschtunen und anderen Ethnien sieht er den Grund für die Angst, die mittlerweile die Hoffnung im Land verdrängt hat.

Der Pessimismus zeigt sich an vielen Stellen: Wer ein wenig Bildung vorzuweisen hat, versucht, das Land zu verlassen und sucht in der Fremde sein Glück. Und diejenigen, die bleiben, wagen keine Investitionen in die Zukunft - das Land liegt brach. "Wenn wir auf Patrouille sind, fahren wir oft stundenlang durch Gebiete, in denen keine Spuren menschlicher Zivilisation zu finden sind", analysiert der studierte Geologe. Zudem schlägt das Pendel mittlerweile auch in die andere Richtung aus: "Bei manchen hat sich offenbar eine Art Nehmermentalität entwickelt", kritisiert Atafar. Die Erwartungshaltung hat in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen, erklärt Atafar, auch im relativ ruhigen Norden. "Ziviler Aufbau ist die Grundlage für die Weiterentwicklung des Volkes" - entsprechend hoch sind die Wünsche. Zugleich wird in dem durch jahrelange Kriege zerstörten Land genau beobachtet, welche Vorteile ein Dorf durch Aufbauhilfe hat, erklärt Atafar. Strommasten oder Brunnen wecken dann auch in den Nachbardörfern schnell Begehrlichkeiten.

So lädt etwa ein Malik Atafar und seinen Trupp zum traditionellen Tee in seinen mit Teppichen ausgelegten Empfangsraum ein. Doch so weich der Boden, so hart und schnell kommt der Dorfchef zur Sache: Es schlichen in letzter Zeit immer wieder seltsame Gestalten ums Dorf. Die Taliban lassen sich schließlich auch als Drohpotenzial gegenüber den ausländischen Helfern nutzen. Die schlichte Logik des Malik: Er will eine Pistole, um sein Dorf zu verteidigen. Und wo man gerade dabei ist: Die internationale Truppe soll auch einige seiner Leute als Arbeiter einstellen, damit Geld und etwas Wohlstand ins Dorf kommen. Es geht um die Existenz ganzer Dorfgemeinschaften, und gerade deshalb ist in solchen Momenten die richtige Wortwahl besonders gefragt.

Nun ist der verantwortliche Patrouillenführer auf die Sprachkenntnisse, das Geschick und die Einfühlsamkeit seines Übersetzers angewiesen. Ein einfaches Nein könnte viel kaputtmachen. Also muss Atafar ein konstruktives Gespräch führen, ohne dabei eine Grenze zu überschreiten: "Wir dürfen keine Versprechungen machen." Das würde die Erwartungen nur noch steigern. Schließlich gelingt es Atafar, Situation und Gespräch zu entspannen. Letzteres wird nur gestört, als der Malik plötzlich in sein Gewand greift und sein Handy zückt, um ein Gespräch anzunehmen.

Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich die ausländischen Helfer und Soldaten bewegen: Vertrauen wollen sie schaffen, auf Menschen zugehen und ihnen Hoffnung vermitteln. Zugleich muss immer an die eigene Sicherheit gedacht werden. So ist es völlig normal, dass der Dolmetscher stets eine Pistole an der Hüfte trägt - auch in Gotteshäusern. In Afghanistan verschafft man sich so immer noch am besten Respekt.

Dabei ist im Vorteil, wer die deutschen Farben auf der Uniform trägt: "Briten und Amerikaner haben in der Region kein Ansehen", weiß Atafar. Den Menschen ist es völlig egal, ob beispielsweise die US-Truppen der umstrittenen Anti-Terrormission "Enduring Freedom" oder der Isaf-Aufbaumission angehören - sie werden generell als Feinde des Landes und seiner Völker angesehen. Mit den Deutschen sehen sich die Menschen im Norden Afghanistans indes verbunden. Denn während deutsche Soldaten leicht zusammenzucken, wenn das Wort "Arier" fällt, betonen die Menschen in der Nordregion mit stolzgeschwellter Brust die historische Gemeinsamkeit. Auch hier kann der gebürtige Perser viel unbefangener auf die Menschen zugehen, als es vielen Deutschen möglich wäre. Zudem gilt Deutschland als nicht vorbelastet, da es in der langen Geschichte Afghanistans nie versucht hat, das Land am Hindukusch zu unterwerfen. Einer Geschichte, die selten von Frieden geprägt war.

Atafar kennt die Geschichte und die Eigenheiten der Region gut genug, um ein klares Bild von ihrer Zukunft zu haben: "Ich habe große Zweifel, dass das momentane Afghanistan als Staat funktionieren kann", analysiert er. "Aber ein föderales System wäre für die Entwicklung Afghanistans sicherlich eine sinnvolle Lösung." Dies würde auch berücksichtigen, dass es kaum Gemeinsamkeiten zwischen den Volksgruppen gibt: Der von den USA gestützte Staatspräsident Hamid Karsai gilt den meisten als Marionette des Westens. Seine Macht endet bereits an den Stadtgrenzen Kabuls. Zugleich wächst der Unmut gegenüber der Kabuler Regierung, die sich bisher vor allem durch Korruption und Vetternwirtschaft hervorgetan hat. Die Sicherheitslage scheint sich derweil Schritt für Schritt zu verschlechtern.

Dennoch will Kaschajar Atafar noch einen Einsatz wagen. Denn bisher hatte er Glück: "Ich musste nur wenige schlimme Szenen mitansehen", berichtet der 60-Jährige. Deshalb falle es ihm vergleichsweise leicht, den Stress im Einsatz zu Hause wieder zu verarbeiten. (Peter Lausmann)

RZO