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Der Verlierer blieb alleine zurück

Koblenz Aus unserem Archiv haben wir die Reportage vom CDU-Parteitag am 11.11.88 geholt und für unsere Leser ins Internet transferiert. Der RZ-Reporter beschreibt Wilhelms Triumph und Vogels Sturz aus aus erster Hand:

Bernhard Vogel war einer der ersten , die es erfuhren: das für ihn niederschmetternde Wahlergebnis. Mit versteinerter Miene nahm er die geflüsterte Botschaft zur Kenntnis, griff in die Innentasche seines Jacketts und holte zwei Blätter heraus. Eines, das mit I gekennzeichnete, steckte er gleich wieder weg. Für ihn war nun die Nummer II nötig, die handschriftlich niedergelegte Reaktion auf eine Enttäuschung, die er so tief nicht erwartet hatte. Dabei sah es bis zum Wahlgang noch nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen aus.

"Der Ausgang der Wahl ist völlig offen", "Es wird ein knappes Ergebnis", waren die einzigen Prognosen, die zu Beginn des Parteitages von den Delegierten zu haben waren. Die meisten machten den Eindruck, sich festgelegt zu haben, aber das Foyer und der große Saal barsten vor Spannung. In Grüppchen und Gruppen wurde heiß diskutiert und heftig gestikuliert; die Hardliner jeder Seite bemühten sich eifrig um jede Stimme.

Und die Hochrechner , die Meinungsforscher fragten sich durch und überarbeiteten ständig ihre Vorhersagen. Aber ein klares Bild konnten auch sie nicht entwerfen, denn selbst die Kreisvorsitzenden wollten für die einhellige Meinung ihrer Leute die Hand nicht ins Feuer legen. Sie verstiegen sich lieber darauf, Anteile bekanntzugeben: "ein Drittel, zwei Drittel" oder "Fifty-Fifty".

Aus den Gesprächskreisen drangen nur Gesprächsfetzen der Eiferer nach draußen: "Aber nicht so im Hauruck-Verfahren", "Wenigstens warten bis nach der Kommunalwahl", "Wir las-sen uns doch nicht erpressen". Es schwirrte und summte in der Rhein-Mosel-Halle. Aber die beiden Hauptpersonen versuchten, den Eindruck zu erwecken, als nähmen sie die Aufregung nicht wahr. Bernhard Vogel strahlte wie immer, gab sich souverän und ruhig. Und Hans-Otto Wilhelm winkte jenen, derer er sich sicher wähnte, das Siegeszeichen zu und hielt den Kameras ein goldiges Glücksschweinchen entgegen.

Dann die beiden Reden. Vogel zieht eine Bilanz der guten Taten, rückt sich und die Landes-CDU ins rechte Licht, verweist auf Erfolge – und da sagten die Kritiker, die Partei werde nur verwaltet. Und Wilhelm? Der Herausforderer trumpft auf, greift an, packt: "Handeln statt reden", "das ist kein Absägen, kein Staatsstreich", "die Partei aus den Fesseln der Koalition und dem Schatten der Regierung herausführen". Das kommt an. Nach Dezibel gemessen hätte er den Sieg in der Tasche.

Aber nach Applaus geht es nicht. Ringsum warten die zehn Wahlkabinen; hier fällt die Entscheidung. Um 19 Uhr werden die Delegierten in den Saal gebeten, den sie während der Berichte verlassen hatten. Kaum eine halbe Stunde dauert der Wahlgang; die Auszählung beginnt und immer häufiger ist zu hören: "Er (Vogel) kippt".

"Er" kommt kurz nach 19.30 Uhr zurück in den großen Saal, der einem Hexenkessel gleicht. So hektisch wird überall diskutiert, so laut werden die Folgen dieses oder jenes Ergebnisses in den Raum gestellt. Nur Bernhard Vogel beteiligt sich nicht. Schon zu diesem Zeitpunkt, als die Zählkommission dabei war, die Überraschung zu ahnen, scheint er isoliert. An den leeren Pressetischen be-spricht er sich mit Heiner Geißler, dann geht er zu seinem Delegiertenplatz. Schweiß steht ihm auf der Stirn, er verschränkt die Arme vor der Brust, stützt sein Kinn in die Faust, nimmt sich den Kugelschreiber, greift zur Tasse, rückt ein Glas zurecht, ordnet die Unterlagen, zieht sich die Krawatte gerade, schaut auf die Uhr.

Um 19.48 Uhr geht ein Raunen durch die Reihen der Delegierten, Bernhard Vogel hört es von den Journalisten, die ihn umringen. Unterdessen hat der Herausforderer etliche Inter-views hinter sich gebracht und ist an den Mainzer Tisch zurückgekehrt. Es dauert noch einige Zeit, bis das Ergebnis herumgeflüstert wird: Vogel hat verloren. Auch der Betroffene hört es, er sucht seine Rücktrittsrede. Das Präsidium scheint ratlos zögert noch, das Ergebnis bekanntzugeben. Dann wird’s offiziell.

Tosender Beifall. Nun lassen auch die letzten Journalisten den Verlierer allein, drängen sich um Wilhelm. Das "Ja" auf die Frage, ob er das Amt annimmt, sagt er in ein Rundfunk-Mikrofon. Händerecken, keiner sitzt mehr, jeder will gratulieren. Bernhard Vogel bleibt zurück. Bleich, mit starrer Miene, abwesend. Wilhelm bietet ihm die "Hand zur Versöhnung" – eingefleischte Vogel-Anhänger pfeifen, rufen Buh; aber das Missfallen geht unter im Applaus. Dann geht Vogel zur Bühne, energisch, entschlossen. Tritt zurück, tritt ab, verlässt den Saal.

RZO