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Stunde der Wahrheit für mutmaßlichen Kofferbomber

Düsseldorf - Nach fast einem Jahr soll im Düsseldorfer Kofferbomber-Prozess am morgigen Dienstag das Urteil verkündet werden.

Dann schlägt für den mutmaßlichen «Kofferbomber» Youssef El H. am 60. Verhandlungstag die Stunde der Wahrheit.

Im Düsseldorfer Oberlandesgericht wurden 76 Zeugen gehört, das Verfahren füllt 190 Aktenordner. Trotz der akribischen Aufarbeitung wird die Beweislage von Anklägern und Verteidigern völlig entgegengesetzt bewertet.

Die Bundesanwaltschaft sieht es als erwiesen an, dass der 24- jährige Libanese bis zu 70 Menschen ermorden wollte, als er mit seinem Komplizen Jihad H. am 31. Juli 2006 im Kölner Hauptbahnhof zwei Koffer mit Bomben in zwei Regionalzügen deponierte. Das Motiv sei der Abdruck der Mohammed-Karikaturen in deutschen Tageszeitungen gewesen. «Deutschland hat einem islamistischen Anschlag nie näher gestanden», sagte Anklägerin Duscha Gmel - und beantragte die Höchststrafe: lebenslange Haft. Die Beweislast sei «geradezu erdrückend». Nur ein Konstruktionsfehler habe das Blutbad verhindert.

Ganz anders die Verteidiger: Sie konzentrierten sich in ihrer Strategie auf den Fakt, dass die Zünder der Sprengsätze zwar klickten und durchzündeten, die verheerenden Feuerwalzen in den Großraumabteilen aber ausblieben. Dies sei Absicht gewesen, man habe es sich schlicht anders überlegt und es bei einer Warnung an die deutsche Öffentlichkeit belassen: «Sie wollten zeigen, was sie gekonnt hätten», sagte Verteidiger Johannes Pausch. Youssef El H. sei somit freizusprechen.

In seinem Schlusswort beteuerte der Angeklagte am vergangenen Dienstag seine Unschuld: «Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen, dass es nie meine Absicht gewesen ist, jemanden zu töten. Wenn ich Menschen hätte töten wollen, hätte ich alle Spuren gelöscht und mit Handschuhen gearbeitet.» Er sei durchaus in der Lage, die Sprengladung «korrekt bis zum Ende zu bauen».

Der Angeklagte hatte im Prozess zugegeben, die Kofferbomben in die zwei Regionalzüge gestellt zu haben. Die Züge fuhren nach Hamm und Koblenz. Die Zeitzünder wurden während der Fahrt jeweils zehn Minuten vor den Zielbahnhöfen um 14.30 Uhr ausgelöst, wegen des falschen Gasgemischs explodierten die Bomben aber nicht.

Diverse Spuren weisen auf den Angeklagten und seinen bereits im Libanon zu zwölf Jahren Haft verurteilten Komplizen. In den Koffern fanden sich Telefonnummern aus dem Libanon und Kleidungsstücke mit DNA-Spuren der Libanesen. Die Bombenteile hatten sich die beiden im Baumarkt besorgt und aus Propangas-Flaschen und Weckern zusammengebaut. Die Anleitung dazu hatten sie aus dem Internet. Die Quittungen für die Bauteile fielen den Ermittlern in der Kölner Wohnung von Jihad H. in die Hände.

Außerdem hatten die mehr als 100 in dem Fall eingesetzten Beamte des Bundeskriminalamts Daten aus hunderten Überwachungskameras ausgewertet, bis sie schließlich die jungen Männer auf dem Bahnsteig an Gleis 2 und 3 des Kölner Hauptbahnhofs im Bild hatten. Youssef El H. trug dabei ein Trikot der deutschen Fußball-Nationalelf mit der Nummer 13 - der des Kapitäns Michael Ballack. In welcher Gefahr die Menschen in der Nähe der Bomben schwebten, wurde erst klar, als die herrenlosen Koffer in der Gepäckaufbewahrung geöffnet wurden.

Youssef El H. wurde drei Wochen nach der Tat am Kieler Hauptbahnhof festgenommen. Er wollte zu seinem Bruder nach Schweden flüchten, weil er mit Fahndungsbildern gesucht wurde. Der libanesische Geheimdienst war ihm auf die Schliche gekommen, als er mit seiner Familie im Libanon telefoniert hatte. Von Frank Christiansen, dpa

dpa-infocom