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Das Interview mit Theo Zwanziger im Wortlaut

Ist das Datum 11.11. 88 für Sie noch präsent oder ganz weit weg?

Das ist für mich im Wesentlichen kein wichtiges Datum mehr, wenngleich die Weichenstellungen von damals schon außergewöhnlich waren. Ich denke natürlich daran, dass die Partei, der ich nun auch schon lange angehöre, 1991 die Landtagswahl nicht mehr gewonnen hat. Diese Niederlage wurde oft nur mit dem Machtwechsel in der CDU erklärt. Aber dabei wurde übersehen, dass es massive bundespolitische Einflüsse gab. Ich empfinde es deshalb als ungerecht, dass der Verlust der Regierungsmehrheit allein Hans-Otto Wilhelm in die Schuhe geschoben wird. Denn diese Erklärung ist so jedenfalls falsch.

An welche Umfragen von damals erinnern Sie sich noch?

Sie waren Anfang 1991 exzellent. Die CDU stand gut da. Dann aber hat die Einführung des Solidarbeitrags bundesweit eingeschlagen. Danach gingen die Werte für die CDU bundesweit in den Keller. Die SPD hat massiv die „Steuerlüge“ plakatiert. Dies hat natürlich auch das Wählerverhalten in Rheinland-Pfalz beeinflusst und darf bei einer ehrlichen Betrachtung nicht vergessen werden. Ich glaube durchaus: Ohne diesen Gegenwind hätte die CDU mit der FDP weiterregieren können. In der bundespolitischen Gemengelage war die Landes-CDU aber durch den misslungenen Machtwechsel zusätzlich angreifbar.

Gehörten Sie zu den engen Vertrauten von Hans-Otto Wilhelm?

Ich gehörte nicht zum engen Dunstkreis von Hans-Otto Wilhelm. Ich kannte ihn aus meiner Zeit als Landtagsabgeordneter. Ich habe ihn als starken Fraktionsvorsitzenden geschätzt, dem ich auch die Führung des Landes einmal zugetraut hätte. Er hatte große Talente und Begabungen. Charakterlich gab es keine Probleme. Als damaliger Regierungspräsident war ich persönlich eigentlich Bernhard Vogel näher.

Wie hat sich die Stimmung hochgeschaukelt? Wie kam es eigentlich zu der Abwahl, die auch „Königsmord“ genannt wurde? Gab der Verlust der absoluten Mehrheit den Ausschlag?

Erste Anzeichen hatten sich ja schon Monate zuvor abgezeichnet, als Bernhard Vogel einen Generalsekretär installieren wollte und die Partei dies ablehnte. Der Norden war besonders auf Krawall gebürstet. In einer Partei, die nach vielen Jahren die absolute Mehrheit verliert, beginnt immer eine Phase der Unsicherheit. Das ist normal. Gleichzeitig bestand die Sorge, dass die CDU bei der nächsten Kommunalwahl 1989 weitere Verluste erleidet. Deshalb sahen alle Verantwortlichen Handlungsbedarf. Bernhard Vogel spürte, dass er der Partei entgegenkommen muss. Er wollte einen Generalsekretär berufen und der Partei signalisieren: Ich ziehe mich etwas zurück, damit ein Generalsekretär den Willen der Partei stärker artikulieren kann. Zu dieser Zeit kam ich ins Spiel: Ich sollte Kultusminister werden, wenn Georg Gölter zum Generalsekretär gewählt wird. Diese Überlegung konnte ich guten Gewissens mittragen, weil ich auch von einem Befreiungsschlag ausging. Aber dabei habe ich die Stimmung in der Partei, vor allem im Norden, unterschätzt. Die Geste kam hier nicht gut an, weil Vogel mit Gölter auch gleich eine regionale Entscheidung getroffen hatte und der Norden fürchtete, die Nachfolgeregelung werde gleich mitgetroffen.

Zwei Pfälzer waren dem Norden zu viel?

