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Wilhelm gewann das Duell gegen Vogel mit satter Mehrheit

Rheinland-Pfalz Auf den Tag genau vor 20 Jahren stürzte die rheinland-pfälzische CDU ihren Landesvorsitzenden Bernhard Vogel.

Nach dem verlorenen Duell mit Herausforderer Hans-Otto Wilhelm kündigte Vogel sofort tief enttäuscht auch den Rücktritt als Regierungschef an. Wir blicken auf den dramatischen Abend in Koblenz zurück.

Koblenz ist ein glattes Pflaster für CDU-Spitzenpolitiker. 1966 hat hier Helmut Kohl den Ministerpräsidenten Peter Altmeier von der Spitze der Landespartei verdrängt. 1974 will Kohl als Bundesvorsitzender die Landes-CDU hier Heiner Geißler übergeben. Doch der volksnahe Sozialminister verliert gegen den feinsinnigen Kultusminister Bernhard Vogel – zur Freude Altmeiers. Der 11. November 1988 soll noch spannender werden: In der Koblenzer Rhein-Mosel-Halle warten 250 Journalisten auf das Duell zwischen Ministerpräsident Bernhard Vogel und Umweltminister Hans-Otto Wilhelm.

Bei der Fahrt zum 35. Landesparteitag hat Vogel für sich keinen schwarzen Freitag vor Augen. Sicher: Die Partei murrt nach dem Verlust der absoluten Mehrheit wie nie zuvor. Aber er ist sich sicher, dass er den Kampf um den Landesvorsitz gewinnt. Kritik, so erinnern sich Wilhelm-Anhänger, ist an ihm ohnehin teflonartig abgeperlt. Als er kurz vor dem Parteitag gefragt wird, ob er Wilhelms Kandidatur als Kritik der Basis empfindet, fragt er nur zurück: „Kritik? Ich weiß nicht, worin sie besteht“, zitiert ihn der „Spiegel“. Vogel fühlt sich eben fest im Sattel – bestärkt von CDU-Chef Helmut Kohl, JU-Bundesvorsitzendem Christoph Böhr, drei Bezirksfürsten sowie seinen Beliebtheitswerten in Umfragen.

Die in Aufruhr geratene Partei will er mit einem Generalsekretär befrieden. Seine Wahl ist auf Georg Gölter gefallen. Andere haben abgesagt. „Lieber werde ich Marketenderin bei der Ranzengarde“, wird der damals populäre Innenpolitiker Johannes Gerster (Mainz) zitiert. Mit dem Pfälzer Gölter hat Vogel die CDU-Basis im Norden aber erst richtig in Rage gebracht – nicht nur den damaligen Regierungspräsident Theo Zwanziger, Landtagspräsident Heinz-Peter Volkert oder das Urgestein Heinz Schwarz. Der damalige Innenminister Rudi Geil (Lahnstein), den die Nord-CDU gern gegen Gölter positioniert hätte, ist hin und her gerissen.

Vogel will im November 1988 nicht glauben, dass die CDU nach 41-jähriger Herrschaft verbraucht wirkt und die FDP deshalb mit dem Slogan vom „frischen Wind“ ins Kabinett eingezogen ist. Die Basis rechnet aber ab, weil sie die deftige Quittung für stark gestiegene Kindergartenbeiträge oder gekürzte Pflege-Zuschüsse bekommen hat. Und sie befürchtet neue Verluste bei nahenden Kommunalwahl, zumal die FDP die Urwahl durchgesetzt hat.

