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Handgeschriebene Briefe werden Luxus

Berlin Edles Papier, hübsch geschwungene Füllerschrift und eine sorgsam ausgewählte Briefmarke - solche Schreiben stecken immer seltener im Postkasten.

Die Zeiten des 18. Jahrhunderts, in denen der gepflegte Privatbrief zu großer Blüte gelangte, sind lange vorbei.

«Bin zu faul zum Briefeschreiben» , notiert ein junger Mann im Internet-Blog. Es sei ja auch sehr anstrengend für die Hand, pflichtet ihm eine Chat-Bekanntschaft bei. Außerdem sei die E-Mail viel schneller. An das Aussterben persönlicher Briefe glauben Wissenschaftler dennoch nicht. Als eine Art Luxusgut werde sich der klassische Privatbrief behaupten. Doch die Handschrift als individuelle Note, sie könne im Computerzeitalter langsam verschwinden - oder zu einer neuen Kunstgattung werden.

Wenn es um Privatbriefe geht, ist Weihnachten die beste Zeit für die Deutsche Post. Doppelt so häufig wie im Rest des Jahres greifen die Deutschen dann zu Stift, Grußkarte und Briefumschlag, berichtet Pressesprecherin Anke Baumann. Doch das kann den Negativ-Trend bei persönlichen Briefen nicht aufhalten. Von den täglich 70 Millionen Briefen in Deutschland gehen nach den Zahlen der Post nur noch sieben Prozent von privat an privat. Vor acht Jahren waren es noch zehn Prozent.

Sogar der Briefkasten im Hausflur hat damit eine andere Bedeutung bekommen, fand Joachim Kallinich, Ethnologe an der Berliner Humboldt-Universität (HU), in einer Studie heraus. Schauten die Deutschen früher recht erwartungsvoll in ihren Postkasten, sei er heute fast schon mit Angst besetzt. «Denn da liegen fast nur Behördenbriefe oder Rechnungen drin», erläutert Kallinich. Persönliche Briefe brauchten heute einen besonderen Anlass wie Geburten, Hochzeiten oder Todesfälle - oder eben ein Familienfest wie Weihnachten.

Briefforscher Veit Didczuneit sortiert im Berliner Kommunikationsmuseum nach zwei anderen Kategorien: Zwang und Lust. Kriege, die deutsche Teilung oder Auswanderung, das bedeutet für ihn Zwang zum Briefschreiben - früher zumindest. Im Museum sind tausende Briefe archiviert, die nach 1945 als «Post von drüben» zwischen West- und Ostdeutschland hin- und hergingen. «Spätestens 1991 bricht dieser rege Briefverkehr ab. Die Menschen haben sich lieber besucht oder telefoniert», sagt Didczuneit. Heute schreiben sie E-Mails, SMS oder skypen - das meint Kommunikation via Webcam und Internet.

Das Kapitel «Lust» hat beim Brief andere Hintergründe. «Da geht es um die Wertschätzung des Adressaten, aber auch um die eigene Selbstdarstellung», ergänzt Didczuneit. Ein handgeschriebener Brief sei im Digitalzeitalter wie ein Geschenk, etwas Unvergängliches. Liebesbriefe auf hübschem Papier lüden sofort zum Aufbewahren ein. «E-Mails sind flüchtiger», sagt der Briefforscher. «Sie haben die Kommunikation zwar vermehrt, aber sie hinterlassen weniger Spuren.» Für künftige Historiker könne das glatt zum Problem werden. Briefe als Quellen für Mentalitäten, Bildung oder Alltagskultur werden rarer. Auch die Kunst des Briefeschreibens, sorgsam komponiertes Erzählen, ist kein Thema mehr. Die heutige Ratgeberliteratur befasst sich fast ausschließlich mit Bewerbungen oder Geschäftsbriefen.

Im 18. und 19. Jahrhundert war das völlig anders. Da veröffentlichte der Schriftsteller Karl Philipp Moritz (1756-1793), Autor des Romans «Anton Reiser», eine umfangreiche Anleitung zum Briefeschreiben. Seinen «Briefsteller» hat die Berliner Akademie der Wissenschaften gerade neu bearbeitet. «Was wirklich schön gesagt seyn soll, muss auch vorher schön gedacht seyn», riet Moritz in der Sprache seiner Zeit. In Briefen gelte es, einen Ton «kriecherischer Demut» zu vermeiden, ebenso «fades Geschwätz» oder «Wortgeklüngel». Ein Brief, das sei die Nachahmung eines guten Gesprächs, in der «natürlichen Sprache des Herzens». Und bitte ohne Rechtschreibfehler oder andere Peinlichkeiten wie das Verwechseln von mir und mich.

Der Ausblick des Moritz-Bearbeiters Christof Wingertszahn auf unsere Zeit klingt wenig optimistisch. Er glaube nicht, dass bald noch viele Menschen einen gelungenen, handschriftlichen Privatbrief verfassen könnten, sagte er bei der Buchvorstellung. So negativ sieht HU-Professor Kallinich die Zukunft nicht. Für persönliche Briefe werde es Nischen geben, als besondere Form der Wertschätzung.

Verloren gehen könne mit der Zeit jedoch die traditionelle Erzählweise eines Briefes, sagt auch Kallinich. «Die Entwicklung geht im Schreibstil in Richtung einer Zapp-Kultur». Er sieht das nicht nur mit Wehmut. «Auch SMS können kreativ sein», sagt er. Nur für die Handschrift sieht er rabenschwarz. «Ich glaube, dass Kinder das Schreiben mit der Hand bald im Kunstunterricht lernen, nicht mehr in Deutsch.» So könnte der handschriftliche Brief zum Kunstobjekt werden - Kalligraphie per Post. Von Ulrike von Leszczynski, dpa

dpa-infocom