So kann man es sehen. Zunächst gab es zu dem Konstrukt aber keine Alternative. Kein anderer warf seinen Hut in den Ring – auch nicht der bedrängte Rudi Geil. Plötzlich entschied sich aber Hans-Otto Wilhelm für die Kandidatur als Landesvorsitzender. Im Norden war schnell klar: Es gibt eine starke Unterstützung für Wilhelm. Ich habe mir dann auch gesagt: Was soll eine Generalsekretärslösung, wenn es einen jungen Mann mit Perspektive gibt und gegen ihn kein anderer kandidiert? Für mich stand fest: Bei dieser Ausgangslage soll er zu einem Zeitpunkt, den Ministerpräsident Vogel festlegt, auch sein Nachfolger werden. Aber dieses Einvernehmen war einfach nicht herzustellen. Ich weiß dies sehr genau, weil ich auch mehrere Gespräche mit dem Ministerpräsidenten geführt habe. Er hat regelrecht blockiert. Er wollte die Kampfabstimmung dann auch.

Gab es eine starke persönliche Rivalität zwischen Vogel und Wilhelm?

Ja. Und die hatte ich in Koblenz zuvor auch nicht so sehr gespürt. Sie lehnten es dann auch ab, Kultusminister zu werten. Für Sie war die Entscheidung nicht ohne Risiko. Das war nur logisch: Ich konnte ja nicht als Delegierter gegen eine Generalsekretärslösung stimmen und für den Fall, das Vogel klar gewinnt, ins Kabinett gehen. Was dann aus mir geworden wäre, hätte der Ministerpräsident entscheiden müssen. Ich war einfach überzeugt, dass es im Interesse der Partei wichtiger war, ihr die Möglichkeit zu geben, einen neuen Vorsitzenden zu wählen als mit einem Generalsekretär halbe Sachen zu machen.

Was haben Sie daraus gelernt?

Solche Führungsfragen lassen sich nur einvernehmlich lösen. Parteitage, so demokratisch sie auch sind, überfordern das Volk. Beim DFB stand ich in einer ganz ähnlichen Situation. Die Erfahrungen von 1988 haben eine große Rolle bei der Frage gespielt, wie gehen Gerhard Meyer-Vorfelder und ich mit dieser Lage um? Ich hätte eine Kampfabstimmung gegen ihn vermutlich gewonnen. Die Mehrheiten waren auf meiner Seite. Aber ich weiß auch, dass der Tag danach ein ganz schwieriger geworden wäre. Aus meiner Sicht gibt es nur einen Punkt, den man an Hans-OttoWilhelm kritisieren kann und muss: Der Tag danach war nicht ausreichend vorbereitet und nicht in allen Facetten zuvor durchleuchtet worden.

Hans-Otto Wilhelm und Politiker aus dem Norden fühlten sich von Vogel erpresst, als er ankündigte, dass er im Fall der Abwahl als Ministerpräsident zurücktreten wird. Glaubte keiner, dass er es ernst meint? Beim Abschiedswort „Gott schütze Rheinland-Pfalz“ fühlten sich alle wie vom Donner gerührt. Gab es keinen Plan B?

Es hat zu dieser Zeit niemand gewollt, dass Vogel zurücktritt. Man hat diese Auswirkung, aber auch die Konsequenz danach nicht bedacht. Das war ein großer Fehler.

Hätte Wilhelm in dieser Lage den Durchmarsch wagen müssen?

Hans-Otto Wilhelm hätte natürlich auch das Amt des Ministerpräsidenten anstreben können. Er lehnte es ab, weil er glaubte, sein Wort halten zu müssen. Er hatte erklärt, dass er sich für das Amt des Parteivorsitzenden bewerben würde und nicht für das des Ministerpräsidenten. Ihm war das ernst. Er sagte: „Wenn ich jetzt Ministerpräsident werde, werde ich unglaubwürdig.“ Es ist für mich enttäuschend, dass die im Grunde saubere Haltung von Hans-Otto Wilhelm in der Partei und in der Öffentlichkeit so schlecht angekommen ist. Seine Entscheidung war menschlich und charakterlich anständig. Aus der negativen Reaktion müsste man ja den Schluss ziehen: Manchmal ist es besser, zu lügen. Dann kommst du weiter.

Wilhelm hatte die Ämtertrennung gefordert. Ist sie sinnvoll?