Die Duellanten könnten an jenem 11. November nicht unterschiedlicher sein. Wilhelm hat sich ohne Abitur vom ZDF-Verwaltungsangestellten an die Fraktionsspitze hochgeboxt. Mit seinem Temperament und Talent wird er zum Stachel: Er läuft, wie die „Zeit“ konstatiert, mit seinen Initiativen dem „ziemlich behäbig regierenden Kabinett den Rang ab“. Vogel, „der alles zehnmal überlegt“, steht ein forscher Herausforderer gegenüber, „der den Eindruck zu erwecken versteht, dass er dass Kind schon schaukeln werde“, so die „Zeit“. Die Kabinettsräson hält Wilhelm nicht davon ab, die CDU „aus dem Schatten der Regierung führen“ zu wollen. Seine Kampfansage an Vogel: „Die Partei muss geführt, nicht verwaltet werden.“ Als Vogel mit seinem Rücktritt als Ministerpräsident droht, feixt der Mainzer: „Der hat meine Kandidatur wohl als Majestätsbeleidigung aufgefasst.“

Auch Kohls Eintreten für Vogel hat Wilhelm nicht beeindruckt. Dessen Favoriten hätten schließlich immer verloren – Geißler bei der Kandidatur für den Landesvorsitz, Finanzminister Johann Wilhelm Gaddum, den Kohl als Ministerpräsidenten haben wollte. Als in Koblenz dann abends die Fetzen fliegen, ist Kohl, der zu dieser Zeit mit Autoritätsverfall zu kämpfen hat, im Stammland lieber nicht dabei. Trotzdem steht er, so der „Spiegel“, letztlich „ähnlich gerupft“ da. Generalsekretär Geißler erlebt dafür einen Tag „wie aus dem Tollhaus“. Für Schwarz ist der Tag „gut für die CDU, weil er Lebendigkeit zeigt“. Das ist die Redeschlacht wahrlich. Das Junktim „Landesvorsitz oder Rücktritt“ muss weg, fordert Volkert. Delegierte raunen.

„Egal wer – Hauptsache, der Vogel ist weg.“ Geißler warnt: Wer Vogel das Parteiamt nimmt, „hackt dem Ministerpräsident die Beine ab“ Zwanziger hält dagegen, weil die Partei „zu vieles mit der Faust in der Tasche nachvollziehen“ musste. Gölter appelliert, dass Vogel in der Koalition höchstmögliche Autorität braucht. Vogel übernimmt „volle Verantwortung“ für die Wahlschlappe von 1987 und ruft in den Saal: „Man kann nicht gemeinsam mit mir marschieren und mir vorher den Boden unter den Füßen wegziehen.“ Die Rhein-Mosel-Halle gleicht einem Hexenkessel, als das Ergebnis durchgeflüstert wird. Das Präsidium wirkt ratlos. Um 19.53 Uhr muss es die Sensation verkünden: 258 Stimmen für Wilhelm, 189 für Vogel. Das ist der Sturz! Wilhelm reißt unter Jubel die Arme hoch, genießt die Siegerpose, reicht dann die „Hand zur Versöhnung“. Das Pfeifen von Vogels Umfeld geht im Applaus unter, schreibt unsere Zeitung.

Vogel kauert, in sich zusammengesackt, bleich unter Delegierten. Mit versteinerter Miene greift er zu zwei Blättern im Jacket. Bleich steckt er das mit „I“ gekennzeichnete weg. Die Nummer II ist fällig, die handschriftliche Reaktion auf seine große Enttäuschung. Der Pfälzer geht zur Bühne und erklärt: „Ich stehe zu meinem Wort. Ich habe Ihr Vertrauen nicht gefunden. Ich werde die Konsequenzen ziehen.“ Mit dem Abschied „Gott schütze Rheinland-Pfalz“ stürmt er aus dem Saal. Daheim in Speyer füllt sich später sein Haus – „wie nach einer Beerdigung“, wie er heute sagt. In Koblenz herrscht nach dem Jubel ebenfalls Katerstimmung: Für den Tag danach liegt kein Plan B bereit. Wilhelm scheut den Wortbruch, will nach dem Kampf um Ämtertrennung nicht Ministerpräsident werden. Das Amt übernimmt Ex-Finanzminister Carl-Ludwig Wagner – mit wenig Fortune. (Ursula Samary)

RZO