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Analyse: Lycos verbrannte hunderte Millionen Euro

Gütersloh Es hätte eine der großen Erfolgsgeschichten der New Economy werden sollen.

Als Bertelsmann-Erbe Christoph Mohn mit nur 32 Jahren den Europa-Ableger der US-Internetfirma Lycos (griechisch für Wolf) gründete, stand ihm das Tor zur großen weiten Welt des Internets sperrangelweit offen.

Lycos Europe spielte bald in der ersten Liga der Suchmaschinen und Portale, wuchs sogar zum meistbesuchten Internetportal in Europa heran - aber verdiente nie Geld. Elf Jahre nach der Gründung und acht Jahre nach dem millionenschweren Goldregen des Börsengangs muss Christoph Mohn die Reißlinie ziehen.

Die ertragsstärkeren Teile von Lycos Europe werden verkauft, sofern ein angemessener Preis erzielt werden kann. Der Rest wird abgewickelt, gaben Vorstand und Aufsichtsrat am Mittwoch bekannt. Mindestens 500 der 700 Mitarbeiter verlieren ihren Job. Am Mittwoch verkündete Christoph Mohn die traurige Botschaft in einer Belegschaftsversammlung seinen Leuten, mit vielen ist er per Du. Die Aktionäre - darunter hauptsächlich unterschiedliche Beteiligungen des Bertelsmann-Konzerns, der spanische Telekommunikationskonzern Telefónica sowie Mohn selbst - erhalten noch im Dezember eine Ausschüttung von 50 Millionen Euro.

641 Millionen Euro hatte der Börsengang aus dem Jahr 2000 in die Kassen von Lycos Europe, offiziell im niederländischen Haarlem zu Hause, gespült. Jahr für Jahr gingen Millionen um Millionen wieder verloren. Allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres sammelten sich Nettoverluste von 17,1 Millionen Euro an. Am eigentlichen Firmensitz in Gütersloh fragten sich viele nicht ohne eine gewisse Häme, wie lange Christoph Mohn wohl noch Geld verbrennen dürfe.

Was der heute 43-jährige Sohn des Bertelsmann-Patriarchen Reinhard Mohn und seiner zweiten Frau Liz auch anfasste - der Erfolg wollte sich nicht einstellen. Lediglich mit dem geschickten Handel mit billig eingekauften und teurer verkauften Auslandsgeschäften konnte er die Aktionäre halbwegs beruhigen. Auf diese Weise stand zumindest im Jahr 2007 - trotz massiver operativer Verluste - auch ein Nettogewinn in der Lycos-Bilanz.

Christoph Mohn, der in Gütersloh als ein ausgesprochen umgänglicher, bescheidener und vor allem kollegialer Mensch gilt, hatte als Vorstandschef von Lycos Europe möglicherweise nie eine echte Chance - trotz der vielen Millionen aus dem Börsengang. Lycos Europe war als Vertriebsfirma der US-Mutter Lycos Inc. gegründet worden. Als sich die Amerikaner von ihrem Europa-Ableger ab dem Jahr 2001 abwandten, stand dieser ohne neue Produkte da. Und das in einer Zeit, in der US-Gigant Google gerade aufs Gaspedal drückte und die Konkurrenten reihenweise staunend stehen ließ.

Mohn nahm den Kampf dennoch auf und wehrte sich nach Kräften, machte dabei aber nicht immer die glücklichste Figur. Häufig wechselte er die Strategie, mit der er glaubte, aus den roten Zahlen rudern zu können. Mal war es das Portalgeschäft, mal die Internationalisierung, mal war es der Handel mit Domains, dann wieder das Internetshopping, das den Erfolg bringen sollte. Der spanische Anteilseigner Telefónica, weniger geduldig als der von Mohns Eltern dominierte Bertelsmann-Konzern, schlug im Sommer dieses Jahres ungewöhnlich lautstark auf den Tisch. Die Gesellschafter zerrten den eigenen Vorstand in Amsterdam vor Gericht, um dessen Geschäftsgebaren überprüfen zu lassen. Das Verfahren schwebt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar: Der Wolf hatte die Wackersteine schon im Bauch. Von Michael Donhauser, dpa

dpa-infocom


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