Sie kann es sein, aber sie ist kein Allheilmittel. Wenn sich nach einer langen Amtszeit abzeichnet, dass ein Regierungschef nur noch in eine Wahl geht, ist es klüger, die Ämter zu teilen und einen nahtlosen Übergang vorzubereiten. Als in Bayern plötzlich Franz-Josef Strauss starb, hat man sehr erfolgreich die Machtfülle geteilt. In solchen Situationen bietet sich diese Lösung an. Auch Christian Wulff zeigt heute schon in Niedersachsen, dass es so gehen kann. Ansonsten ist es schon wichtig, dass die beiden Ämter in einer Hand sind, um Reibungsverluste zu vermeiden. In Thüringen hat Vogel den reibungslosen Übergang organisiert. In Rheinland-Pfalz war er damals dagegen. Vermutlich wollte er Wilhelm nicht.

Hat es Vogel der CDU in Rheinland-Pfalz schwer gemacht?

Ich will dazu nicht viel sagen, vielleicht nur: Er hat es der Partei wirklich nicht leicht gemacht. Kurt Beck verhält sich bei aller Verärgerung, die in ihm stecken wird, unterm Strich loyal.

Laufen Regierungen, die lange an der Macht sind, immer Gefahr, sich zu zerschleißen oder die Bürgernähe zu verlieren?

Ja. Das ist menschlich. Jeder der Macht hat, muss an die denken, die keine haben. Man darf die Bodenständigkeit nicht verlieren. Das ist beim DFB nicht anders. Die Mitarbeiter, die im Umfeld der Männer-Nationalmannschaft tätig sind, dürfen nicht vergessen, dass das Leben des DFB nicht aus Millionären besteht, sondern auch aus vielen kleinen und gemeinnützigen Arbeitsfeldern,, für die man sich engagieren muss. Ein Leben im Umfeld von Millionären verändert einen Menschen. Nicht jeder hat so einen starken Charakter, dass er die Veränderungen bemerkt. Das gilt auch für die Politik, wenn die Grenzen zwischen Partei und Regierung über die Jahre fließend werden und sich Beziehungsgeflechte entwickeln. Der DFB muss sein Monopol auch immer von innen heraus rechtfertigen. Wir dürfen nie den Kontakt zu den einfachen Menschen und den 26.000 kleinen Vereinen verlieren. Auch die Politik muss immer basisbezogen arbeiten. Keiner darf die Pfründe seiner Macht zum Maßstab des Handelns machen. Eine Partei, die lange an der Macht ist, muss immer mehr für diese Bürgernähe tun. Kurt Beck hat dies immer gut im Griff gehabt. Aber auch für ihn wird die Lage schwieriger.

Auffallend in der CDU ist: Es gibt seit 1988 immer wieder neue Hoffnungsträger, aber auch immer wieder neue Lager. Warum?

Nach einer Wahlniederlage wie 1991 ist alles in Unordnung. Die Partei war nicht nur menschlich und inhaltlich, sondern auch regional tief zerrissen. Dann wird ein neuer Vorsitzender gesucht, der den Karren zieht. Wenn die Partei einem neuen Landesvorsitzenden alles aufgeladen hat, denkt sie, alles läuft wieder wie gewohnt weiter. Damit wird aber die Aufarbeitung des „Betriebsunfalls“ wieder verdrängt. In dieser unsicheren Situation wird dann schnell damit begonnen, die Führungsqualität des Neuen wieder in Zweifel zu ziehen. Mit Gerster hatte die CDU ihr Ergebnis 1996 wieder verbessert. Sie war dicht davor, wieder Regierungsverantwortung zu übernehmen. Aber sie hatte keinen Koalitionspartner mehr. Aber dann stellte sich die CDU nicht die Frage, wie sich diese Situation stabilisieren lässt. Es wurde gleich wieder nach einem neuen Spitzenkandidaten gerufen. Hinter jedem neuen Spitzenkandidaten stehen neue Erwartungen. Die Aufarbeitung beginnt wieder von Neuem. In Niedersachsen hat die CDU an Wulff festgehalten, obwohl er zwei Wahlen verloren hatte. Diese Geduld hatte die CDU in Rheinland-Pfalz nicht. Die Gründe kann ich nicht genau nennen, weil ich schon lange kein Parteiamt mehr habe.

