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Stottern - Wenn die Wörter stecken bleiben

Berlin Anja Herde stottert, seit sie vier Jahre alt ist. «Am Telefon ist es schlimmer», entschuldigt sich die 25-Jährige.

«Da bleibe ich zurzeit besonders bei den Vokalen und den Konsonanten hängen.».

Wenn das passiert, dann hält Anja inne, lacht kurz - und beginnt den Satz noch mal von vorn. «Früher war das anders», erzählt sie. Da hat sie meistens einfach nichts gesagt. In der Grundschule, weil die anderen Kinder sie auslachten, wenn sie den Mund aufmachte. Auf der Realschule, weil sie sich schämte, wenn sie so herumstammelte und ihr die Wörter im Halse steckenblieben. «Ich habe mich total zurückgezogen damals», sagt sie zum internationalen Tag des Stotterns (22. Oktober).

Mit dem Problem von Anja Herdes haben nach Angaben der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe (BVSS) gut ein Prozent der Erwachsenen in Deutschland zu kämpfen. Den Fachleuten ist es wichtig zu betonen, dass Stottern meist keine psychischen Ursachen hat.

«Etwa 90 Prozent der Menschen gehen allerdings davon aus», sagt Silke Mortsiefer, Sprachtherapeutin in Köln. Wer stottert, ist für viele gleichzeitig schüchtern, ängstlich, zurückgeblieben - und irgendwie seltsam. «Davon kann jedoch keine Rede sein», betont Mortsiefer. «Stottern ist eine anerkannte Sprachbehinderung, also eine Krankheit.»

Experten gehen davon aus, dass bestimmte Muskelsysteme beim Stottern nicht mehr zusammenarbeiten. Stattdessen werden sie gleichzeitig aktiviert. Und zwar so, dass sie gegeneinander arbeiten. Wann es zum Stottermoment kommt, ist bei jedem unterschiedlich. Manche Leute stottern bei jeder Silbe, andere nur bei bestimmten Wörtern oder in Stress-Situationen. Der Redefluss wird dann von Blockaden, Wiederholungen von Wortteilen («h-h-h-hart») oder Dehnungen («MMMMilch») unterbrochen. Weil das Sprechen dadurch anstrengend wird, verkrampft sich häufig die Gesichtsmuskulatur, Kopf, Arme und Oberkörper zucken beim Reden.

Warum Menschen plötzlich anfangen zu stottern, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt. «Es gibt nicht die eine anerkannte Ursache», sagt Mortsiefer. Als sicher gelte, dass die Redeflussstörung vererbt werden kann. In der Familie von Anja Herde etwa stottern auch ihr Vater und ihre beiden Onkel.

Fest steht auch, dass Stottern schon im frühen Kindesalter beginnt. Rund fünf Prozent aller Kinder stottern, heißt es bei der Bundesvereinigung. 75 Prozent verlieren es jedoch wieder, bis sie in die Pubertät kommen. «Für die anderen ist es wichtig, dass ihre Behinderung früh genug erkannt wird», sagt Mortsiefer. Denn nur dann könne verhindert werden, dass sich die «Sprachunflüssigkeiten» nicht zum chronischen und lebenslangen Stottern ausweiten.

Therapien gibt es viele. «Seriös sind aber nur die, die keine absolute Heilung versprechen», weiß Mortsiefer. Denn als Erwachsener werde man das Stottern nicht mehr los. «Es gibt keine wissenschaftlichen Untersuchungen, die das Gegenteil belegen. Man muss das Stottern annehmen und damit leben.»

Anja Herde hat das geschafft. Sie ist heute eine selbstbewusste Frau, die gerne spricht - auch wenn sie dabei immer noch an ihre Grenzen stößt. Gerade hat sie ihr BWL-Studium abgeschlossen. Für ein Unternehmen betreut sie jetzt eine Internet-Plattform zum Thema Gesundheit.

Auch dank einer Selbsthilfegruppe hat sie ihre Sprachhemmungen überwunden. Seit vier Jahren ist Anja Herde dort aktiv, seit zwei Jahren als Vorsitzende. Wichtig ist ihr, die Menschen beim Umgang mit Stotterern zu sensibilisieren. «Ich mag es nicht, wenn die Leute einfach meine Sätze beenden. Ich weiß doch, was ich sagen will. Es dauert einfach nur länger.»

Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe: www.bvss.de Welttag des Stotterns Unter Stottern leiden und litten viele Menschen - selbst Stars wie Marilyn Monroe, Winston Churchill oder Bruce Willis. Der Welttag des Stotterns soll auf die Probleme der Menschen mit Redeflussstörung aufmerksam machen. Unter dem Motto «Keine Angst vorm Stottern!» weist die Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe in diesem Jahr auf die Notwendigkeit von Tests bei Kindern hin. Rund 800 000 Menschen in Deutschland stottern, unter ihnen sind 130 000 Kinder. Der Tag wird seit 1998 von Betroffenenverbänden und Fachleuten organisiert. Stottern lässt sich nicht auf eine einzige Ursache zurückführen. Es hat meist organische und psychische Gründe. Von Silke Katenkamp, dpa

dpa-infocom


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