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Sprachliche Hürden: Medizin als kulturelle Brücke

Detmold/Hannover Fühlt er sich nicht gut, geht der Patient zum Arzt.

Idealerweise erkennt der das Problem sofort, stellt die Diagnose und schlägt eine Therapie vor.

«Solche unkomplizierten Situationen gibt es aber kaum», sagt der Kinder- und Jugendarzt Fikret Çerçi aus Detmold. Vor allem, wenn Patient und Arzt keine gemeinsame Sprache sprechen, kommt es schnell zu Missverständnissen und Unzufriedenheit auf beiden Seiten. «Diagnosen zu stellen, ist sehr schwierig, wenn der Patient sein Problem nicht genau schildern kann.»

Allerdings dürfe der Arzt Migranten auch nicht generell als «Problem-Patienten» abstempeln, sagt Çerçi. «Viele Migranten können perfekt Deutsch, zum Beispiel, wenn sie schon in der zweiten Generation hier aufwachsen.» Und die, die nicht perfekt Deutsch sprechen, können sich oft trotzdem verständlich machen: «Es gibt ja auch noch die Körpersprache.»

Manchmal hilft aber auch das nicht. Denn das Verständigungsproblem entsteht nicht nur durch sprachliche Barrieren, sagt Ramazan Salman vom Ethno-Medizinischen Zentrum in Hannover. «Viel wichtiger ist: Wie verstehen Menschen aus allen Ländern verschiedene Arten von Krankheiten und wie heilen sie diese?» Wichtig sei beispielsweise, ob der Patient aus einer Kollektivgesellschaft kommt oder sich eher als Einzelkämpfer betrachtet - ob er also bei der Heilung stark von seinem Umfeld unterstützt wird oder nicht.

Wenn also beispielsweise eine Diät, die aufgrund einer Krankheit verordnet wird, nicht anschlägt, könnte der kulturelle Hintergrund das erklären. «Nach einiger Zeit stellte sich heraus, dass es bei dem Patienten ein Familienoberhaupt gab, das nichts von der Diät wusste», erzählt Salman. Nachdem diese Person kontaktiert worden war, hielt der Patient die Diät erfolgreich ein. In manchen Kulturkreisen gehe das eben nur auf Anweisung eines bestimmten Familienmitgliedes.

Damit Zuwanderer besser mit dem hiesigen Gesundheitssystem zurecht kommen, gibt es Initiativen wie das Gesundheitsprojekt «MIT Migranten FÜR Migranten» des Ethno-Medizinischen Zentrums. Ziel ist es, Wissen über das deutsche Gesundheitssystem zu vermitteln. Gut integrierte Migranten werden dafür zu «Mediatoren» geschult. Dabei geht es laut Salman zum Beispiel um Früherkennungsuntersuchungen und die Strukturen des Gesundheitswesens. Ihr Wissen geben diese Lotsen dann bei Informationsveranstaltungen an ihre Landsleute weiter. Inzwischen existiert das Projekt bundesweit bereits an 36 Standorten.

«Es gibt auch einen Dolmetscher-Dienst für den medizinischen Bereich», erläutert Salman. Hier lassen sich neben speziellen Vokabeln auch Hintergründe zu einzelnen Ländern erfragen. Krankenhäuser und Arztpraxen können die Dolmetscher spontan anrufen. «So kommen Ärzte nicht in die Situation, dass sie Angehörige der Patienten bitten müssen zu übersetzen - denn das kann je nach Krankheit sehr belastend sein», sagt Michael Knipper vom Fachbereich Humanmedizin an der Universität Gießen.

Überhaupt ließen sich viele Fehler vermeiden, wenn die Behandlung von Migranten-Medizin schon in der Ausbildung angehender Ärzte ein Thema wäre - wie es in Gießen der Fall ist. «Ziel ist es, die Sensibilität der Studenten für die spezielle Situationen zu schulen, wenn Arzt und Patient Verständigungsprobleme haben», sagt Knipper. Vermittelt werden Informationen etwa über arabische oder afrikanische Länder und die Türkei - unter anderem wird dabei das Verständnis von Krankheit thematisiert. In einem praktischen Teil werden Patienten eingeladen, um Probleme so direkt sichtbar zu machen.

«Am wichtigsten ist, dass Stereotypen über Migranten abgebaut werden», sagt Kinderarzt Çerçi. Jeder Patient sei ein Individuum und der kulturelle Hintergrund dabei stets wichtig. Laut Salman ist das auch eine Chance: «Gesundheit interessiert jeden, mehr als Reichtum.»

Literatur: Fikret Çerçi: Wörterbuch für Gesundheitsberufe. Deutsch-Türkisch, Türkisch-Deutsch, Thieme, ISBN-13: 978-3-131-48361-4, 34,95 Euro

Gesundheitsprojekt «MIT Migranten FÜR Migranten»: www.ethno-medizinisches-zentrum.de/index-aktivitaeten-MiMi.html Von Janne Terfrüchte, dpa

dpa-infocom


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