Sie haben 1991 ihr Amt als Regierungspräsident verloren. Haben Sie deshalb Ihren heutigen Traumjob gefunden?

Ich hatte nie das Gefühl, dass ich unbedingt Politiker sein muss. Ich habe mit meiner beruflichen Ausbildung immer freiwillig oder in diesem Fall unfreiwillig neue Stationen gesucht. Ich brauche immer wieder neue Herausforderungen. Ich habe mich dann für die Anwaltskanzlei in Thüringen entschieden. Was ich an Eindrücken über die DDR und Wendezeit gewonnen habe, hilft mir bis heute, viele Dinge zu bewerten. Ich stand dann auch vor der Wahl: Entscheidest Du Dich für die Politik oder den Sport. Beide Varianten waren denkbar. Nach einem langen Gespräch mit Johannes Gerster habe ich mich für den Sport entschieden.

Und Ihre Lehre?

Wenn jemand wegen des Broterwerbs in der Politik bleiben muss und keinen anderen Beruf hat, bringt er sich in Abhängigkeit. Er muss auch eine Politik mitmachen, wenn sie ihm nicht gefällt. Außerdem können, wie Bayern zeigt, plötzlich Mandate in Serie weg krachen. Also: Immer darauf achten, auf eigenen Beinen zu stehen. Dies ist für Spitzenämter in Politik, Sport, Wirtschaft, ja in allen gesellschaftlichen Bereichen gleichermaßen wichtig.

Was halten Sie von Tandems? Das CDU-Tandem ist im Land 1991 gescheitert. Beim DFB waren Sie an einer Doppelspitze beteiligt.

In großen Verbänden und Organisationen, die stark in der Öffentlichkeit stehen, ist eine Doppelspitze immer riskant. Das mediale Erscheinungsbild läuft immer Gefahr, Konflikte zu schüren. Wenn zwei, die sich bestens verstehen, auf einem Foto in zwei Richtungen schauen, kann schon der Eindruck von Streit vermittelt werden. Das Erscheinungsbild lässt sich nur in einer überschaubaren Zeit halten. Unser Tandem funktionierte aus mehreren Gründen: Mayer-Vorfelder und ich konnten uns die Zerreißprobe einer Kampfkandidatur ersparen. Außerdem hatten wir ein wirklich gutes Verhältnis und eine überschaubare Zeit von zwei Jahren, die noch von der WM überlagert wurde. Wir hatten mit klugem Vorgehen die Chance, den medialen Abnutzungsprozess in Grenzen zu halten. Das funktionierte aber nur, weil wir die Verantwortlichkeiten auch scharf abgegrenzt hatten. Wenn zwei für dasselbe verantwortlich sind, ist ein Scheitern programmiert.

Ihnen macht Ihr Traumjob sichtlich Spaß. Bereuen Sie es schon, dass der DFB für Spitzenpositionen eine Altersgrenze von 70 Jahren eingeführt hat?

Generell sind Altersgrenzen in ehrenamtlichen Funktionen nicht notwendig. Es gibt Bereiche, da muss man froh sein, dass sich jemand möglichst lange engagiert. Aber für das Amt des DFB-Präsidenten oder einen anderen Vorstandssitz muss niemand händeringend gesucht werden. Sicher, ich hätte lieber eine Amtszeitbegrenzung gesehen. Aber dies wollte die Liga nicht. Ich war beim DFB-Bundestag auch völlig überrascht, dass der Antrag eine Mehrheit bekam. Aber viele junge Delegierte sahen ihre Chance. Weil wir sehr gute Leute haben, die sich einem Auswahlverfahren stellen, kann ich mit der Entscheidung sehr gut leben. Meine Erwartungen reichen ohnehin nicht länger. Für den einen oder anderen Kollegen war es sicher schmerzlich, schon ausscheiden zu müssen. Aber die Nachfolger sind qualitativ ebenfalls sehr stark. Insofern erlebt der DFB eine Innovation, die in der Zukunft weiterhilft. Ich bin nicht unglücklich, auch wenn die Entscheidung dem einen oder anderen wehgetan hat. Aber wir verlieren sie ja auch nicht ganz: Wir haben Stiftungen, in denen wir angemessen Dankeschön sagen können. (Das Gespräch führte Ursula Samary)

RZO