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Flug über den Hindukusch


Zeitmaschine im Sturzflug

Kabul Der Weg nach Afghanistan führt für alle deutschen Soldaten durch ein Nadelöhr: einen kleinen Flughafen in Usbekistan, direkt an der Grenze gelegen.

Von hier aus ist es nur noch eine Stunde Flugzeit bis Kabul. Eine Stunde, die Jahrhunderte, teils gar um Millionenjahre zurückführen kann.

Die Zeitmaschine ist der Lastesel der Luftwaffe, die 40 Jahre alte C-160 „Transall“, die eigentlich selbst schon Geschichte wäre, würde Airbus das Nachfolgemodell endlich fertig stellen. Durch die Heckklappe klettern die Soldaten hinein – Sitzordnung seitlich zur Flugrichtung, Fensterplatz Fehlanzeige. Schon kurz nach dem Start schläfern die Vibration und das ohrenbetäubende Dröhnen der beiden Motoren die Passagiere ein.

Dass unter dem Rumpf eine atemberaubende Landschaft vorbeizieht, nimmt nur die vierköpfige Cockpitbesatzung wahr. Mehr als 20000 Fuß (rund 6000 Meter) ist die Flughöhe, auf die sich die Maschine direkt nach dem Start geschraubt hat. „Viel mehr ist bei der dünnen Luft auch nicht drin“, wissen erfahrene Piloten. Die Rechnung ist einfach: Je wärmer es im Sommer ist, desto dünner wird die Luft, desto weniger kann sich der Propeller-Lastesel aufladen.

Dass fast jeder Meter Flughöhe nötig ist, wird nach wenigen Minuten deutlich, als am Horizont eine majestätische Gipfelkette auftaucht, die die Alpen locker in die Tasche steckt: der Hindukusch, dessen Spitzen teils weit über 7500 Meter hinauf ragen. Tiefschwarz und schroff zeigen sie in den Himmel, als sich die C-160 ihren Weg hindurch bahnt.

Ebenso unwirklich erscheint der Blick senkrecht nach unten. Keine Spuren von Menschen, keine Häuser, keine Felder, keine Straßen, kein Garnichts. Nur tiefe Schluchten einer graubraunen Mondlandschaft, die zum Spielball der Natur geworden ist. Über Millionenjahre haben hier Erde, Wasser und Wind gegeneinander gekämpft. Der Wind scheint klarer Punktsieger – das Wasser ist fort, die Erde zermartert und ausgedorrt.

Erst wenn die Berge den Blick auf den Kessel von Kabul freigeben sind zaghafte, lehmbraune Ansätze menschlicher Zivilisation zu erkennen. Und das merken dann auch wieder die Passagiere im Rumpf der Transall – zuallererst ihr Magen. Denn der Anflug auf Kabul ist nichts für schwache Nerven. Wegen der Sicherheit drosselt der Pilot die Motoren und geht in den Steilflug. „Sarajevo-Methode“ nennen es die Fachleute, weil sich die Flugzeuge seinerzeit nur so gegen den Beschuss durch die Belagerer der bosnischen Hauptstadt schützen konnten. Hinten klammert sich alles fest, vorn rast die Erde immer näher. 4000 Meter. Vom Himmel ist aus den Fenstern der Kanzel nichts mehr zu sehen, so steil ist der Winkel. 3000 Meter. Mit jedem Moment offenbart die Stadt deutlicher, welche Narben die Kriege der vergangenen 30 Jahre ihr geschlagen haben, wie wenig verheilt ist. 2000 Meter. Die Landebahn taucht im Augenwinkel auf. 1000 Meter. Auf den Dächern der Häuser ist die aufgehängte Wäsche klar erkennbar. 500 Meter. Der Druck nimmt nochmals zu als der Pilot das Steuer zu sich heranführt und die Maschine langsam die Nase hebt. Erst kurz vor dem Boden kommt das Flugzeug in die Waagerechte – und setzt quietschend auf. (Von Peter Lausmann)

RZO