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Historiker Jim Moore: Darwin - Heiliger und Satan

In seinem neuen Buch „Darwin’s Sacred Cause“ (Darwins heiliger Grund) stellt der Historiker Jim Moore von der Open University in Milton Keynes gemeinsam mit seinem Kollegen Adrian Desmond eine Aufsehen erregende These auf: Der große Engländer habe die Sklaverei im 19. Jahrhundert verabscheut und seine Evolutionslehre entwickelt, um zu zeigen, dass Menschen aller Hautfarben gleichwertig seien.

Unser Londoner Korrespondent Alexei Makartsev sprach mit Professor Moore über den globalen Darwin-Kult und das angebliche Ende der Evolution.

  • Warum wird Charles Darwin heute von so vielen Menschen auf der ganzen Welt gefeiert?
  • Moore: Weil er als Heiliger der Wissenschaft gillt. Oder aber als Satan für gläubige Menschen. 200 Jahre nach seiner Geburt polarisiert Darwin immer noch die Meinungen, andernfalls hätte dieses Jubiläum nicht so große Bedeutung. Seine Theorie erklärt die Mannigfaltigkeit des Lebens. Sie hilft uns, unseren Platz in der Natur zu verstehen. Darum berühren Darwins Ideen uns auch heute noch zutiefst. Außerdem hat ihn noch niemand widerlegen können: Die Weise, wie Darwin die Evolution verstand, gilt nach wie vor als wissenschaftlich korrekt.
  • Darwinismus ist in aller Munde. Aber wer weiß schon wirklich, was Darwin gesagt hat und wer er war...
  • Moore: ...ja, es ist erstaunlich , wie unzugänglich die Öffentlichkeit für neue Ideen über Darwins Person und seine Theorie ist. Stattdessen werden die alten Fehler wiederholt und die Mythen verbreitet. Manche Menschen reißen außerdem Darwins Lehre aus dem historischen Kontext hinaus. Denken Sie an Jesus: Für viele existiert keine historische Wahrnehmung dieser Person. Er ist einfach nur Gott. So ähnlich ist das bei Darwin: Seine Bücher werden nicht als ein Produkt jener Zeit wahrgenommen. Und es gibt einen großen Unwillen, Darwin als eine historische Figur zu sehen, die verschiedenen Einflüssen unterworfen war. Die Menschen haben einen Messias aus ihm gemacht.
  • Auch einen Popstar der Wissenschaft, so wie einst Albert Einstein?
  • Moore: Ja, allerdings gibt es keine große Kontroverse über Einsteins Ideen.Vielleicht, weil die Relativitätstheorie wenig in direktem Zusammenhang mit unserer Lebensweise steht. Bei Darwin ist es jedoch anders. Dieser gütige Mann mit dem markanten Bart wird von vielen als eine Mischung aus Großvater, Nikolaus und Weihnachtsmann wahrgenommen. Das Sinnbild für Einstein ist das Gehirn, es ist schwieriger, sich damit zu assoziieren.
  • Tragen solche globalen Feiern wie jetzt zur Aufklärung mancher Darwin-Mythen bei?
  • Moore: Laut der populärsten Legende kam der große Biologe an Bord der „Beagle“, er segelte nach Galapagos, sah dort die Finken und schwupps, kam ihm die Evolutionstheorie in den Kopf. Dass es nicht so war, haben die Wissenschaftler längst nachgewiesen.
  • Wo sehen Sie die Wurzeln der Abstammungslehre?
  • Moore: Die meisten Naturforscher seiner Zeit haben an die göttliche Schöpfung geglaubt. Warum also wurde er zum Evolutionisten und andere nicht? Vielleicht weil der im Geist der Anti-Sklaverei-Bewegung erzogene Darwin fest an die Brüderlichkeit der Menschen geglaubt hat und an den gleichen Ursprung der Schwarzen und Weißen. Er ließ sich von diesem Glauben zu seiner Theorie inspirieren. Wir haben die Beagle-Expedition in den Kontext gestellt mit den Bemühungen jener Zeit, den transatlantischen Sklavenhandel zu bekämpfen. Damit haben mein Kollege und ich eine moralische Basis unter Darwins Wissenschaft aufgebaut.
  • Alle Werke Darwins sind mittlerweile im Internet zu finden. Wie fühlt sich ein Forscher, wenn sein Schatz – in Fachbibliotheken gehütetes Wissen – seine Exklusivität verliert?
  • Moore: Diese Demokratisierung des Wissens ist wunderbar, weil es dadurch den Menschen überall auf der Welt zur Verfügung steht. Ich sehe allerdings die Gefahr, dass sie dieses Wissen selbst interpretieren und zu falschen Schlüssen oder gar abstrusen Verschwörungstheorien kommen könnten. Denken sie an die Menschen, die von Luther die Übersetzung der Bibel bekamen. Alles, wovor die katholische Kirche gewarnt hat, traf damals ein.
  • Manche Forscher behaupten, die Evolution sei am Ende angekommen. Teilen Sie diese Sicht?
  • Moore: Nein. Die Evolution schreitet voran und zwingt die Populationen, sich zu verändern. Die interessante Frage ist heute, wie der Mensch in die Natur eingreift und die natürliche Auslese beeinflusst.
  • Von Alexei Makartsev, London

    RZO