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Diskussionen über Selbstmord im Web

Hamburg Über seine Zweifel am Sinn des Lebens wollte Abraham Biggs mit niemandem von Angesicht zu Angesicht reden.

Doch anonym, als «CandyJunkie», schrieb er sich in einem Internet-Forum den Frust von der Seele.

Die Community sei «wie eine Familie» , meinte er einmal. Als der depressive 19-Jährige vor einer laufenden Webcam einen tödlichen Medikamenten-Cocktail nahm, ließen ihn die virtuellen Angehörigen allerdings im Stich. Einige der mehr als 180 Selbstmord- Zeugen im Netz feuerten ihn an, andere taten gar nichts. Erst Stunden später rief jemand die Polizei. Zu spät.

Der Tod des Jugendlichen aus Florida in der vergangenen Woche erschüttert die Web-Gemeinde. Und er macht wieder einmal deutlich, wie zwiespältig die grenzenlose und oft anonyme Kommunikation im Internet für Menschen sein kann, die sich das Leben nehmen wollen und psychologische Hilfe nötig hätten. Sie stoßen auf Sensationsgier und Zynismus, aber auch Trost und Beratung - je nachdem, wo sie suchen.

Der aktuelle Fall zeigt vor allem die düsteren Seiten. Als der psychisch kranke Jugendliche im Forum der Fitness-Website BodyBuilding.com ankündigte, mit welchen Medikamenten er sich töten wolle, nahmen ihn die Moderatoren angesichts früherer Drohungen nicht mehr ernst. Ebenso wenig reagierten die Besucher des Portals Justin.tv - dort können Nutzer per Webcam live aus ihrem Leben berichten. Als Biggs regungslos auf seinem Bett lag, gaben einige noch per Chat zynische Kommentare ab. Andere hielten das ganze für einen Scherz. Unklar ist auch, warum der Portal-Betreiber die Übertragung nicht stoppte.

Der Fall des Abraham Biggs ist spektakulär, aber nicht typisch. Denn häufiger bleiben die Verzweifelten unter sich, statt ein großes Publikum zu suchen. Treffpunkt sind sogenannte Selbstmordforen: Dort stellen die Nutzer ihre Lebensgeschichten oder selbstgedichtete Lyrik online, diskutieren über Gott und Psychotherapie - oder auch über Methoden der Selbsttötung. Rund 100 derartige deutschsprachige Angebote zählt die Kontrollstelle jugendschutz.net, etliche davon mit geschlossenem Nutzerkreis. Deutlich mehr gibt es auf Englisch.

Zynismus, wie er Abraham Biggs entgegengeschlagen ist, findet man auch in deutschen Foren. «In einigen hässlichen Angeboten fordern Nutzer andere zum gemeinsamen Suizid auf oder geben konkrete Ratschläge zu Methoden», sagt Prof. Ulrich Hegerl, Direktor der psychiatrischen Klinik der Universität Leipzig. Problematisch sei auch, dass viele Foren-Teilnehmer die notwendige professionelle Hilfe ablehnten: «90 Prozent aller Suizide gehen auf psychiatrische Erkrankungen zurück.»

Andererseits können die Foren auch eine Stütze sein. Die Kölner Psychotherapeutin Dr. Christiane Eichenberg befragte 2003 etwa 160 Teilnehmer eines Forums mehrfach zu ihrer Selbsteinschätzung. Ergebnis: Dank des guten Gruppenklimas sank bei vielen die Neigung zum Suizid. «Wichtig ist, dass Suizid nicht als Problemlösung dargestellt wird und die Betreiber Hinweise auf therapeutische Krisenangebote geben», sagt die Therapeutin. Auch das Kompetenznetz Depression nutzt das Web und bietet ein von Fachleuten moderiertes Forum als niedrigschwelliges Angebot an.

Komplett verbieten lassen sich die Diskussionen nicht. Doch die zentrale Kontrollstelle der Bundesländer, jugendschutz.net, will zumindest Teenager vor drastischen Inhalten schützen. Selbstmord darf weder als alleinige Lösung eines Problems verherrlicht werden, noch sollen Teilnehmer andere darin bestärken, sich das Leben zu nehmen. Erst recht jugendgefährdend und damit verboten sind konkrete Anleitungen. «Wer auf ein problematisches Forum stößt, sollte uns dies melden», sagt jugendschutz.net-Chef Friedemann Schindler. «Wir haben gute Möglichkeiten, gegen unzulässige Angebote vorzugehen.» So könnte von den Betreibern verlangt werden, jugendgefährdende Inhalte zu sperren. Im Ausland gelten deutsche Gesetze natürlich nicht, doch auch dort seien Internet-Anbieter oft kooperativ, sagt Schindler.

Schindlers Portal will künftig auch mehr aufklären. «Die Nutzer müssen wissen, dass man Probleme bei uns oder in akuten Fällen bei der Polizei melden kann.» Hätte nur einer der Gaffer im Fall Abraham Biggs beherzt reagiert, würde der Teenager vielleicht noch leben.Von Christof Kerkmann, dpa

dpa-infocom


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